13.04.2009 · Trash auf Hochglanz poliert - Lady GaGa ist schrill, Beth Ditto müffelt, Pamela Anderson modelt. Die neuen Idole der Teenager, Designer und Plattenlabels eint vor allem ihr Hang zu schlechtem Geschmack.
Von Anke SchippWenn Beth Ditto sich bewegt, wabert ihr Körper wie ein schlecht aufgepumptes Schlauchboot auf hoher See. Das Fett reibt an ihren Knien aneinander, der Bauch hängt wie ein labbriger Fußball vor ihrem Körper, und Tätowierungen verlieren sich auf der weiten weißen Fläche ihrer XXL-Oberarme. Normalerweise sitzen Menschen mit dem Aussehen von Beth Ditto nachmittags in Talkshows und erzählen davon, dass sie mit elf Jahren Mutter wurden, sechs Kinder von vier Männern haben und arbeitslos sind. Ditto sieht aus wie ein Mensch, bei dem das Leben aus dem Ruder gelaufen ist - und der Körper auch.
Aber Beth Ditto gehört nicht zum Personal des Unterschichten-Fernsehens. Beth Ditto ist Sängerin einer Punk-Band, sitzt bei David Letterman auf dem Sofa, bei Karl Lagerfeld in der ersten Reihe und blickt selbstbewusst vom Titelbild des britischen Trendmagazins „Love“. Mit Beth Ditto hat eine groteske Erscheinung das Schattenreich des Underground verlassen - und das Scheinwerferlicht des roten Teppichs erreicht. Für die einen ist das ein Märchen, für die anderen schlicht unverständlich. Und noch wird darüber diskutiert, ob der Aufstieg einer dicken, schwitzenden, lesbischen Sängerin mit Hang zum Exhibitionismus ein Ausdruck dieser Zeit ist - oder nur Zufall.
Auf der dunklen Seite
Trash auf Hochglanz poliert - Beth Ditto ist jedenfalls nicht der einzige Fall, wie die seltsame Liaison von Pamela Anderson und Vivienne Westwood beweist. Das in die Jahre gekommene Playmate, das seine Oberweite meist in schlichten, knappen T-Shirts zeigt, präsentierte im März ausgerechnet die komplizierte Mode der ehemaligen Punk-Designerin bei den Prêt-à-porter-Schauen in Paris und bildete damit das schrille Gegenbild zu den unter zwanzigjährigen Models mit flachen Brüsten. Parallel dazu läuft eine Westwood-Kampagne mit Pamela Anderson - fotografiert in ihrem Wohnwagen in Malibu. Mehr Trash kann eine britische Marke wohl kaum vertragen. Ihrem eigenen Stil blieb die Baywatch-Darstellerin trotzdem treu: Zum dekonstruierten Brit-Style trug sie auf dem Laufsteg einfach nur eine Unterhose.
Eine Vorliebe, die sie mit Lady GaGa teilt - die erfolgreichste Sängerin im ersten Quartal 2009. Lady GaGa heißt mit bürgerlichem Namen Stefani Joanne Angelina Germanotta, stammt aus gutem katholischem Hause, erhielt Klavierunterricht und ging in New York auf die gleiche private Mädchenschule wie Nicky und Paris Hilton. Sie hätte das glanzvolle Leben einer Park-Avenue-Prinzessin führen können - aber sie entschied sich für die dunkle Seite der Nacht und spielte bereits als Teenager Klavier in Underground-Clubs. Wenn keiner zuhörte, zog sie sich einfach aus. Seit ihre Lieder (“Pokerface“, „Just Dance“) die Charts anführen, wird ihr Stil von Teenagern flächendeckend auf dem Erdball kopiert. Eine wilde Mischung aus schräg, futuristisch und ordinär, die sich aus den immer gleichen Versatzstücken zusammensetzt: ein bisschen zu viel Selbstbräuner, freizügige Bondage-Outfits, Korsagen und Unterhosen unter billigen Nylonstrümpfen.
Die blond gefärbte Amerikanerin mit italienischen Vorfahren propagiert eine Art Trash Deluxe, der auch schon seine Nachahmer findet: Ihre ehemalige Mitschülerin Paris Hilton trägt schwarze Bondage-Kleider genauso wie hierzulande die brave Jeanette Biedermann, die mit dem GaGa-Outfit Provokation light probt - und natürlich scheitert, denn Lady GaGa ist ein anderes Kaliber: Ihre Lieder bestehen aus ein- bis zweideutigen Texten, und ihre Art zu tanzen scheint sie sich von professionellen Striptänzerinnen abgeschaut zu haben. In ihren Videos simuliert sie Sex mit Gummiwalen. Angeblich hatte sie wegen ihrer Kleidung schon öfter mit der Polizei zu tun: wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses.
Nicht mehr Diva, nur noch Schlampe
Wegen dieser Masche wird Lady GaGa gerne mit Madonna verglichen, die in den achtziger und neunziger Jahren ebenfalls mit ihren Bühnenshows provozierte, indem sie mit ihren Tänzern zweideutige Posen vollführte. Aber was damals noch kühl inszeniert war, kommt bei Lady GaGa anders daher. Sie zeigt Sex nicht als ausgeklügeltes Pop-Marketing, sondern so, als praktiziere sie ihn tatsächlich jederzeit und überall. Madonna wollte bei aller Provokation immer noch Diva sein, Lady GaGa reicht das zweifelhafte Gütesiegel Schlampe.
