Es war Sommer, und die Autorin stand auf einer Theaterbühne. Sie hatte gerade aus einem ihrer Bücher vorgelesen, eine besonders anrührende Geschichte. Deshalb klatschte das Publikum jetzt nicht nur, es weinte auch. Jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, als die Autorin, die dem Anlass entsprechend in einem ausgesprochen strengen schwarzen Hosenanzug steckte, mit ihrer Handtasche über der Schulter von der Bühne stieg und die Gäste erkannten, dass sie alltags wohl doch ein ganz normales Leben führen muss. Wahrscheinlich, so vermuteten manche sogar, werde sie gleich zum Strand fahren. Die Erklärung: Die Vorleserin hatte ihre Sommertasche dabei, ein wild gemustertes Modell aus Baumwolle in knalligen Neon- und zarten Pastelltönen, das man so in der Tat ohne weiteres mit zum nächstgelegenen Beach-Club nehmen könnte.
Dass bald Sommer ist, mag man am Wetter, am Kalendermonat oder an den Menschenschlangen vor den Eisdielen ablesen können. Ein weiterer Gradmesser aber ist die bunte Tasche, die viele Frauen spätestens ab Mai gegen das schlichte Modell aus Leder vom Winter eintauschen - und das unabhängig davon, ob es nun regnet oder doch schon die Sonne scheint. Als Strandtasche in der Stadt zeigt das kunterbunte, geflochtene und infantil anmutende Etwas aus Leinen, Bast oder Plastik den Beginn der unbeschwerten Monate an und hat einen ähnlichen Platz im Alltagsbild wie zum Beispiel das Cabrio.
Die Taschen wirken wie mitgebracht – oder angespült
Einige Leute fahren schon im März ihr Auto ohne Dach aus der Garage, um unterstützt durch eine Sitzheizung auf Hochtouren und warme Luft aus dem Gebläse durch die Stadt zu düsen. Und eben andere kombinieren selbst an kühlen Frühlingstagen die schlichte Jeans und warme Übergangsjacke im gedeckten Ton mit der bunten Sommertasche, die dann aussieht, als gehöre sie nicht in diese Welt.
Ob auf den Kiesböden der deutschen Biergärten, thronend in einem Fahrradkorb aus geflochtenen Weidenstäben oder gefüllt mit lauter frischem Obst und Gemüse, das man selbstverständlich auf dem Wochenmarkt eingekauft hat, ist sie der Hauch Marrakesch oder der Tupfer Sardinien, zu dem man sich im Urlaub hat hinreißen lassen und der zu Hause wie mitgebracht wirkt - oder wie angespült.
Die norditalienische Taschenfirma Zilla zum Beispiel spitzt die Idee der exaltierten Strandtasche in der Stadt bis hin zu Modellen aus gelbem Schwamm zu. Sie sähen aus wie Strandgut bei Ebbe, wären da nicht die Lederhenkel in Rot, Weiß oder Dunkelblau, welche die Schwammtaschen des Bozener Hauses in Modelle für jede Lebenslage verwandeln.
“Das sind Taschen für den Strand, für den Berg oder für die Stadt“, erläutert Sylvia Pichler, Designerin von Zilla. „Die Mode ist insgesamt praktischer geworden, und diese Taschen sind einmal geräumig und auf der anderen Seite stabil genug, um in zahlreichen Situationen entweder fünf Kilo Akten oder die Einkäufe aus dem Supermarkt zu tragen.“ So erinnert die fröhliche Strandtasche in der Stadt selbst dann an schöne Urlaubstage, wenn sie nicht mehr vom Strandtuch, sondern von dem Stapel Unterlagen ausgebeult wird.
Die Sommertasche glorifiziert die Auszeit
Wahrscheinlich ist die Strandtasche in der Stadt also nur ein weiterer Versuch, um sich zum einen mit der Erinnerung an schöne Zeiten zu beruhigen, weil man befürchtet, der Burn-out könnte schon an der nächsten Ecke warten; zum anderen ist sie eine Möglichkeit, den Überforderungen im Alltag mit Regression, mit kindlichen Elementen, die in vielen dieser Taschen stecken, zu begegnen.
