Zuerst schaut sie herausfordernd, die Nase leicht nach oben gezogen. Nach einigen Minuten beginnt sie zu schlucken, die Augen werden feucht, und etwas später fließt die erste Träne. Hana versucht sich zu halten, schließlich soll sie für diesen Film 17 Minuten lang einfach nur unbewegt in den Spiegel schauen. Aber sie muss schniefen, eine weitere Träne kullert herab, die sie mit ihren breiten Lippen auffängt.
Die Tränen der Hana Jirickova in der Ausstellung „Peter Lindbergh - Drei Filme“ im Düsseldorfer „NRW-Forum“ fließen mit guten Gründen. Lindbergh nahm das Model mit der Filmkamera dabei auf, wie sie ihr Spiegelbild betrachtet. Und er hat Models schon immer zu starkem Gefühlsausdruck gebracht. Zur Eröffnung der Ausstellung am Donnerstagnachmittag erzählt der Modefotograf, es passiere ihm öfter (und sei auch schon bei Nadja Auermann geschehen), dass die Frauen, wenn es intensiv wird, bei den Aufnahmen weinen.
Die Tränen sind Wasser auf die Mühlen der Düsseldorfer Marke Schwarzkopf, die den aus Duisburg stammenden Fotografen dafür gewann, am Strand von Le Touquet die neuen Frisurentrends zu inszenieren und auch filmisch zu experimentieren. Und sie sind ein Grund zur Freude für das „NRW-Forum“, das dank des Haarpflege-Sponsors aus der Stadt und des Star-Fotografen aus der Nachbarstadt Massen ins Museum holt. Als er 1999 seine erste Lindbergh-Ausstellung organisierte, so erzählt Museumschef Werner Lippert, gab es noch Kritik an Modefotos im Museum. Auch das ist heute längst aus der Mode.
Die Tränen sind auch mehr als ein Marketing-Gag. In ihnen fließen die Herkunft, die Einstellungen und die Erfahrungen eines Fotografen zusammen, der wie kein anderer ein Model-Zeitalter geprägt hat und sich weiter an der Spitze hält. Lindbergh macht wichtige Kampagnen wie die aktuelle Gucci-Werbung mit Charlotte Casiraghi. Er wird im Kunstmarkt neben Irving Penn, Richard Avedon und Helmut Newton gehandelt. Und er fotografiert für Magazine wie die französische, italienische und chinesische „Vogue“. Sogar für Anna Wintours amerikanische Ausgabe, der er lange mit „Harper’s Bazaar“ fremdgegangen war, nimmt er nach einer freundlichen Vorladung ins Ritz wieder die Kamera in die Hand.
Und schon hat man sich ein sehr unscharfes Bild gemacht. Denn auf Titel und Ehren kommt es diesem Mann nicht an. Schon wie er mit drei Stunden Verspätung aus Paris herbeieilt! Entschuldigend hebt er die Hände: „Air France!“ Da lachen auch die Damen, die seit Wochen seinen Terminplan ausgearbeitet haben. Dann lobt er den Kampagnen-Auftraggeber und Ausstellungs-Sponsor (“Ich hatte alle Freiheiten - das ist nicht so oft vorgekommen in 35 Jahren“). Und erzählt, wie er Wim Wenders einen Blumenstrauß ins Hotel nach Los Angeles schickte, weil der keinen Oscar bekommen hatte.
Es geht hier schlicht um einen Jungen, der aus dem Ruhrpott ans Licht wollte. Auf dem Weg dorthin musste er niemanden anschreien, „außer vielleicht meine Jungs, wenn sie auf dem Weg nach Deauville in den Urlaub auf der Rückbank Unsinn machten“. Dass sich Lindbergh treu bleibt, merkt man schon an seinen modischen Dauerbrennern Chino-Hose und Jeans-Hemd: „Davon habe ich 40 Stück von Dunkelblau bis ganz ausgewaschen.“
Die Mitteilsamkeit des Rheinländers, die Ehrlichkeit des Ruhrgebietsjungen und die Lebenslust des Lebemenschen ebneten ihm den Weg. Das ergibt schon eine kleine Umfrage bei der Vernissage am Donnerstagabend. Sein Fotografenfreund Jim Rakete, extra aus Berlin angereist: „Er hat die Sonne verschluckt.“ Sein um drei Jahre älterer Bruder Horst Brodbeck, Arzt und Psychoanalytiker aus Ratingen: „Er hatte schon als Kind ein offenes, umgängliches Wesen. Die mochten ihn alle.“ Stylist Armin Morbach, der die Mädchen frisierte: „Bei ihm verlieren sie ihre Maske.“ Sein Model Hana Jirickova: „Er ist unbeschreiblich. Er zaubert bei mir immer ein Lächeln hervor!“ Was dann eben auch mal in Tränen umschlagen kann.
