15.07.2007 · Vier Tage dauert das Schauenspektakel am Brandenburger Tor. Mit der „Fashion Week“ will Berlin zur internationalen Mode-Metropole werden - aber der Weg ist lang. Denn die deutsche Hauptstadt ist nicht New York, Paris oder Mailand.
Von Alfons KaiserBevor Klaus Wowereit loslegen konnte, bevor er die Modewoche als „Riesenerfolg für Berlin“ lobte und die Hauptstadt einen „guten Standort zum Kreieren und Produzieren“ nannte, musste er aufs Sponsorenfoto. „Bitte da, vor das Auto“, sagte Massimo Redaelli, der Europachef der Agentur IMG, die das viertägige Schauenspektakel am Brandenburger Tor unter dem pompösen Namen „Mercedes-Benz Fashion Week“ veranstaltet. Ganz sanft dirigierte der Modewochen-Manager den Regierenden Bürgermeister in Richtung des schwarzen CL 500. Dort stellte sich Wowereit zu Redaelli, dem Designer Michael Michalsky, dem Model Eva Padberg und lächelte. Und dann war da noch eine blonde Dame in der illustren Reihe. Musste man nicht kennen. Sie kam vom Hauptsponsor Mercedes.
Es wäre vielleicht zu viel verlangt von der armen Stadt Berlin, selbständig eine Modewoche zu organisieren. Aber das Bild der Eröffnung am Donnerstag sagt doch einiges aus über das Verhältnis der Berliner zur Mode. Weil jahrelange Bemühungen von Messeveranstaltern, Senatsvertretern und Modemachern nur Runde Tische und sich im Kreis drehende Diskussionen erbracht haben, sind nun eben die Amerikaner gekommen. Und wenn IMG zugreift, die Sport-, Event-, Marketing-, Model- und Schauen-Agentur, die auch Modewochen unter anderem in New York, Miami und Los Angeles veranstaltet, dann wird eben rundumvermarktet.
„Mode gehört nicht zur Unterhaltungsbranche“
Dann darf man sich seinen Blick auf die Kleider nicht verstellen lassen von den großen weißen Wänden, die mit Logos der Groß- und Kleinsponsoren zugepflastert sind. Die Modewoche ist eben auch ein Test auf die Globalisierungsfestigkeit und Kapitalismusfreude der Berliner. Wowi immerhin lächelt tapfer zu all dem Klamauk samt heulenden Motoren, quietschenden Reifen sowie strengem Gummi- und Benzingeruch vor der Boss-Schau.
Andere finden das alles nicht so witzig. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Wolfgang Joop, neben Karl Lagerfeld der einzige Deutsche, den man noch Modeschöpfer nennen möchte, sein Label „Wunderkind“ hier nicht zeigt. Denn er hat von Düsseldorf über New York bis Paris alles durchgemacht und weiß, dass eine Modenschau als Happening und Verkoofe nur schadet. Inständig hatte IMG Joop gebeten, seine Mode für Frühjahr und Sommer 2008 in Berlin zu zeigen - und nicht in Paris. Vergebens: „Mit meiner Marke im zweiten Durchgang meines Lebens werde ich das nicht machen“, sagt er. „Ich gehe wieder nach Paris.“ Dort fühlt er sich besser aufgehoben. Die Berliner, meint er, müssten noch lernen: „Mode gehört nicht zur Unterhaltungsbranche, sondern ist ein schweres Business.“
Der Knüller musste wieder gestrichen werden
Wie schwierig das ist mit der Mode und Berlin, das zeigt auch eine Szene von den Vorbereitungen: Es war schon heiß am Sonntagmorgen in Mailand vor drei Wochen. Am Viale Piceno stauten sich die Autos nach der Herrenschau von Bottega Veneta, hinter der Bühne nahm Modemacher Tomas Maier die Glückwünsche seiner Gäste entgegen, und draußen vor der Tür sprach Massimo Redaelli davon, wie schwer es gewesen sei, den Berliner Schauenplan aufzustellen, und wie glücklich er sei, dass ausgerechnet der Deutsche Tomas Maier die Abschluss-Schau zeige. Da wusste Redaelli noch nicht, dass er seine Errungenschaft bald darauf vom Plan nehmen musste.
