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Haute Couture Weiß wie Schnee und blutrot wie die Revolution

25.01.2006 ·  Die Kälte trifft selbst die Haute Couture: Bei den Schauen in Paris hüllen sich die Zuschauer in Pelzmäntel, die Models tragen Schneeweiß und Karl Lagerfeld spielt wie das Wetter mit osteuropäischen Motiven. Nur der Revoluzzer John Galliano tanzt mal wieder aus der Reihe.

Von Alfons Kaiser
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Die Kälte trifft auch die Haute Couture. Als die Besucher am Dienstag zur Chanel-Schau ins Grand Palais kamen, fanden sie wenigstens Decken und Thermoskannen mit Tee auf ihren Sitzen vor. Der heiße Schluck, leider ohne Rum, war bitter nötig. Denn so schön der renovierte und im Oktober zum ersten Mal genutzte Schauenraum unter der gigantischen Glaskuppel ist - so bitter kalt ist er im Winter.

Passend zum Klima ließ Karl Lagerfeld („Designer ABC“: L wie Lagerfeld) die Models mit den Entwürfen für Frühjahr und Sommer durch einen schneeweißen Ring laufen. In der Mitte verschwanden sie in einem großen Zylinder, der sich am Ende hob und alle Modelle auf einer hohen Wendeltreppe zeigte: die schwarz und weiß gehaltenen Kleider und Kostüme, die weißen flachen Stiefel mit schwarzer Kappe. Die A-Linien-Kleider, die sich weder vor Reifrock noch vor der Schleppe hüteten, wirkten nicht gravitätisch, weil sie mit rosefarbenen Applikationen und leichter Spitze rechtzeitig in die leichte Muse abdrehten. Und die mit farbigen Borten abgesetzten weißen Kostüme spielten - wie das Wetter - mit osteuropäischen Motiven. Karl Lagerfeld schien am Ende mit der Braut im Eiskristallpalast seine Runde so schnell zu drehen, weil er bald wieder nach New York muß.

Prächtige Vielfalt

Dort wird er zur Fashion Week erstmals seine bisher in Paris präsentierte eigene Linie „Lagerfeld Gallery“ zeigen. Eine Schwächung von Paris bedeutet das nicht. Die Haute Couture zum Beispiel zeigt sich aufgeräumt. Nur der Wegfall des Hauses Scherrer ist zu beklagen. Dafür gaben die anderen Altmeister prächtige Vielfalt. Giorgio Armani („Designer ABC“: A wie Armani) zeigte sich mit seinen herrlich bestickten Prachtroben der Linie „Privé“ wieder einmal innovativer als im Prêt-à-porter.

Weiß wie Schnee und blutrot wie die Revolution

Valentino schuf die üblichen Seidenorgien in einer angenehmen Vierziger-Jahre-Leichtigkeit. Und John Galliano („Designer ABC“: G wie Galliano) ging für Dior („Designer ABC“: D wie Dior) am Montag auch ideengeschichtlich in die vollen. Die Zahl „1789“ trugen die Models auf den Kleidern, gepuderte Gesichter mit dunkel geränderten Augen und blutroten Spritzern machten modisch auf die Dialektik der Revolution aufmerksam. Die schweren Umhänge, großen Krägen, dicken Ketten, rüschigen Röcke, das knallige Rot und das sinistre Schwarz sollten den Aufruhr in den Vorstädten vor einigen Monaten mit der französischen Geschichte verweben. Aber wenn es nur so zwanglos gewesen wäre wie bei Gallianos sonstigen Ideen! So wirkte es altbacken. Am Ende lief Galliano gar mit einem Schwert über die Bühne!

Die Haute Couture bleibt traditionell

Den genaueren Bezug zur Vorstadt-Jugend wird wohl eher Hedi Slimane herstellen, der am kommenden Dienstag die Dior-Herrenkollektion unters Modevolk bringt. Daraus lernt man: Die Haute Couture überzeugt, wenn sie ihre Traditionen aufarbeitet. Die Auseinandersetzung mit der Gegenwart sollte sie dem Prêt-à-porter überlassen: Das ist seit vier Jahrzehnten der bessere Ort für tagesaktuelle Mode.

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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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