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Mittwoch, 15. Februar 2012
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Ein Ex-Model berichtet Im Laufschritt zum Laufsteg

15.04.2007 ·  Derzeit wird wieder nach „Germany's Next Topmodel“ gefahndet. Aber die Fernsehshow hat mit der Realität nicht wirklich viel zu tun. Das ehemalige Model Kerstin Susanne König berichtet, wie es in der Branche tatsächlich zugeht.

Von Kerstin Susanne König
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Ach Heidi! Jetzt suchst Du also schon zum zweiten Mal nach „Germany's Next Topmodel“. Das ist zwar ganz originell, aber seien wir ehrlich: Hinter den Kulissen ist euch doch allen klar, dass selbst die Gewinnerin der Casting-Show noch einen langen Weg vor sich hat - wenn sie denn überhaupt jemals in die Riege der echten „Top Models“ aufsteigen sollte. „Top Models“ werden ja nur so genannt, weil sie ein Model-Training, wie es in diesen Wochen auf „Pro 7“ gezeigt wird, gar nicht nötig haben.

Wozu auch, sie stehen ja bereits an der Spitze der internationalen Konkurrenz. Ganz im Gegensatz zu den Kandidatinnen einer Unterhaltungsshow, die von der großen Karriere träumen und jedesmal in Tränen ausbrechen, wenn am Ende der Sendung einige von ihnen wieder nach Hause geschickt werden. Wie zur Rechtfertigung dieses Debakels stellt die Jury dann manchmal fest, dass das „wahre“ Model-Leben sogar noch härter sei als die inszenierte Variante. Und der Zuschauer fragt sich in solchen Momenten, was das wohl alles heißen mag. Also: Wie sieht ein Model-Leben in Wirklichkeit aus?

Ein lebensgroßes Skelett auf luftigem Gewand

Ich selbst wurde noch während der Schulzeit an einem südfranzösischen Strand „entdeckt“ und habe nach dem Abitur einige Bilder beim Model-Wettbewerb der englischen „Elle“ eingereicht - den ich zu meiner Überraschung auch noch gewann. Kurze Zeit später, im Oktober 1995, fand ich mich prompt in einer Modenschau von Jean-Paul Gaultier wieder. Auf einem der luftigen Gewänder, die ich vorzuführen hatte, war ein lebensgroßes Skelett aufgemalt.

Das Motiv wirkte etwas beleidigend, weil ich es als Anspielung auf meine sehr schlanke Linie missverstand. Egal. Meine Haare wurden zu Rastalocken verknotet und orangefarben angesprüht. Sie wieder zu waschen und zu glätten, kostete meine Mutter und mich in der darauffolgenden Nacht Stunden. Denn gleich am nächsten Tag hatte ich einen Job für die „Elle“ in Paris und am übernächsten für die Zeitschrift „ID“ in London. Das war der Anfang meines Zigeunerlebens.

Spontane Aufbrüche gehören zum Model-Alltag

Denn als Model ist man wirklich ständig unterwegs. Ich erinnere mich, wie ich eines Tages gerade aus New York in Paris angekommen war und für einen Job gleich wieder die Rückreise antreten konnte. In solchen Fällen hat man am besten einen Stoffbären, eine große Flasche Cola und das Foto eines geliebten Menschen bei sich; der Rest des Gepäcks verliert an Bedeutung. Hauptsache, du kommst selber noch mit. Als ich mal bei meinen Eltern zu Besuch war, verschwand meine Mutter kurz zum Einkaufen.

Bei ihrer Rückkehr fand sie nur noch einen Zettel im Hausflur vor: „Unterwegs nach Cornwall, British Marie Claire, viele Grüße.“ Spontane Aufbrüche gehören eben zum Model-Alltag: Eine Bekannte von mir, das Top-Model Karen Ferrari, hatte eine Zeitlang außer ihrer Kreditkarte nur eine weiße Plastiktüte dabei, in der sie ihre Siebensachen um den Globus trug. Leichtes Gepäck macht nämlich ungemein frei und vereinfacht die Flucht nach vorn: das Verschwinden in Taxis, Flugzeugen, Fotostrecken.

Gleich in mehreren Ländern an einem Tag gefragt

Je erfolgreicher du bist, desto mehr bist du unterwegs: Wer gerade oben steht, wird oft an einem einzigen Tag gleichzeitig aus mehreren Ländern angefragt. Die „Model-Booker“ notieren die verschiedenen Job-Optionen und entscheiden fast immer erst in letzter Sekunde, welchen Auftrag ihr Schützling annehmen soll. Am Telefon diktieren sie einem noch die allernötigsten Informationen in den Notizblock, und am Schluss heißt es dann: „lauf!“ oder „fonce!“ oder „run!“

Für die Booker geht es dabei um eine Abwägung zwischen Renommee und Geld: Einerseits werden möglichst solche Aufträge gesichert, die ein Model bekannt machen - also insbesondere Fotoaufnahmen für anerkannte Designer und Magazine. Auf der anderen Seite sind auch Katalog- und Werbekunden von großer Bedeutung, denn im Gegensatz zu den Zeitschriften zahlen sie richtig viel Geld. Während ein Model für eine edle Illustrierte oft überraschend preiswert zu haben ist, wird einem großen Versandhaus jede einzelne Überstunde in Rechnung gestellt.

