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Fashion Week in Berlin Und dann geht's in die Panorama Bar

19.07.2008 ·  Vor einem Jahr hatte die Berliner Modewoche die internationale Szene noch nicht durcheinander gewirbelt. Aber in diesem Sommer gibt sich Vivienne Westwood die Ehre - während die Talente der Stadt beweisen, dass Berlin mehr kann als nur Streetwear.

Von Alfons Kaiser
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Die Berliner Mode beginnt gleich hinter dem Schweißtechnik-Abhollager und kurz vor dem stinkenden Becken des Westhafens. Hugo Boss lädt zur Eröffnung der „Mercedes Benz Fashion Week“ am Donnerstag mittag in ein altes Lagerhaus der Berliner Hafen- und Lagerhausgesellschaft mbH. Wo früher Bohnen und Kaffee verladen wurden, nippen nun Mischa Barton, Kim Cattrall („Sex and the City“), Rupert Everett, Christoph Metzelder und 600 weitere Gäste am Champagner.

Und Bruno Pieters bewahrt wieder mal die Ruhe vor dem Sturm. Zum zweiten Mal stellt er die junge Boss-Linie vor. Im Januar zogen die Models durch die Hallen von Tempelhof. Jetzt ist er in eine einschiffige Kirche des Industriezeitalters gezogen. Und während sich „backstage“ die Models ankleiden, erklärt er, wie die engen Schultern, der starke Look und die schnittechnischen Details zustande kamen. Ein Vorbild nämlich war Elly Beinhorn, die legendäre Fliegerin, die als Emanze 'avant la lettre' so etwas war wie die Mischa Barton des Abenteurertums: starke Frau, starker Stil.

Weit entfernt vom reduzierten Look

Nun muss man sich Bruno Pieters, der aus Antwerpen stammt und in Paris seit Jahren mit seiner eigenen Marke Erfolg hat, nicht wie einen Modeschüler vorstellen - obwohl er so aussieht. Das Thema wird nicht gnadenlos durchdekliniert, sondern stark abstrahiert nur angedeutet. Die Schau bietet wieder einen reduzierten Look, der so weit entfernt ist vom früheren Hugo wie das Bauhaus vom Ornament: Weiß, Schwarz, Kobaltblau sind die Farben, architektonisch strukturiert ist der Schnitt. Smoking-Variationen samt Hemden mit Vatermörder-Kragen und Fliegerdetails wie Pattentaschen schaffen Abwechslung. Nur die dreiteiligen Männeranzüge mit der schürzenartig herunterhängenden Weste werden nicht allzu viele Freunde finden. In seiner eigenen Linie probiert Pieters' viel aus - für Hugo führt er seine Ideen messerscharf und in einer ungemein präzise choreographierten Schau aus.

Und dann geht's in die Panorama Bar

Und das kann der Berliner Mode nur gut tun. Denn anders als es die Veranstalter der „Mercedes Benz Fashion Week“ wollten, ist seit der ersten Modewoche vor genau einem Jahr nicht die internationale Szene durcheinander gewirbelt worden. Als Suzy Menkes, Modechefin der „Herald Tribune“, von einer Berliner Zeitung befragt wurde, musste sie zugeben, von der Existenz der Modewoche gar nichts gewusst zu haben. Vor einem Jahr diente das Brandenburger Tor als Hintergrund der Veranstaltung, jetzt ist es nur noch der Bebelplatz, der im kollektiven Gedächtnis auch weiterhin nur mit der Bücherverbrennung vor 75 Jahren in Verbindung gebracht wird. Wie es der schreckliche Zufall will, feiert ausgerechnet an diesem Wochenende Sabine Christiansen auf Tagomago ihre Hochzeit. Daher fehlt nicht nur sie selbst in der ersten Reihe, was man zur Not verschmerzen könnte, sondern auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, was gar nicht geht.

Internationale Klassiker und Berliner Modeschüler

Der Kalender der Schauen, die an diesem Sonntag zu Ende gehen, ist trotz allem dicht gefüllt. Das ist nicht etwa den großen deutschen Marken zu verdanken, die sich - bis auf Boss und Strenesse - weiter höflich zurückhalten und ihre Geschäfte lieber in deprimierenden Düsseldorfer Showrooms tätigen. Nein, das liegt eher daran, dass der Veranstalter IMG einige Klassiker eingeladen hat wie Vivienne Westwood, die heute den krönenden Abschluss bildet, oder Kai Kühne, einen der besten deutschen Modemacher, der aus dem New Yorker Exil gekommen ist und ebenfalls an diesem Sonntag seine Cocktailkleider à la Chloe Sevigny vorführt.

Außerdem lohnt sich der Ausflug nach Berlin schon deswegen, weil neun Modeschulen unaufhörlich Talente ins Leben von Friedrichshain, Kreuzberg und Mitte schicken - schon jetzt gibt es in Berlin wohl mehr als 800 Mode designer, die auch vom Senat unterstützt werden. Im Idealfall machen sie Kollektionen wie Zerlina von dem Bussche („Sisi Wasabi“). Die Bustierkleider mit taler geschmückter Büste und kompliziert geflochtenen, aber einfach bestechenden Einsätzen lassen das Vorurteil vergessen, dass Berlin nur Streetwear kann.

Satellitenhüte sind nette Stylingtricks, aber eben Tricks

Labels wie „Lala Berlin“ (das locker Grobstrick und Seide kombiniert), Michael Michalsky (der am Freitag abend die Achtundsechziger aufleben ließ),„Lac et Mel“ (wo Gregor Clemens seine Kollektionen kohlendioxid-neutral erstellt) oder „C.neeon“ von Clara Leskovar und Doreen Schulz (großflächige Drucke, schnittechnisches Raffinement) sind zumindest in Berlin schon zu jungen Klassikern geworden. Einige Modemacher berichten sogar, dass sie neuerdings in Deutschland stärker wahrgenommen werden als im experimentierfreudigen Japan.

Auf den Schauen werden sie außer von Boss immerhin von einem weiteren Großunternehmen unterstützt: Joop! Designer Dirk Schönberger, der zur Zeit wohl wichtigste Modernisierer der deutschen Mode, schickt nun „Joop! Jeans“ ins Rennen, die Zweitlinie. In der abgewrackten Halle des alten Wriezener Bahnhofs fällt vor der Schau durch die Fensterfront fahles Abendlicht in die fünfschiffige Kathedrale der Verkehrstechnik. „Joop! Jeans“ war früher ein Erfolgsprodukt, und dahin will es Schönberger wieder bringen. Mit den Jeans wird das auch gehen - wie die Dip-Dye-Jeans mit Farbverlauf und die guten alten Acid-Wash-Hosen zeigen. Mit den Basics vom T-Shirt über das Minikleid bis zum leichten Trenchcoat gelingt es auch. Nur mit dem Beiwerk hat Schönberger die Linie etwas überfrachtet. Die Satellitenhüte sind nette Stylingtricks, aber eben Tricks. Und die Latexstrümpfe ließen sich besser in der Kondomwerbung einsetzen. Aber kommt es darauf an, an diesem Abend, der nebenan in der Panorama Bar endet? Das sei der angesagteste Club in ganz Europa, sagt einer der Modemenschen - und die müssen es nun wirklich wissen.

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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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