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Haute-Couture-Schauen Lolitas, Diven, Schnabeltiere

08.07.2006 ·  Spaß auf hohem Niveau bieten die Haute-Couture-Schauen in Paris. Denn mit einem Ausgriff auf eine rauschende Vergangenheit präsentieren die Modemacher nicht nur die Herbst- und Winterkollektionen für 2006/07.

Von Florentine Fritzen, Paris
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Der Hohe Schneider trägt das silberne Haar zum Zopf und eine Rüschenbluse. Seine schwarzen Stiefel verschmelzen glänzend mit einer gestauchten Anzughose. An der Hand hält Karl Lagerfeld eines seiner Geschöpfe. Ein Schleier schmückt es zur kindlichen Braut. Ihre weißen Stiefel treffen sich auf der Mitte der Oberschenkel mit einem kurzen Kleid. Auf dem Kleid sitzen mandelförmige Steine. Der Meister lacht, das Mädchen lächelt. Es war eine gute Schau.

Die Zuschauer in dem weißen Zelt auf der Pelouse de Saint Cloud im Pariser Bois de Boulogne wirken auch zufrieden. Haute Couture macht einfach Spaß auf hohem Niveau, das hat sich auf den Schauen der Herbst- und Winterkollektionen für 2006/07 von Mittwoch bis Freitag wieder einmal deutlich gezeigt. Von Lagerfeld hat jeder eine Packung Chanel No. 5 bekommen, zwar nur das Eau de Toilette, aber immerhin, Kylie Minogue ist da und angeblich auch Sandra, ja genau, die mit dem Hit „Maria Magdalena“ damals Mitte der Achtziger, es gibt ein Fläschchen Evian-Wasser an jedem Platz und Champagner vom Kellner-Tablett, und als nächstes gehen wir zu Dominique Sirop.

Lagerfeld in umgekehrtem weißen Zirkuszelt

Oder lassen wir den lieber weg und gehen noch eine Kleinigkeit essen in diesem süßen Bistro, das wir am Abend zuvor im Marais gesehen haben, da an der Ecke, als wir von Adeline Andre zu Valentino gefahren sind? Ach, ja, genau, lassen wir Dominique Sirop weg und steigen dann am Nachmittag bei Christian Lacroix wieder ein in die Hohe Schneiderei.

Neben allem anderen ist bei Chanel auch die Kleidung sehr schön. Lagerfeld zeigt sie in einem umgekehrten weißen Zirkuszelt: Die Manege bildet den äußeren Ring, die Zuschauertribüne liegt in der Mitte - mit den Fotografen im innersten Zirkel. Die kindlichen Modelle, deren weißer Laufsteg die Zuschauer umkreist, tragen vor allem kurze Kleider und Zweiteiler, wie es sich für Chanel gehört. Viele Steine sitzen darauf, Perlen, Spitze, Borten und Broschen mit Gehängsel. Darunter tragen die Mädchen Jeans und Stiefel.

Pelzkringel an Hals, Schultern, Ärmeln und Saum

Manche Kleider sehen nach Tweed aus, sind klassisch Chanel-farben in schwarzen und weißen Karos. Bei anderen lugt ein zusätzlicher Faltenrock unter dem Kleid hervor. Wieder andere sind fast vollständig mit Edelmetall und Edelstein besetzt: zarte Panzer mit verspieltem Schachbrettmuster. Die Ärmel gehen oft nur bis zum halben Unterarm. Darunter tragen die Lagerfeld-Engelchen mit ihrem schön schrägen Schlafzimmerblick Handschuhe, aus denen die Finger herausgucken. Andere Kleider haben winterliche Pelzkringel an Hals, Schultern, Ärmeln und Saum. Eines bauscht sich unten herum und plustert sich seitlich zu Puffärmeln auf. Auch die wenigen langen Kleider von Chanel lieben die runde Form. Sie werden über Tournüren gerafft, jenen kleinen Höckern über dem Hinterteil, die an Ballnächte vergangener Zeiten denken lassen.

In eine rauschende Vergangenheit greift auch Valentino aus. Seine toupierten Frauen sind Diven. Während Lagerfelds rauchig geschminkte Lolitas mit ihren Perlenkränzchen das Herz berühren, läßt Valentino das Hirn rattern: siebzehntes Jahrhundert? Achtzehntes? Spanischer Hof? Königin Elisabeth? Auf der Schau im Theatre National de Chaillot am Trocadero gibt es Kleider wie Kaskaden, mehrstufig herabfallend bis zum Boden, isabellafarben, altrosa, hautrosa.

Valentino inszeniert die Schultern seiner Königinnen

Aber auch Grün und Violett sind Töne, die Valentino mag. Die Besucher sehen viel Tüll und Spitze, florale Muster, Schleifen und Brokat. Manche Kleider haben hohe Empire-Taillen und Pelzkragen. Ein rotes Modell läßt an ein Flamencokleid denken, ein weißes hat eine große schwarze Schleife am Rücken. Valentino inszeniert die Schultern seiner Königinnen. Er läßt beide frei oder nur eine von ihnen, kleidet sie mit breiten Trägern, läßt sie hinter schrägen Stoffbahnen ahnen.

