22.01.2004 · Designer entwerfen Kleider - und Hairstylisten wie Odile Gilbert die passenden Frisuren dazu. Der Kopfschmuck ist bei den Haute-Couture-Schauen in Paris mindestens ebenso dramatisch wie das dazu passende Kleid.
Von Anke SchippNicht die Kleider sind die vergänglichsten Kunstwerke der Haute Couture, sondern die Frisuren. Kleider bestehen eine Saison lang, Frisuren überleben nicht mal einen Tag. Der Kopf bei Chanel: Wilde Locken, die im milden Gegenwind des Laufstegs flattern. Der Kopf bei Lacroix: Hochgejazzt und auftoupiert, mit schwarzem Samtband zusammengehalten und Straß-Brosche veredelt. Der Kopf bei Jean-Louis Scherrer: mit dem Eisen gekreppt und zur Hochfrisur gesteckt, die später bunte Soldatenmützchen aus Krokolederimitiat jonglieren muß.
Zwei Stunden vor der Schau trudeln die Models ein, damit ein Heer von Hairstylisten die Häupter bearbeiten können. Einer wäscht, einer onduliert, einer fönt. Das Ganze dauert etwa dreißig Minuten, muß zwanzig Minuten halten und fällt spätestens in sich zusammen, wenn das Model zum nächsten Designer hetzt. Der will statt Locken Schnittlauch, also waschen, fönen und so weiter.
Stylistin ohne Styling
Natürlich ist das Frisieren von Models, die viel Geld verdienen, glamouröser als das Frisieren von Menschen, die zehn Euro Praxisgebühr bezahlen müssen. Deshalb sind die, die an Modelköpfe herangelassen werden, mittlerweile selbst schon Stars. Die Hairstylistin von Karl Lagerfeld und Jean-Paul Gaultier, Odile Gilbert, ist so bekannt, daß ihr ein Bildband gewidmet wurde. "Her Style" heißt er, und der Titel ist um so bemerkenswerter, wenn man Madame Gilbert kurz vor der Chanel-Schau bei der Arbeit trifft. Denn das auffälligste an ihr ist ihre Frisur: Sie hat nämlich keine.
Ihre dunkelblonden Haare hängen strähnig über die Schultern. Kein Styling, kein Make-up, auch am Rest des Körpers nicht, Jeans, schwarzes T-Shirt. C'est ca. Odile merkt an: "Jeder denkt immer, daß die Modewelt schillernd ist. Dabei geht es nur um sehr harte Arbeit." Und die sieht für die Französin so aus, daß sie zwischen Paris und New York und allen anderen Orten dieser Welt pendelt, um für die Modenschauen, aber vor allem für die Shootings der Modemagazine Frisuren in die Reihe zu bringen oder aus der Reihe tanzen zu lassen, je nachdem, was Designer, Moderedakteurinnen, Fotografen oder Art-Direktoren möchten. "Ich mache alles - und ich meine wirklich: alles."
big head versus boyish look
Das Sagen haben aber erst mal die anderen. So wie heute. Karl Lagerfeld äußert seine Wünsche, und Odile gehorcht. Der Kontrast zwischen Strenge und Romantik in seiner Kollektion soll auch in den Frisuren zu sehen sein. "Es gibt den poetischen ,big head', und es gibt den ,boyish look'." Nadja Auermann trägt also die Haare jungenhaft zurückgegelt, während anderen die Locken um die Ohren fliegen. Aber der Designer spricht nur die Idee aus, danach hat er zu schweigen. "Ich kann keine Kleider machen. Und sie können keine Haare machen", sagt Odile bestimmt. Kaum vorstellbar, daß einer zur wiedersprechen wagte. Die Coiffeuse denkt nicht in Trends, denn sie macht sie. "Darauf arbeite ich schließlich vor jeder Couture-Schau sechs Monate hin." Im Moment seien die Frisuren "chic", aber auch natürlich.
Der Fransenlook ist vorbei, es gibt wieder gerade Schnitte, wenig künstliche Farben. Auch das Pony steht weiter hoch im Kurs und liegt tief in den Augen. "Weil es Frauen jünger macht!" Mehr Einblick will sie nicht in ihre Arbeit gewähren. Ihren ersten Job hatte sie vor zwanzig Jahren bei Peter Lindbergh, der jetzt ein guter Freund ist. Der deutsche Fotograf findet in dem Buch über Odile eine erstaunliche Erklärung für ihre Kreativität: "Du bist immer unsicher gewesen, und du bist es noch. Wie wunderschön das ist." Und wie selten in einem Metier, das von Kopf bis Fuß geplant und durchgestylt ist. Odile Gilbert packt nach der Schau Kamm, Fön, Schere in einen Rucksack und verschwindet. Der nächste Job wartet. Keine Zeit, zum Friseur zu gehen.
Anke Schipp Jahrgang 1966, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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