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Fotograf Peter Lindbergh Die Seele nach außen gestülpt

 ·  Der legendäre Modefotograf Peter Lindbergh zeigt Filme - und ist dabei längst unterwegs zum nächsten Projekt.

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© Schwarzkopf/Peter Lindbergh Vergrößern Da kullert sie, die Träne des Models

Zuerst schaut sie herausfordernd, die Nase leicht nach oben gezogen. Nach einigen Minuten beginnt sie zu schlucken, die Augen werden feucht, und etwas später fließt die erste Träne. Hana versucht sich zu halten, schließlich soll sie für diesen Film 17 Minuten lang einfach nur unbewegt in den Spiegel schauen. Aber sie muss schniefen, eine weitere Träne kullert herab, die sie mit ihren breiten Lippen auffängt.

Die Tränen der Hana Jirickova in der Ausstellung „Peter Lindbergh - Drei Filme“ im Düsseldorfer „NRW-Forum“ fließen mit guten Gründen. Lindbergh nahm das Model mit der Filmkamera dabei auf, wie sie ihr Spiegelbild betrachtet. Und er hat Models schon immer zu starkem Gefühlsausdruck gebracht. Zur Eröffnung der Ausstellung am Donnerstagnachmittag erzählt der Modefotograf, es passiere ihm öfter (und sei auch schon bei Nadja Auermann geschehen), dass die Frauen, wenn es intensiv wird, bei den Aufnahmen weinen.

Die Tränen sind Wasser auf die Mühlen der Düsseldorfer Marke Schwarzkopf, die den aus Duisburg stammenden Fotografen dafür gewann, am Strand von Le Touquet die neuen Frisurentrends zu inszenieren und auch filmisch zu experimentieren. Und sie sind ein Grund zur Freude für das „NRW-Forum“, das dank des Haarpflege-Sponsors aus der Stadt und des Star-Fotografen aus der Nachbarstadt Massen ins Museum holt. Als er 1999 seine erste Lindbergh-Ausstellung organisierte, so erzählt Museumschef Werner Lippert, gab es noch Kritik an Modefotos im Museum. Auch das ist heute längst aus der Mode.

Die Tränen sind auch mehr als ein Marketing-Gag. In ihnen fließen die Herkunft, die Einstellungen und die Erfahrungen eines Fotografen zusammen, der wie kein anderer ein Model-Zeitalter geprägt hat und sich weiter an der Spitze hält. Lindbergh macht wichtige Kampagnen wie die aktuelle Gucci-Werbung mit Charlotte Casiraghi. Er wird im Kunstmarkt neben Irving Penn, Richard Avedon und Helmut Newton gehandelt. Und er fotografiert für Magazine wie die französische, italienische und chinesische „Vogue“. Sogar für Anna Wintours amerikanische Ausgabe, der er lange mit „Harper’s Bazaar“ fremdgegangen war, nimmt er nach einer freundlichen Vorladung ins Ritz wieder die Kamera in die Hand.

Und schon hat man sich ein sehr unscharfes Bild gemacht. Denn auf Titel und Ehren kommt es diesem Mann nicht an. Schon wie er mit drei Stunden Verspätung aus Paris herbeieilt! Entschuldigend hebt er die Hände: „Air France!“ Da lachen auch die Damen, die seit Wochen seinen Terminplan ausgearbeitet haben. Dann lobt er den Kampagnen-Auftraggeber und Ausstellungs-Sponsor (“Ich hatte alle Freiheiten - das ist nicht so oft vorgekommen in 35 Jahren“). Und erzählt, wie er Wim Wenders einen Blumenstrauß ins Hotel nach Los Angeles schickte, weil der keinen Oscar bekommen hatte.

Es geht hier schlicht um einen Jungen, der aus dem Ruhrpott ans Licht wollte. Auf dem Weg dorthin musste er niemanden anschreien, „außer vielleicht meine Jungs, wenn sie auf dem Weg nach Deauville in den Urlaub auf der Rückbank Unsinn machten“. Dass sich Lindbergh treu bleibt, merkt man schon an seinen modischen Dauerbrennern Chino-Hose und Jeans-Hemd: „Davon habe ich 40 Stück von Dunkelblau bis ganz ausgewaschen.“

Die Mitteilsamkeit des Rheinländers, die Ehrlichkeit des Ruhrgebietsjungen und die Lebenslust des Lebemenschen ebneten ihm den Weg. Das ergibt schon eine kleine Umfrage bei der Vernissage am Donnerstagabend. Sein Fotografenfreund Jim Rakete, extra aus Berlin angereist: „Er hat die Sonne verschluckt.“ Sein um drei Jahre älterer Bruder Horst Brodbeck, Arzt und Psychoanalytiker aus Ratingen: „Er hatte schon als Kind ein offenes, umgängliches Wesen. Die mochten ihn alle.“ Stylist Armin Morbach, der die Mädchen frisierte: „Bei ihm verlieren sie ihre Maske.“ Sein Model Hana Jirickova: „Er ist unbeschreiblich. Er zaubert bei mir immer ein Lächeln hervor!“ Was dann eben auch mal in Tränen umschlagen kann.

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