Noch mehr aber dringt Beth Ditto in Feuchtgebiete vor. Die schwergewichtige Sängerin, die gerne auch in Unterwäsche die Bühne betritt und sich ihrer bei Bedarf entledigt, weigert sich nach eigenen Angaben, Deodorants zu benutzen. Sie rasiert ihre Achselhaare nicht - im prüden, antiseptischen Amerika eine unerhörte Provokation. Als die aus Arkansas stammende Sängerin, die sich selbst eine „fette Lesbe“ nennt, von dem britischen Musikmagazin „New Musical Express“ als „Sexiest Woman of the Year“ für die NME Awards 2007 nominiert war, posierte sie vorher nackt für das erotische Lesben-Magazin „On Our Backs“. Über das Shooting erzählte sie später: „Es war wirklich eine radikale Sache. Ich bekam zehn Minuten vorher meine Periode und habe total geblutet. Ich fühlte mich wirklich gut.“
In Krisenzeiten fülligere Frauen
Beth Ditto blutet, riecht, schwitzt. Viele empfinden Ekel bei ihrem Anblick; in Blogs wird sie ermahnt, endlich mal abzunehmen, denn ihr Übergewicht sei schließlich ungesund. Umso mehr erstaunt es, dass die 28 Jahre alte Sängerin es geschafft hat, als Ikone in der Modewelt Fuß zu fassen - mitten unter Menschen also, für die Kleidergröße 46 etwas Unappetitliches ist, das außerhalb ihres Denkvermögens liegt. Ihren Pariser Auftritt im März verdankt Ditto der italienischen Modemarke Fendi, die die Punk-Sängerin einlud, auf einer exklusiven Fashion-Party zu singen. Es wurde mehr daraus: Beth Ditto war die meistfotografierte Frau der Modewoche, saß bei Stella McCartney, Karl Lagerfeld, Alexander McQueen und Jean Paul Gaultier in der ersten Reihe und stahl mit ihren eng geschnittenen Kleidern den anderen Celebrities die Schau.
„Wir wollten Beth Ditto nicht dabeihaben, damit sie unsere ultimative neue Handtasche verkauft“, begründete Silvia Fendi die Einladung, „sondern weil es ein Genuss ist, ein kleines Risiko einzugehen und zu zeigen, dass Mode offen für andere Dinge ist, weil sie vom ständigen Wechsel lebt.“ Wer konnte, ließ sich mit Beth Ditto ablichten. Karl Lagerfeld legte väterlich seinen Arm um sie. Beth lächelte und sprach mit dem streng Diät haltenden Modemacher über seine „Fettphobie“ und darüber, dass sie allergisch auf Parfums reagiere, „außer auf Chanel No. 5“.
Seitdem rätselt man, ob es ein Umdenken in der Modewelt geben könnte: „Nie mehr Größe 32!“ Und ob Beth Ditto den Körper hat, der zur Krise passt. Es werden unbekannte amerikanische Forscher zitiert, die behaupten, in Krisenzeiten bevorzugten Männer fülligere Frauen. Katie Grand, britische Kult-Stylistin und Chefredakteurin des neuen Trend-Magazins „Love“ von Condé Nast, das zweimal im Jahr erscheint, hat Ditto nackt für das erste Cover mit der Zeile „Icons of our Generation“ ablichten lassen und lieferte als Erklärung: „Wer will in inperfekten Zeiten noch mit der modernen Vorstellung von Perfektion aus den guten Tagen behelligt werden?“
„Punks können sehr dogmatisch sein“
Doch mehr als um eine neue Wahrnehmung des Körpers, die schon in der Vorkrisenzeit in Charlotte Roches Roman „Feuchtgebiete“ propagiert wurde, dürfte es sich bei dem Phänomen um eine Modeerscheinung handeln in einer gelangweilten Branche, die alles ausgereizt und derzeit eine Menge zu verlieren hat - also auf sich aufmerksam machen muss. So wie vor einem guten Jahrzehnt der Heroin-Chic als „nihilistische Version von Schönheit“ gefeiert und diskutiert wurde, ist es jetzt das Gegenteil: der Doppel-Whopper-Chic, der wohl kaum länger als eine Saison halten und nicht ernsthaft die Kollektionen beeinflussen dürfte. Schon das Shooting für „Love“ war eine Farce: Mehrere Designer wollten Beth Ditto ausstatten - aber keiner verfügte über einen Entwurf in ihrer Größe. Louis Vuitton ließ schließlich den Federrock aus der Frühjahrs-Kollektion in XXL-Maßen anfertigen, exklusiv für Beth Ditto.
Für die Punk-Sängerin selbst, die mittlerweile in Portland lebt und ihren Aufstieg der feministischen „Rrriot Girls“-Szene verdankt, könnte der Ausflug in die Modewelt zum Problem in ganz anderer Hinsicht werden: In der Punk-Welt hält man sie jetzt womöglich für uncool. „Aus der Punk-Perspektive ist es in etwa das Ende deiner Kunst, wenn du nach Paris fährst und auf Modenschauen gehst. Punks können sehr dogmatisch sein“, gestand sie der „New York Times“. 2009 könnte also, wenn's schlecht läuft, einen Bruch in ihrer Biographie darstellen: Am Ende des Jahres ist Beth Ditto womöglich Mainstream geworden - und die Modewelt schon weitergezogen auf der Suche nach einer neuen Jahrmarkts-Attraktion.
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Anke Schipp Jahrgang 1966, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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