Peter Lindbergh, als Peter Brodbeck am 24. November 1944 in Lissa im heutigen Polen geboren und nach der Vertreibung in Duisburg aufgewachsen, führt sein sonniges Gemüt und seine bescheidene Art auf seinen Vater zurück, einen Vertreter für Süßwaren: „Er hatte Angst, dass ich nach Paris gehe und mit einem dicken Auto und in roten Schuhen zurückkomme.“
Mit seinen beiden älteren Geschwistern wuchs er in Rheinhausen fast idyllisch zwischen Kupferhütte und Großstadt auf. Der Onkel, ein Schäfer, hatte die Rheinwiesen gepachtet. Der Blick aufs Grün und auf die Hüttenanlagen, so meint Lindbergh, hat auch seine fotografische Ästhetik geprägt, die sich oft vor der Kulisse verrosteter Industrieanlagen entfaltete.
Unglaubliche Freiheiten
“Wir hatten damals unglaubliche Freiheiten“, sagt Horst Brodbeck. Sein Bruder Peter nutzte sie aus, wollte sich mit seiner Arbeit als Schaufensterdekorateur nicht zufriedengeben, trampte nach Spanien und Marokko, lebte in der Schweiz und in der Türkei, ging nach Berlin, dann auf die Werkkunstschule nach Krefeld, malte und machte Collagen und lernte schließlich über den Düsseldorfer Galeristen Hans Mayer den Werbefotografen Hans Lux kennen.
Und Lux, inzwischen 70 Jahre alt, am Donnerstagabend natürlich auch dabei, brachte ihn ans Licht der Fotografie: „Komm einfach morgen mal vorbei!“ Auch Lux wusste das Leben zu nehmen. Bevor er sich morgens drei Stunden frei nahm, rief er seinen neuen Freund und Helfer an: „Fang schon mal an, ich komme gleich!“
Bis heute hat Peter Lindbergh, wie er sich seit dieser Zeit nannte, nicht aufgehört. Dabei liefen die Zweifel ständig mit. So nervt ihn die Modeszene mit ihrem Jugendlichkeitswahn und der brutalen Bildbearbeitung. Der Oberflächlichkeit begegnet er mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen - „sie lassen die Haut durchlässig erscheinen“. Den fotografischen Moment zweifelt er an: „Irving Penn hat phantastische Porträts gemacht. Aber ist das dann wirklich die Person?“
Er will im Todestrakt fotografieren
Das Ungenügen des Augenblicks hat ihn also gewissermaßen automatisch zum Film geführt. Die 17-Minuten-Beobachtung eines Models ist dabei nur ein „Anfangsprodukt“. Denn Lindbergh wird mit seinem nächsten großen Projekt tiefer schürfen: „Ich will Insassen im Todestrakt eines amerikanischen Gefängnisses filmen“, berichtet er. „Sie sollen sich kurz vorstellen, das Datum der Tat nennen, das Datum der Hinrichtung, und dann richten wir die Kamera einfach nur anderthalb Stunden lang auf das Gesicht.“
Seine Firma arbeite gerade daran, die Genehmigung für die Aufnahmen zu bekommen. Die Idee zu dem Projekt hatte er vor einigen Wochen bei einer neuntägigen Ayurveda-Kur im Parkschlösschen von Traben-Trarbach, wo er eigentlich nur „den Kopf frei kriegen“ wollte. „Und da hatte ich die beste Idee meines Lebens.“
Die Mode-Fotografie wird Lindbergh, der zwei Mal am Tag 20 Minuten lang meditiert und darauf seine nimmermüde Kraft zurückführt, deshalb nicht hinter sich lassen. Aber sein neues Projekt wird Lindbergh dabei helfen, mit einer Art sozialer Sachlichkeit an große amerikanische Fotografen wie Walker Evans anzuknüpfen, deren Schwarz-Weiß-Fotos ihm schon immer tiefgründiger und stärker vorkamen als die gängigen bunten Bilder. Das Wirkliche hat er schon immer dem Künstlichen vorgezogen, die Frau der Mode, das Eigentliche dem Kommerziellen. Lange hat er das richtige Leben im falschen gesucht. Jetzt sucht er nach wirklich relevanten Bildern.
“So, wie sich die Models bei Helmut Newton immer gleich auszogen“, sagt Jim Rakete, „so stülpten sie bei Peter immer die Seele nach außen.“ Gut möglich, dass Lindbergh auch die Todeskandidaten zu radikaler Selbstentblößung bringt. Das würde dann nicht nur ästhetische oder kommerzielle Ansprüche befriedigen, sondern möglicherweise auch soziale. Für den Jungen aus Duisburg wäre es kein ungewöhnlicher Weg, ans Licht zu kommen.