Bei Dior tritt die Frau hinter der Hohen Schneiderkunst zurück. John Gallianos Haute Couture ist mehr Kostüm als Kleidung, flammend präsentiert am Hippodrome, wo die Seine die Stadt von den westlichen Vororten trennt und wohin der Weg durch den sommerlichen Bois de Boulogne weit ist. John Galliano präsentiert Gestalten des Karnevals, streng ausladend erstarrte Ungetüme, in denen Arme und Beine verschwinden. Am Kopf tragen die unsichtbaren Gestalten Federn oder ganze Gestänge, um die sich bunte Bänder weben. Manche haben auch Gebilde auf dem Kopf, die einerseits an Rio denken lassen und andererseits die Form von Elefanten-Stoßzähnen haben.

„Just keeeeep going, oh sexy, that's great“

Auch Felipe Oliveira Baptista nimmt morphologische Anleihen in der Tierwelt. Seine Schneiderkunst führt der Portugiese im Musee de l'Homme am Trocadero in der Nähe des Eiffelturms vor, aber seine Models schieben sich als Schnabeltiere durch den Raum. So lang nämlich sind die schmalen Schirme ihrer Hüte nach vorne gezogen. Die Kleider dazu sind rot, schwarz oder weiß und erinnern an kunstvoll gefaltete Origami-Figuren. Manche Schnabeltiere tragen noch Kapuzen über ihrem Schnabel, andere haben einen Ritterhelm auf. Gemeinsam ist ihnen ihr verborgenes Antlitz. Oliveira Baptista hat auch Kleider mit Lamellen schneidern lassen, die an Sonnenrollos denken lassen. Andere Modelle greifen in die Entwicklungsgeschichte des Menschen zurück - oder wiederum zur Tierbiologie? Über schwarzen Stoff legen sich Skelette mit langem Steiß. Auch einen kurzen Rock mit Wirbelsäulen-Elementen hat der Modemacher im Angebot.

Eine andere Haute-Couture-Schau in Paris kommt ganz ohne Musik aus. Das ist ungewöhnlich, denn üblicherweise schlucken Melodien und Bässe alles Handygeklingle und Getuschle, jeden Kommentar von den Zuschauerrängen. Auf der Schau der französischen Designerin Adeline Andre aber gibt es keine Boxen, sondern nur ein paar Tauben, die im rechteckigen Oleandergarten des Stadtviertels Marais gurren, und ein paar andere Vögel, die sich in den Zweigen der Linden einen netten Abend machen. Und dann nur noch einen amerikanischen Fotografen, der seinen Wortfluß nicht hemmen kann und einfach jede Bewegung der Modelle mit Kommentaren wie „perfect, thank you, oh, yellow, very nice, just keeeeep going, oh sexy, that's great“ begleiten muß. Alles „Sssh!“ der meist älteren Besucherinnen der Gartenschau kann dem Mann nicht aus seiner Sprechsucht helfen. Die Emotionen der befremdeten Umwelt pendeln zwischen Ärger und Lachkrampf.

Tomate, Ingwer, Nacht, Mehl, Erdboden und Perlmutt

Das Geburtsdatum der Adeline Andre fehlt auf der Internetseite der Pariser Modekammer, andere Biographien beginnen mit ihrem Diplom 1970. Auch Körper verhüllt die Modemacherin eher, als daß sie sie freigibt. Ihre gerade, minimalistische Mode, zum Teil von älteren Modellen präsentiert, kippt dadurch manchmal ins Gouvernantenhafte. Und schon beim nächsten Modell ist diese Mode wieder verführerisch, bloß weil die Ärmel abgeschnitten sind oder eine Kordel einen Ansatz von Taille schafft. Die Farben der Modemacherin heißen Tomate, Ingwer, Nacht, Mehl, Erdboden, Milch, Perlmutt und Karamel. Die Kleider sind einfarbig, oft gewickelt, die Ränder gerade und so unsichtbar abgenäht, daß sie aussehen wie geschnitten.

Die Modelle der Adeline Andre, die keine Models im strengen Sinne sind, sondern silbernes oder platingebleichtes Haar mit dunklem Ansatz haben, schreiten in Sandalen über das Gras und um das Schilf des Gartenteichs, die nicht mehr sind als Sohlen. Das fällt auch dem amerikanischen Fotografen auf. „We don't have shoes like this in Wisconsin“, teilt er allen mit, die es nicht hören wollen. Wie die Schuhe, die der Amerikaner in seiner Heimat vermißt, an den Füßen haften - auch das gehört zu den Geheimnissen der Adeline Andre. Am Schluß der Schau zeigt sie sich ganz in anständigem Weiß. Ihr Haar flammt in Henna.

Quelle: F.A.Z., 08.07.2006, Nr. 156 / Seite 9
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Jahrgang 1976, Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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