Denn auf die Frage eines Journalisten, wie man in Berlin zu Bottega kommen solle, wenn doch am gleichen Abend in der Scala der zehnte Todestag von Gianni Versace begangen wird, brach Hektik aus. Plötzlich wurde in Mailand herumtelefoniert, ob man die Bottega-Schau in Berlin verschieben, ob man einen Shuttleflug nach Mailand organisieren könne - ob man, ob man, ob man ... Am Ende musste die mächtige Agentur IMG klein beigeben - und den Knüller der Berliner Modewoche streichen. Denn das ist die internationale Moderechnung: Ein toter italienischer Designer ist mehr wert als die ganze Berliner Mode.
Und was ist mit internationalen Designern?
Es wird viele solcher Szenen gegeben haben bei den Vorbereitungen. Das liegt auch an den Deutschen. Strenesse und Michalsky sind zwar dabei. Aber Escada ziert sich und macht keine Schauen, Wolfgang Joops Ex-Firma „Joop!“ lässt die Premiere des neuen Designers Dirk Schönberger nächste Woche in Düsseldorf stattfinden (ausgerechnet in Düsseldorf!), und Hugo Boss, sonst gerne mit der Hauptlinie in Berlin zu Gast, zeigte am Donnerstag nur die Nebenlinie Hugo. Die Schau war souverän, die Party in der russischen Botschaft noch besser: In die Lichtshow um Mitternacht bezog man zwanglos auch die Lenin-Büste im Garten ein, so dass nationalsozialistische Lichtdom-Ästhetik und kommunistische Heldenverehrung eine kunterbunte Allianz eingingen.
Dennoch ist es kein gutes Zeichen, wenn die Boss-Hauptlinie nicht in Berlin, sondern in New York über die Bühne geht. Und internationale Designer? Vivienne Westwood zeigte am Freitag Anglomania, ihre Drittlinie, wenn wir richtig zählen. John Galliano kommt mit einer Zweitlinie beim nächsten Mal. Für den Januar werden auch Namen wie Burberry oder Pringle of Scotland herumgereicht. Aber das hatten wir schon: Noch vor ein paar Monaten waren Karl Lagerfeld und Dolce & Gabbana im Gespräch. Alle blockten ab.
In Berlin geht es gemächlicher an woanders zu
Der Kalender sieht also putzig aus. In Paris oder Mailand oder New York finden eine Woche lang zehn oder zwölf Schauen täglich statt; viele Redakteurinnen bewältigen das wirklich, obwohl sie oft an entlegene Orte fahren und sich zwischendurch auch noch umziehen müssen. In Berlin aber geht es gemächlich zu. Der Plan sieht aus wie ein Schweizer Käse mit sehr vielen Löchern. Am Donnerstag eine Schau (Hugo), am Freitag mit jeweils mindestens zwei Stunden Abstand fünf (Sisi Wasabi, Prototype Schumacher, Smeilinener, Strenesse, Westwood), am Samstag vier, wobei zwischen der ersten (Anett Röstel) und der zweiten (Rudolf Dassler by Puma) geschlagene fünfeinhalb Stunden lagen.
Am Abend wurde es dann plötzlich eng: Die Michalsky-Schau hätte man auch beim „Elle“-Cocktail auf der Dachterrasse des Hotel de Rome vertrödeln, die anschließende Abschluss-Schau der Universität der Künste wiederum hätte man dann durch die Michalsky-Party im „Grill Royal“ ersetzen können. Damit dort allerdings wiederum mit DJ Hell nicht allzu viel Stimmung aufkam, wurde die Nachwuchsschau an diesem Sonntag auf neun Uhr morgens gelegt - danach ist auf dem Kalender Raum für Notizen.
Nur London könnte von Berlin getoppt werden
Viel mehr stand natürlich auch nicht auf den Plänen, als die New Yorker und Mailänder Schauen aus der Taufe gehoben wurden. Aber vielleicht waren da einfach andere Gründergestalten am Werk. Beppe Modenese, der 1978 die Mailänder Defilees erfand und noch heute in fast jeder Schau sitzt, ist bestens vernetzt und hatte die Camera Nazionale della Moda hinter sich. Binnen weniger Jahre lief er den alten Modestädten Florenz und Rom den Rang ab. In Paris, wo die Chambre Syndicale unter Didier Grumbach gewissermaßen einem öffentlichen Auftrag genügt und die Präsidentengattinnen in der ersten Reihe sitzen, ist die Mode ohnehin Staatsangelegenheit.
