10.02.2009 · Sibylle Bergemann gehörte zu den wichtigsten Modefotografinnen der DDR. Den Glamour der „Vogue“ hatte der Kommunismus nicht zu bieten. So lichtete Bergemann die sozialistische Frau vor spröden Industrieanlagen ab. Der direkte Blick ist ihr geblieben.
Von Anke SchippEs ist der dritte Tag der Berliner Modewoche. Samstagabend in der Luxusboutique „The Corner“ am Gendarmenmarkt. Man steht mit seinem Drink zwischen Kleidern der Preiskategorie 500-plus, verteilt Küsschen auf geschminkte Wangen, redet mit ausladender Geste von der letzten Schau, der besten Kollektion, bevor man zum nächsten Event eilt - „Ciao, wir sehen uns in New York!“
Mittendrin steht schweigsam eine zarte Frau in grauem Hosenanzug. Sie ist der Anlass des Empfangs. Und doch wirkt sie, als sei sie aus Versehen in eine falsche Veranstaltung geraten und finde den Ausgang nicht.
Den Blick nicht verloren
Sibylle Bergemann gehörte in der DDR zu den wichtigsten und stilprägenden Modefotografinnen. Für das Berliner Modemagazin „Achtung“ hat sie jetzt die neue Kollektion des kalifornischen Labels Rodarte fotografiert - die Bildstrecke ist noch bis Mitte Februar bei „The Corner“ zu sehen. Es ist eine kleine Ausstellung, aber sie könnte die Wiederentdeckung einer großen Fotografin markieren, die auch nach der Wende ihren ganz eigenen Blick behalten hat.
Am Morgen nach der Vernissage sitzt Sibylle Bergemann in der Agentur Ostkreuz, die sie 1990 mitgegründet hat. Klein und zusammengesunken, verschwindet sie fast hinter einem riesigen runden Holztisch. Smalltalk liegt ihr nicht; manchen Ball, den man ihr zuspielt, lässt sie schweigend ausrollen. Doch das ändert sich, als sie anfängt, von ihrer Arbeit zu reden, unprätentiös und einfühlsam zugleich - Attribute, mit denen sich auch ihre Fotos beschreiben lassen.
Die Arbeit an der Schreibmaschine langweilte
Als Modefotografin in der DDR zu arbeiten, das war in etwa so, als hätte ein ZK-Mitglied versucht, in Hollywood Fuß zu fassen. Das elitäre Prinzip der Mode, eine Frau als Individuum zu präsentieren und von anderen abzusetzen, passte nicht ins kollektivistische Weltbild des Sozialismus. Es gab einige wenige Magazine wie „Für Dich“ und die auch im Westen bekannte „Sibylle“, die über Mode berichten durften - unter der strengen Kontrolle des Zentralkomitees.
Sibylle Bergemann kam zufällig zur Fotografie. Nachdem sie mehrere Jahre als Sekretärin gearbeitet hatte, landete sie in der Bildredaktion der Zeitschrift „Das Magazin“. Ihre Arbeit an der Schreibmaschine langweilte sie. So begann sie sich für die Fotos zu interessieren, die sie umgaben. Die damalige Bildredakteurin ermunterte sie schließlich, die Vorlesungen des bekannten Fotografen Arno Fischer an der Kunsthochschule Weißensee zu besuchen. Das veränderte ihr Leben.
„Am Anfang fiel es mir schwer, Menschen zu fotografieren“
Gut vierzig Jahre später ist ihr anzumerken, wie aufregend diese Zeit war, auch wenn sie, nachdem sie von einen Tag auf den anderen ihren Job aufgab, wenig Geld und eine Tochter zu versorgen hatte. Sie wurde die Lebensgefährtin von Arno Fischer. Der erste Auftrag war ein Foto für die Straßenverkehrskolumne „Inge am Lenkrad“. Am liebsten aber streifte sie durch Berlin und schoss Momentaufnahmen. „Am Anfang fiel es mir schwer, Menschen zu fotografieren. Wenn einer was sagte, drehte ich mich sofort weg.“ Sie interessierte sich vor allem für Randthemen. Ihre Schwarzweißfotos waren Abbilder des Alltags, manchmal so lakonisch, wie sie redet, oft aber auch mit dem Ausdruck leiser Ironie.
Eine Ästhetik, die den Staatsapparat auf Abstand hielt. „Ich musste zum Glück nie Fotos machen, die zeigen sollten, wie toll der Sozialismus ist“, sagt sie heute. Den Redakteuren der Zeitschriften, die den fröhlichen Arbeiter in der Fabrik zeigten, waren ihre Fotos zu traurig. Gemeinsam mit Kollegen gründete sie die Gruppe „Direkt“ - sie verband ein direkter, sozialdokumentarischer Stil. Von regimetreuen Journalisten wurden sie dafür als „Friedhofsfotografen“ verhöhnt. „Wir zeigten einfach nur, wie es wirklich war.“
Den „Vogue“-Glamour hatte die DDR nicht zu bieten
Anfang der siebziger Jahre begann Bergemann, Mode für „Sibylle“ zu fotografieren. Aus der Not machte sie eine Tugend: Den Glamour, den sie in „Vogue“ und „Elle“ sah, konnte sie nicht imitieren. Also suchte sie sich typische Berlin-Locations wie spröde Industrieanlagen oder fotografierte Frauen in ihrem Alltag - am Straßenrand, auf ihrem Balkon, im Café.
