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Haute Couture Chichi, as chic can

 ·  Die Haute Couture hat sich gesundgeschrumpt und blüht gerade deshalb wieder auf. Ein Rausch aus Taft und Chiffon, Pailletten und Steinen, Rüschen und Schleifen, wie ihn beispielsweise Dior auslöst, ist wichtig, um die hohe Schneiderkunst am Leben zu erhalten.

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Auf seinen Streifzügen durch die Botanik hätte sich Christian Lacroix fast in einem Irrgarten der Blumen verloren. Bouquet-Applikationen, Blumen-Inkrustationen, Chiffon-Raffungen in Blütenform, gecrushte Taft-Jacken mit floralen Mustern und Blumendiademe: Es grünt und blüht auf den Haute-Couture-Entwürfen des Modeschöpfers. „Eigentlich denke und träume ich schwarz-weiß“, sagt Lacroix fast entschuldigend nach der Schau - im Hintergrund hängt die Kollektion aus tausend Knallfarben schon wieder an den Haken. „Aber seit Farbfotografie und Farbfilm aufkamen, bin ich süchtig nach Farben.“

Man sieht es auch an den Einflüssen von Henri de Toulouse-Lautrec und Art nouveau. Könnte man auch sagen: Dior macht auf Japan, Chanel macht auf Chanel, Lacroix bringt Paris? „Danke! Sie sind der Erste, der es erkannt hat. Dies ist die Essenz der Pariser Haute Couture.“

Überfluss der Stoffes, Überfluss der Ideen

Die hohe Schneiderkunst, die in dieser Woche in Paris in 25 Schauen zelebriert wird, führt nicht nur das Publikum in eine Art Parallelwelt der Mode. Auch die Modeschöpfer schwelgen im Überfluss der Stoffe und im Überschuss der Ideen. Lacroix schwärmt also nicht nur vom Reichtum der Farben, die er so unmittelbar in die Mode bringen will, dass er viele Kleider nicht färben, sondern bemalen ließ. Er malt sich auch sein eigenes Paris aus. In seiner Heimatstadt Arles, so sagt er, kannte er die Kapitale nur aus dem Film „Ein Amerikaner in Paris“. Als er nach Paris kam, war er enttäuscht, dass hier die Menschen nicht auf der Straße tanzten. Daher arbeitet er sich, inzwischen 55 Jahre alt, auch in seiner 39. Haute-Couture-Schau nicht an Paris ab, sondern vor allem an seiner Vorstellung von der Hauptstadt der Mode. Nur wer das nicht verstand, verdrehte die Augen wegen des blühenden Frou-frou und Chichi.

Chichi, as chic can

Die Haute Couture, die selten gewordene Kunst der handgefertigten und maßgeschneiderten Mode, verlangt viel von den Sehnerven. Das Prêt-à-porter bringt wie am Fließband in mehr als 100 Kollektionen die modische Gebrauchsware ans Publikum. Die Haute Couture hingegen zeigt all jene modische Bizarrerie, die sich selbst der „fashion victim“ im wahren Leben versagt. Die Einkäufer der großen amerikanischen Kaufhäuser wie Bergdorf Goodman zum Beispiel, die allesamt in der ersten Reihe sitzen, werden kein einziges dieser Stücke im Wert eines Klein- bis Mittelklassewagens kaufen und weiterverkaufen. Warum sind sie dann hier? „To have fun“, meint Joe Boitano von Saks Fifth Avenue amüsiert. Außerdem schaut er sich schon einmal die Vorkollektion des Prêt-à-porter an, dessen Hauptkollektionen für Herbst und Winter erst Anfang März über die Bühne gehen.

Kundin muss nicht ins Kaufhaus

Nein, die Haute-Couture-Kundin muss in kein Kaufhaus gehen. Entweder sie kommt nach Paris: Dann sitzt sie im Publikum, geht am nächsten oder übernächsten Tag ins Atelier und lässt sich ihren Lieblingsentwurf anpassen. Oder sie bleibt zu Hause: Dann kann sie sich ihr Lieblingsteil bei diskreten Präsentationen in Hotelsuiten von New York oder Houston oder auch bei einem Hausbesuch in Kuweit aussuchen. Nur noch gut 600 Frauen leisten sich das teure Vergnügen. Jeder Entwurf wird höchstens einmal pro Land verkauft - so begegnen sich zwei Damen im gleichen Kleid nicht so leicht in der Oper. Marie Martinez, bei Lacroix für die Haute Couture zuständig, reist dauernd um die Welt. Das Geschäft wachse seit Jahren. Und Marco Gobbetti, der als Chef von Givenchy den Designer Riccardo Tisci ins Haus geholt hat, der eine moderne Interpretation Pariser Chics zeigt, freut sich über stark wachsenden Zuspruch. Vor allem in Russland, im Mittleren und Fernen Osten sind immer mehr und immer mehr jüngere Frauen interessiert. Im alten Europa dagegen ist die Begeisterung schwer anzufachen: Lacroix und Givenchy zum Beispiel verzeichnen jeweils nur zwei Haute-Couture-Kundinnen aus Deutschland. Aus der Schweiz sind es mehr.

