20.05.2010 · Scott Schuman will nicht mehr nur andere Leute in Szene setzen. Der bekannteste Street-Style-Fotograf der Welt bereitet eine Fernsehsendung vor und gründet eine Modemarke - die Bloggerwelt scheint ihm zu klein zu werden.
Von Alfons KaiserScott Schuman ist nicht aufzuhalten. Vergangene Woche war er, gerade aus Australien zurückgekehrt, in Berlin. Nach einem Zwischenstopp in New York kam er am Montag nach Brüssel. Am Mittwoch redete er im Outlet-Center „Wertheim Village“ vor rund 100 Modestudenten und Mode-Bloggern, am Donnerstag flog er nach New York, von wo er am Sonntag wieder zurück in Richtung Mailand fliegt.
Und überall findet der vermutlich beste Street-Style-Fotograf der Welt die richtigen Motive. Downtown, wo er sich viel lieber als uptown aufhält, die Frau im Ringelpulli auf dem Fahrrad. In Brüssel das holzgetäfelte Herrenmodegeschäft „Degand“. Und sogar in Berlin fotografiert er eine stilvolle Frau, eine Tänzerin im Minikleid mit riesigem Schal. Dabei, so sagt Scott Schuman auf der Durchreise beim Dinner am Mittwochabend in Frankfurt, hat er wirklich Schwierigkeiten mit dem Stil von Berlin-Mitte: „Niemand will da herausstechen, alles wirkt ein bisschen uniform.“
Die Pilotsendung ist schon fertig
Dem wichtigsten Modeblogger der Welt, der mit dem vor fünf Jahren gegründeten „Sartorialist” eine gigantische Welle an bemühten Nachahmern, dreisten Kopien („New York Sartorialist“) und schlechten Satiren („The Fake Sartorialist“) nach sich gezogen hat, scheint seine Bloggerwelt aber trotz 240.000 Seitenaufrufen pro Tag mittlerweile zu klein zu werden. Im vergangenen Jahr brachte er bei Penguin schon ein Buch mit seinen besten Aufnahmen heraus. Und nun will der Modefachmann aus Manhattan in Höchstgeschwindigkeit auch noch Fernsehmann und Modemacher werden.
Eine Pilotsendung für eine Mode-Fernsehshow ist schon fertig, erzählt Schuman bei Spargel-Aal-Schaum, Black Tiger Prawns und Rhabarber-Ingwer-Crumble im Restaurant „Goldman“. Das Projekt geht er gemeinsam mit seiner Freundin an, der französischen Mode-Bloggerin Garance Doré. Auch Doré, die er beim Fotografieren während der Modenschauen kennenlernte, hat in ihrem Blog mit Fotos, Zeichnungen, Texten und mittlerweile auch Videos einen eigenen Stil geprägt - und will ihre multimedialen Fähigkeiten nun ebenfalls im Fernsehen erweitern. Für welchen Produzenten und welchen Sender die beiden arbeiten wollen, kann Schuman noch nicht sagen. Aber nach der Fernsehausstrahlung sollen die Folgen in Häppchenform auch auf seiner Website zu sehen sein.
Stilgefühl aus der Theorie in die Praxis überführen
Auf „The Sartorialist“ wird spätestens im nächsten Jahr dann noch mehr zu sehen sein. Denn Scott Schuman, der an der Indiana University Mode studierte und vor seiner Blogger-Karriere jahrelang in der Modeindustrie arbeitete, will unter dem Label „Sartorialist“ auch eine Herrenmodelinie entwerfen, die in Italien in Lizenz für ihn produziert werden soll. Sein Stilgefühl, das in den Fotos zum Ausdruck kommt, will er nun gewissermaßen aus der Theorie in die Praxis überführen.
Schuman, der aus dem Bloggen ein Geschäftsmodell gemacht hat, will sich aber nicht verzetteln: „Im Mittelpunkt steht weiterhin das Blog.“ Aufträge für Fotostrecken von Magazinen wie der italienischen „Vogue“ oder der amerikanischen „GQ“ will er nicht mehr annehmen. Seinen Job bei „style.com“ hat längst ein jüngerer Blogger übernommen, Tommy Ton. Und als ob er beweisen müsste, dass das Bloggen weiterhin Vorrang hat, verlässt Scott Schuman als erster und noch deutlich vor Mitternacht das Abendessen. Er muss noch schnell ein paar Bilder und Kommentare ins Netz stellen.
Alfons Kaiser Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.
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