Am Ende bleibt erstaunlich wenig Geld übrig

A propos Geld: Natürlich verdient man als Model für sein Alter überdurchschnittlich viel - aber richtig reich werden die wenigsten. Die Einkünfte schwanken stark, denn die Gagen werden für jeden einzelnen Job neu ausgehandelt: Der Kunde bezahlt die Agentur, und die behält davon erstmal rund zwanzig Prozent als Provision ein. Vom Rest der Einnahmen werden dem Model zunächst sämtliche Unkosten abgezogen, die der Agentur für die Vermittlungsarbeit entstehen: Ausgaben für Fotokopien oder Federal-Express-Sendungen, für Fahrer, Flüge und Hotels. Am Ende bleibt dann manchmal erstaunlich wenig übrig: Als ich mich eines Tages bei meiner New Yorker Agentur meldete und um die Überweisung einer größeren Geldsumme bat, bekam ich zur Antwort: „Sorry, darling, we've spent it all.“

Neulich klagten bei „Germany's Next Top Model“ ein paar Mädchen während der Arbeit über Kälte und Müdigkeit. Willkommen in der Realität! Als Model wirst du nämlich nicht nur für dein nettes Aussehen bezahlt, sondern auch dafür, dass du selbst in schwierigen Situationen immer gute Laune versprühst. Da sitzt du dann nach nur drei Stunden Schlaf auf dem Rücken eines südfranzösischen Wildpferdes, ohne je geritten zu sein - bitte lächeln! Liegst in Bikinis stundenlang auf kalten marokkanischen Fliesen rum, während dir ständig Sandkörner in die Augen wehen - hurra! Lässt dich im vietnamesischen Monsunregen fotografieren, wobei dein Kleid immer transparenter wird - Haltung wahren!

Der wahre Härtetest sind große Modenschauen

Vielleicht noch ein Wort zum Thema Schönheitsschlaf: Auf Foto-Reisen steht das Team regelmäßig um vier Uhr auf, weil am frühen Morgen die Lichtverhältnisse am besten sind. Aber wer deswegen zeitig ins Bett will, anstatt abends auszugehen und mit der Crew Spaß zu haben, gilt schnell als Spielverderber, als Streber - und wird bei nächster Gelegenheit womöglich nicht mehr gebucht.

Der wahre Härtetest aber sind die großen Modenschauen, die ziemlich kurz nacheinander in New York, London, Mailand und schließlich in Paris stattfinden. Wer in Frankreich ankommt, geht meist also schon ziemlich auf dem Zahnfleisch, denn jede einzelne dieser Veranstaltungen versetzt alle Teilnehmer in den absoluten Ausnahmezustand: Die Agenturen stehen geradezu kopf, die Designer halten von früh bis spät Castings und Anproben ab, und wenn die Schauen endlich beginnen, erhöhen die Moderedakteurinnen mit ihren Sonderwünschen den ohnehin schon bestehenden Termindruck.

Wenn das Kleid auf der Bühne runterrutscht

Das Ganze entwickelt eine ungeheure Dynamik, ein Entkommen ist schon deshalb ausgeschlossen, weil du als Model in dieser Zeit praktisch keine Sekunde lang allein gelassen wirst. Immer ist ein Fahrer an deiner Seite, der dich von Termin zu Termin bringt - am besten auf dem Motorrad, weil man damit im stockenden Großstadtverkehr am schnellsten vorankommt.

Bei der Modenschau selbst kümmern sich mehrere Leute gleichzeitig um Haare und Make-up, und du musst so lange stillsitzen, bis das Spektakel endlich beginnt: Hinter der Bühne werden die Namen der Mädchen durcheinander gerufen, dann stakst eines nach dem anderen gelassenen Blickes am Publikum vorbei. Doch kaum ist es wieder hinter den Kulissen, verfällt es in einen hektischen Laufschritt, um möglichst rasch bei den studentischen Anziehhilfen zu sein, die den fliegenden Kleiderwechsel besorgen. Als es bei einer „Callaghan“-Schau mit dem Umziehen mal ganz schnell gehen musste, wurde eines meiner Kleider kurzerhand von oben bis unten aufgeschlitzt. Später rutschte mir dann eines der Kleider schon auf der Bühne herunter, und weil ich ebenso lange wie steife Lederhandschuhe trug, konnte ich es leider auch nicht hochziehen.

Es war eine schöne und aufregende Zeit

Es sind übrigens nicht die einzigen Pannen, die mir zum Thema „Modenschauen“ einfallen: Für die Designerin Sonia Rykiel bin ich auf dem kreisförmig angelegten Laufsteg aus Versehen mal in die falsche Richtung gegangen; die Kolleginnen kamen mir plötzlich entgegen. Ein anderes Mal irrte ich im Hause Chanel herum, wählte den falschen Ausgang und löste Notalarm aus. Karl Lagerfeld selbst, der mich (wegen meines gleichfarbigen Pullis) als „la petite orange“ ansprach, rief irgendeinen Hausmeister zu Hilfe. Und in New York kleckste ich bei einer „Joop“Schau roten Lippenstift auf ein weißes Kleid, an dem eine nervöse Stylistin anschließend so lange herumrubbelte, dass ich alle weiteren Auftritte verpasste . . .

Trotz manch heikler Situation: Es war eine schöne und aufregende Zeit. Inzwischen sind ein paar Jahre vergangen, ich habe Literaturwissenschaft studiert, mit Kafka auf den „Prozess“, mit Beckett auf „Godot“ und auch sonst recht viel gewartet. Zwischendurch holt mich immer mal wieder die Vergangenheit ein - zum Beispiel, wenn im Fernsehen „Germany's Next Topmodel“ läuft. Gerade weil die Sendung nicht viel mit der Realität zu tun hat, bekomme ich dann Lust, den ganzen Wahnsinn einer richtig guten Schau-Saison noch einmal mitzuerleben. Natürlich nicht mehr als Model, sondern diesmal lieber als Moderedakteurin. Schon sehe ich mich im Geiste wieder einen dieser Zettel für meine Nachbarn schreiben: „Bitte Blumen gießen, bin ab nach Paris.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.04.2007, Nr. 15 / Seite 54
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