Wie der Ruhetee, der so lustige Namen wie zum Beispiel „Hol Dir Kraft“ oder „Träum schön“ trägt, oder der Groupon-Gutschein für die Ayurveda-Massage glorifiziert auch die Sommertasche in der Stadt mit ähnlich geringem Aufwand auf der einen Seite die Auszeit und erinnert gleichzeitig an die eigene goldene Kindheit.
Interessanterweise ist die Strandtasche aus Plastik dabei ursprünglich alles andere als ein Symbol für sechs Wochen Ferien im Sommer 1979 oder für den Urlaub auf Kreta von vergangenem Juli. Schließlich war sie in Zeiten des Wirtschaftswunders unter Frauen Belohnung für Leistung und Anstrengung, als man noch keine Gedanken an eine mögliche Überforderung verschenkte.
Die Handtasche als Bote des Frühlings
Die Idee, aus dem damals als high-tech verstandenen amerikanischen Material PVC auch Handtaschen zu fertigen, schwappte in den fünfziger Jahren aus den Vereinigten Staaten nach Europa. Leder war hierzulande knapp, und so behalf man sich in der Not mit Plastik. Umgekehrt begeisterten geflochtene Basttaschen aus Italien damals mit ihrem mediterranen Dolce-Vita-Flair die Amerikanerinnen auf der anderen Seite des Atlantiks.
An Handtaschen, die unter der Federführung großer Designer entstehen, war damals noch nicht zu denken. Erst in den siebziger Jahren kamen Modemacher auf die Idee, dass das Geschäft mit den Accessoires durchaus interessant sein könnte. Das ist heute natürlich ganz anders. Auch Luxushäuser kokettieren längst mit der Idee der urbanen Strandtasche als eines der ersten Frühlingsboten in der Garderobe einer Frau.
Schon ein Klassiker
Prada hat für diesen Sommer eine spezielle „Le Voyageur“-Kollektion mit Taschen aus Bast entworfen, die von den Erinnerungen eines Reisenden künden sollen. Die Londoner Designerin Mary Katrantzou bedruckte für das französische Haus Longchamp, das eigentlich für seine schlichten Falttaschen bekannt ist, große Shopper, die Heimat und Fremde schon in der Inspiration vereinen. Die dreidimensionalen Drucke erinnern sowohl an Vietnams traditionelle Blumenparaden, an die Tempelanlagen des Landes, und, zurück im Westen, an unsere oft monochrom anmutenden Museen. Burberry Prorsums Sommerkollektion mit verwaschenen Rosétönen, Senfgelb, dunklem Rot, Violett und Petrol mag im ersten Moment herbstlich anmuten. Die Taschen aber erinnern an die heißesten Tage des Sommers, an denen man nicht ohne Bastmodell vor die Tür treten würde. Und mit dem grünen Korb von Dolce & Gabbana in der Hand wähnt man sich gleich wie am Set des Neunziger-Jahre-Films „Der talentierte Mr. Ripley“, der in Süditalien mit Gwyneth Paltrow, Matt Damon und Jude Law gedreht wurde.
Abgesehen von den saisonalen Beispielen, ist die Sommertasche in der Stadt aber schon ein Klassiker geworden. Die It-Bag, von der bekannt ist, dass sie tatsächlich nicht länger als eine Saison überdauert, scheint dagegen nur noch absurder.
Ideen für mehr Nachhaltigkeit und der Gedanke an Sparsamkeit sind dieser Tage schließlich richtungweisend. Gegenüber einem Modell, das mehrere tausend Euro kostet, aber nach sechs Monaten im Schrank verschwindet, hat die Strohtasche in der Hand der Frau deshalb einen entscheidenden Vorteil. Auch sie mag im September eingemottet werden, aber irgendein Zweck wird sich für sie auch im darauffolgenden Jahr finden. Und sei es nur der, mit ihr wirklich mal an den Strand zu fahren.