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Formwäsche Weg mit dem Speck

21.10.2009 ·  Diät war gestern. „Shapewear“ lautet das Zauberwort. Immer mehr Frauen vertrauen der Formkraft von Spezialunterwäsche, die jede Figur in den Griff bekommen soll. Sogar bei Sarah Jessica Parker brachte neulich ein Luftzug Power-Höschen an den Tag.

Von Anna v. Münchhausen
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Worauf es in der Mode wirklich ankommt, wird leider viel zu selten erwähnt. Es sind nämlich nicht die Haremshosen von Dries van Noten und auch nicht die Organzablusen von Valentino. Der aus Tunesien stammende Modemacher Azzedine Alaïa hat es in einem Interview vor längerem mal auf den Punkt gebracht: „An dem Tag, an dem man Ihnen nicht mehr sagt, dass Sie einen schönen Hintern haben, ist irgendwas schiefgelaufen! Deshalb muss man Kleider machen, die eine Annäherung zulassen und einen glücklich machen.“

So ist das nämlich. Kleider, die glücklich machen, sollen in der Zeitschrift „Brigitte“ in Zukunft nicht mehr von unglücklichen Magermodels vorgeführt werden, sondern von Normalfrauen. Diese Ankündigung hat für etwas Wirbel gesorgt. Nun melden sich viele Leserinnen, die schon immer mal vor einer Kamera stehen wollten - logisch. Sie spekulieren auf Abwechslung und einen interessanten Nebenverdienst. Aber die Fotografen stehen kurz vor der Schnappatmung: Da hat jemand wohl gar nicht nachgedacht; wie sehen diese Hausfrauen denn aus? Mit ihren Cellulite-Oberschenkeln? Mit den Speckröllchen um die Mitte herum? Mit love handels an Hüften? Was sollen das, bitte, für Fotos werden? Ein möglicher Nebeneffekt der „Brigitte-Aktion“ könnte darin bestehen, einen Run auszulösen auf Artikel, die sonst eher ein Schattendasein führen.

Leichtgewichtig und trotzdem effizient

„Shapewear“ lautet das Zauberwort. Auf Deutsch klingt das - zugegeben - wenig attraktiv: Formwäsche. Damit sind keinewegs die altbekannten Wonderbras, Push-ups oder Miederstrumpfhosen gemeint. Die neue Generation von Figuroptimierern unterscheidet sich rein optisch durch ihren schlauchartigen Schnitt. Dank neuer Fertigungstechniken und getunter Materialien wie Elasthan, Lycra oder Microfaser sind sie leichtgewichtig und sollen dennoch effizienter wirken als ihre Vorgänger.

Weil die Teile auf speziellen Maschinen hochelastisch nahtlos formgestrickt werden, kommen sie ohne Beinabschluss und Bündchen aus. So zeichnet sich obendrüber nichts ab - das begeistert Amerikanerinnen, die es hassen, wenn der Rand eines Slips durch Hose oder Rock zu ahnen ist. Außerdem können dank dieser Fertigungstechnik in ein und demselben Artikel stärker und schwächer formende Zonen angeordnet werden, was den klassischen Problembereichen Rechnung trägt.

Untendrunter nichts dem Zufall überlassen

Damit war nun wirklich nicht zu rechnen: Vor vierzig Jahren verbrannten Demonstrantinnen ihre BHs - als Symbol sexistischer Unterdrückung des weiblichen Körpers. Heute sind Frauen heiß darauf, ihre Figur in Schlauchkleidern, schulterfreier Abendrobe aus hauchdünnem Chiffon oder in knappen Jeans zur Schau zu stellen. Untendrunter soll da nichts dem Zufall überlassen bleiben. Doch mit eleganten Dessous, aufregend geschnittenen BHs, mit spitzenbesetzten Slips oder ecrufarbenen Seiden-Chemisettes hat Shapewear nichts gemein.

Kein namhafter Designer hat sich je an diesen Spezialartikeln versucht. Shapewear gehorcht einem einzigen Zweck - unerwünschte Fülle wegzudrücken oder abzuflachen und Kurven an erwünschter Stelle zu betonen. Manche der Teile erinnern eher an unfertige Sado-Maso-Teile als an funktionsgesteuerte Unterwäsche. Deshalb müssen wenigstens die Bezeichnungen der Artikel ordentlich hochgejazzt werden: „Bra-llelujah“, „Power-Panties“ oder „Slim-cognito“ heißen die bestverkauften.