Wenn sie Glück haben, gehen die Damen auch zu Dior. Die wohl schönste Präsentation der Woche hat dort John Galliano vorgestellt. Handbemalte Seiden-Degradés, wattierte Kimonostoffe mit Chrysanthemenstickereien, mit schwarzen Federn bestückte Cocktailkleider, die hochgebockten Geta-Holzschuhe der Geishas, Hokusai-Wellen auf dem Kasten-Oberteil, Bonsai-Bäumchen auf dem Kopf - Galliano würdigt mit rührendem Eifer die Geishas als Bewahrerinnen der alten japanischen Mode. Er hat aber auch Christian Dior nicht vergessen: Die Bleistiftröcke und die überdimensionalen Schößchen erinnern an die hauseigene Weiblichkeit, die abgerundet, aber in Trippelschritten daherkommt. Den Applaus nahm der kostümierfreudige Designer in der Phantasieuniform des Benjamin Franklin Pinkerton aus „Madame Butterfly“ entgegen. Galliano allerdings bringt weniger Schande über die japanische Kultur als der ruchlose amerikanische Marineoffizier aus der Puccini-Oper. Vielleicht glich sein Pinkerton deshalb einer Karikatur.

Couture-Kriterien aufgeweicht

Didier Grumbach blickt noch immer verzückt, wenn er an den Dior-Rausch aus Taft und Chiffon, Pailletten und Steinen, Rüschen und Schleifen denkt. Der Präsident der Pariser Modekammer braucht solche Momente, um die Haute Couture am Leben zu erhalten. Nur noch acht reguläre Mitglieder erfüllen die Voraussetzungen - ein Atelier mit zwanzig Näherinnen, den Hauptsitz in Paris und mindestens 35 Modelle auf der Schau. Zwei weitere, Ungaro und Scherrer, setzen gerade aus. Der Schauenplan wird durch „membres correspondants“ aufgefüllt - zuletzt sind der Libanese Elie Saab und der Italiener Giorgio Armani hinzugekommen. Die beiden haben aber ihren Hauptsitz wirklich nicht in Paris, Monsieur Grumbach! „Aber sie zeigen hier eine starke Präsenz.“ Armani also eröffnete am Dienstagabend mit viel Pomp sowie mit Katie Holmes und Victoria Beckham seine neue Boutique an der Avenue Montaigne. So verhüllt er die Aufweichung der Couture-Kriterien. Eine weitere Bedingung erfüllt er spielend: Haute-Couture-Kollektionen, so Grumbach, „müssen besondere Emotionen hervorrufen“.

So leicht und leichthändig wie Galliano gelingt das in dieser Woche nur zwei weiteren Designern: Valentino, seit 45 Jahren in der Mode, aber mit einer Frische aus Weiß und Champagner, die nur selten vom Triumphalen ins Trutschige rutscht; und Karl Lagerfeld, der schon beim Prêt-à-porter für dieses Frühjahr mit sensationellem Gespür den Schwarzweiß-Trend und den Minirockwahn mit der Chanel-Tradition versöhnte. Jetzt bringt er etwas mehr Farben, formt die schweren Bouclé-Jacken zu leichten Minikleidern, lässt Steine an Bändern baumeln und überzieht die Braut mit einem gigantischen Federbausch. Am Ende gibt der Vorhang 200 Chanel-Mitarbeiter hinter der Bühne frei: Näherinnen, Federnmacher, Sticker, Make-up-Frauen. Und ganz am Ende, als er alle Gratulanten abgeschüttelt hat und versonnen über den leeren Laufsteg im Grand Palais schwebt, meint Lagerfeld: „Die Haute Couture lebt, das hat man gesehen, oder?“ Mais oui!

Quelle: F.A.Z., 25.01.2007, Nr. 21 / Seite 9
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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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