Und in New York, dem dritten wichtigen Schauenort der Welt, geht Organisatorin Fern Mallis amerikanisch-beherzt zur Sache. Die Schauen dort wurden binnen 14 Jahren samt Promi-Glamour und Marketingmurks zu einem großen Erfolg: Modemacher wie Marc Jacobs, Michael Kors oder Derek Lam sind erst durch sie weltberühmt geworden. Nur London könnte von Berlin getoppt werden, aber eher übermorgen als morgen.
Keiner weiß in Berlin, was der andere macht
Denn in der Hauptstadt herrscht kleines Karo. Der Regierende Bürgermeister hält zwar tapfer seine öffentliche Hand über die Modeszene, aber in der Bundespolitik ist kein Interesse zu erkennen. Massimo Redaelli, seit sieben Jahren bei IMG, gibt den großen Networker - doch leider ist er vielen Modemachern bis heute unbekannt. Und da Eva Longoria oder Catherine Zeta-Jones nicht um die Ecke wohnen, greift man für die erste Reihe auf Ortsgrößen wie Franziska van Almsick, Veronica Ferres oder Verona Pooth zurück. Dazu tritt die typisch Berliner Verweigerungshaltung: Modemacher, Ladenbesitzer, PR-Agenturen, Seating-Spezialisten, Modeschulen, Messe- und Schauenveranstalter organisieren fröhlich aneinander vorbei. Keiner weiß, was der andere macht, aber alle sind dagegen.
Und dann gibt es da noch die üblichen Schwierigkeiten. Die Sportmodemesse „Bread and Butter“ ist endgültig nach Barcelona abgewandert, Jungdesigner ziehen sich aus Angst vor kommerzieller Vereinnahmung aus dem Karstadt-Nachwuchswettbewerb zurück, im Umland gibt es kaum noch Zwischenmeister und Produzenten (wie in Mailand) und erst recht keine kaufkräftige Klientel (wie in München oder Düsseldorf).
Es kann für die Modewoche nur besser werden
Die gesamte „Kreativindustrie“ einschließlich 600 bis 800 Modemachern kommt in Berlin auf einen Umsatz von rund einer Milliarde Euro im Jahr - das ist weniger als Armani, Prada, Gucci, Diesel oder Dolce und Gabbana jeweils allein erwirtschaften. Selbst Thierry Prévost von den Galeries Lafayette gesteht ein: „Berlin ist noch keine Modemetropole, trotz aller Fortschritte. Die Stadt muss noch einige Etappen meistern.“ Anita Bachelin von der Messe „Premium“ macht sich immerhin Mut: „Wir müssen lernen, aus uns heraus stark zu sein.“
Und das ist denn auch der einzige Reiz: Wenn die Großen fehlen, nimmt man die jungen Marken besser wahr. Zerlina von dem Bussche (“Sisi Wasabi“) zeigt eine hervorragende Kollektion mit gezielt eingesetzten Alpen-Anklängen. Johanna Kühl und Alexandra Fischer-Roehler (“Kaviar Gauche“) bringen eine tragfähige Garderobe samt passgenauen Accessoires. Mischa Woeste (“Smeilinener“) überrascht mit unbekümmerter Farbenfreude. Die vier Frauen von „Pulver“ peppen ihre gerafften Seidenkleider mit verblüffenden PVC-Haltern auf. Man muss eben nur durch Mitte und Friedrichshain laufen, durch die Torstraße und über die Karl-Marx-Allee, und plötzlich blüht die schöpferische Phantasie. Von jetzt an kann es für die Modewoche nur noch besser werden.
Modehauptstadt Berlin?
Jo Silva (chimero)
- 16.07.2007, 00:01 Uhr
Modehauptstadt Berlin! Wieder ein Lacher ...
Joerg' S (joerg51)
- 16.07.2007, 13:20 Uhr
Berklin als Modehauptstadt..?
wolf haupricht (emilgilels)
- 16.07.2007, 16:21 Uhr
Alfons Kaiser Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.
Jüngste Beiträge