Am meisten fürchtete man, erzählt die Fotografin, jene Aufträge, bei denen VEB-Kleider fotografiert werden mussten: Der Look der volkseigenen Betriebe „war einfach grauenhaft“. Lieber inszenierte Bergemann jene Kollektionen, die für die „Sibylle“ entworfen wurden, um einen bestimmten Trend zu visualisieren. Kleiner Schönheitsfehler daran: Diese Kleider gab es nicht zu kaufen.
Jede Woche zum Rapport ins ZK
Die Schizophrenie des Systems zeigte sich auch darin, dass den Chefredakteurinnen der „Sibylle“ erlaubt wurde, nach Paris zu den Prêt-à-porter-Schauen zu fahren, um westliche Mode in Augenschein zu nehmen - aber im Heft durfte diese nur selten präsentiert werden. Jeden Donnerstag mussten sie zum Rapport im Zentralkomitee (ZK) erscheinen. Jedes einzelne Foto ging durch die Kontrolle des Komitees. Ist die sozialistische Frau angemessen dargestellt? Sind die Röcke zu kurz, die Dekolletés zu tief?
Manche Fotos ließen die Funktionäre sperren oder verlangten, dass sie retuschiert wurden. Der Zensur fiel auch eines der berühmtesten Fotos von Sibylle Bergemann aus dem Jahr 1981 zum Opfer. Es zeigt zwei Frauen am Ostseestrand in schwarzen Schwimmanzügen. Die Fotografin gab damals die Anweisung, dass sie mürrisch schauen sollten - es war lustig gemeint und bezog sich auf das schlechte Wetter an der See. Dem ZK fehlte offenbar der Humor: Im Druck hatte man die Mundwinkel nach oben retuschiert - eine sozialistische Frau hatte fröhlich auszusehen.
Nach der Wende blieb nur Konkurrenz
Zeitweise stellte die Fotografin die Arbeit für „Sibylle“ ein, weil es Streit um Bilder gab. Dann zog sie sich in ihr Domizil am Schiffbauerdamm zurück - jene legendäre Wohnung, in der sie mit Arno Fischer lebte und die der Anlaufpunkt für Künstler und Fotografen aus Berlin und dem Ausland war. Helmut Newton und Henri Cartier-Bresson kamen zu Besuch. „Newton fand es gut, dass wir über seine Fotos gelacht haben, weil er damals im Westen gerade ziemlich angefeindet wurde“, erinnert sich Bergemann.
Nach der Wende geriet auch die Welt von Sibylle Bergemann aus den Fugen. Sie gründete mit sechs Fotografen 1990 die Agentur „Ostkreuz“, die schnell Renommee erlangte. Trotzdem war es schwieriger geworden, Aufträge an Land zu ziehen, obwohl fast alle der Fotografen schon für West-Magazine gearbeitet hatten. „Außerdem sahen uns die westlichen Kollegen, die uns vor der Wende besuchten und alles so interessant fanden, plötzlich als Konkurrenten.“ Die Künstlerclique zerbrach. Zwar hat Bergemann bis heute nicht ihre Stasi-Akte eingesehen. „Aber von anderen wussten wir, wer damals Informationen weitergegeben hatte.“ Die Wohnung am Schiffbauerdamm - „28 Jahre lang meine Heimat“ - mussten sie aufgeben. Die neuen Vermieter verwandelten sie in eine Luxusimmobilie.
Viele Jahre lang war die heute 67 Jahre alte Fotografin für „Geo“ auf der ganzen Welt unterwegs. Nur in der Modewelt konnte sie nicht mehr Fuß fassen. Einmal nahm sie einen Anlauf bei der deutschen Zeitschrift „Marie Claire“ und besuchte die Redaktion in München. Ein Desaster. Sie kam sich wie eine Anfängerin vor - und reiste ohne Auftrag zurück. „Wir hatten nicht gelernt, uns zu verkaufen, besonders ich konnte das nicht“, sagt sie heute und ergänzt: „Das hat mir schon wehgetan.“ 1995 wurde schließlich auch die „Sibylle“ eingestellt. Seitdem macht Bergemann nur noch sporadisch Modeproduktionen. Für „Achtung“ fotografierte sie Ende Dezember in „Clärchens Ballhaus“ in Mitte. Sie hatte nur einen halben Tag Zeit, weil der nostalgische Saal, in dem die Farbe an den Wänden abblättert, anderweitig vermietet war. Doch herausgekommen sind Fotos mit ganz eigener Stimmung - mit dem Bergemann-Faktor eben, der heute so aktuell wie vor vierzig Jahren ist.
Anke Schipp Jahrgang 1966, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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