Kein Slip, kein BH drückt sich durch

Dazu passen bewährte Schlüsselreizwörter, die ihre Wirkung auf keine diätfrustrierte Frau verfehlen. „Sie wirken im Nu um zwei Kilo schlanker“, lautet das Versprechen. Es geht um Stützen, Formen, Optimieren oder Straffen. Dass sich inzwischen selbst Hungerhaken unter den Hollywood-Diven bei ihrem Auftritt auf dem roten Teppich auf dieses Figurgeheimnis verlassen, entgeht keinem Kennerblick - kein Slip, kein BH drückt sich durch, kein Bündchen zwickt.

Am bekanntesten sind die Marken Bodywrap und Spanx. Letzere ist erst seit sieben Jahren auf dem Markt. Ohne Werbung, nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda ist das Label inzwischen zur fetten Erfolgsgeschichte geworden und im Wortsinn „hip“. Oprah Winfrey ließ wissen, sie habe eine ganze Kommode voller Spanx-Utensilien angehäuft. Gwyneth Paltrow verriet, sie sei nach der Geburt ihrer Tochter Apple derartig aus dem Leim gegangen, dass sie sich nicht anders zu helfen wusste; als gleich zwei Power-Panties übereinander zu tragen. Wie sie sich abends daraus befreite, ist unbekannt. Und als neulich eine Brise in New York den Rock von Sarah Jessica Parker hob, war zu erkennen, dass auch die Sex-and-the-City-Göttin dem formenden Material vertraut.

„Eingeschnürt wie eine Mumie“

Abzusehen war dieser Erfolg nicht, als Sarah Blakely eines Tages zur Schere griff, um einer Mieder-strumpfhose die Beine abzuschneiden. Die „Spanx“-Erfinderin, zuvor jahrelang als Faxgeräte-Verkäuferin unterwegs, trägt selbst Größe Null, ihre Silhouette erinnert an einen blanchierten Spargel. Weil sie aber natürlich dennoch ihre eigenen Ware promoten will, behauptet sie hartnäckig, „Spanx“ sei gar nicht dazu da, eine Frau dünner aussehen zu lassen, sondern einfach bloß straffer.

Noch hat der Trend in Deutschland nicht recht durchgeschlagen. Das Image erinnert leider nach wie vor an Großmutters Hüfthalter-Parade. So scheiden sich denn an Shapewear die Geister. Die einen jubeln, die anderen verfluchen sie als monströse Marterinstrumente, die die Luft abschnüren und das Gefühl vermitteln, als eine Art Leberwurst durchs Leben zu gehen, deren Pelle eine Nummer zu klein ausgefallen ist. „Ich habe mir die Miederhose mit Radlerbein aus Boston mitgebracht und mich sozusagen mit der Brechstange hineingequält“, seufzt eine Münchnerin. „Ehrlich: lieber drei Tage Diät als diese Panik, sich eingeschnürt wie eine Mumie zu fühlen.“

In London ein Erfolg

Im Londoner Kaufhaus John Lewis findet das Angebot „Eine Größe kleiner“ Zulauf. In einer verspiegelten Spezialkabine kann sich die Kundin von einer Dessousexpertin beraten lassen, welcher Stretch-Schlauch welches Outfit optimiert. Danach verlässt sie, optisch zwei Kilo leichter, mit mindestens zwei Shapewear-Teilen den Laden. Im Basement kann sie sich dafür drei tagesfrische Pralinés leisten.

Den Blick fürs große Ganze und den Überbau hat „Spanx“-Erfinderin Sarah Blakely nicht verloren. Immer wieder werde sie von Männern gefragt: „Hey, haben Sie nicht was für meinen Bierbauch?“ Eine Produktlinie für Herren wäre der nächste Schritt. Die Idee, dass Männer vor dem ersten Date über ihr Outfit drunter nachdenken, gefällt Mrs. Blakely: „Das ist Gleichberechtigung.“ Ist das ein echter Fortschritt? Subtile Erotik versprüht Shapewear allenfalls, solange sie unsichtbar bleibt.

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