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Die Meisterschneider (3) Jan Suchy, der Handwerker

 ·  Noch gibt es sie. Sechs Portraits von Maßarbeitern aus Deutschland. Jan Suchy fertigt Stücke für die Ewigkeit. Vieles von dem, was er heute kann, brachte er sich selbst bei.

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© Andreas Pein Vergrößern Er näht keine Hosen, er konstruiert sie: Jan Suchy nennt sich stolz einen „Handwerker“.

Die Lehrzeit hatte gerade begonnen, da kamen die ersten Pakete aus dem Westen. Musterbündel mit ganz leichten Stoffen. So was hatte Jan Suchy noch nicht gesehen; so was hatte hier noch niemand gesehen. Tolle Tuche, beste Gewebe, Stoff aus einer anderen Welt. Die Zeiten sollten sich ändern. Die Leipziger waren gerade jeden Montagabend zu Zehntausenden auf die Straßen ge-gangen, hatten viel Angst und doch den Mut, eine friedliche Revolution auszurufen. Jan Suchy stand mittendrin.

Eine Wende, auch für ihn. Über die Stoffe sagt er heute: „Die zu nähen ist eine Kunst.“ Er sollte sie meistern. Vieles, was er heute kann, brachte er sich selbst bei. Jacken, Hosen, Westen. Ein Naturtalent mit Hang zum Detail. Die Anzüge von seiner Hand sind klassisch in der Form, locker in der Erscheinung, bequem zu tragen. Jede Naht, jeder Schnitt, jeder Faltenwurf stimmt. Anzüge werden gebaut und nicht einfach nur geschnitten, Hosen konstruiert und nicht nur genäht; es geht um die Balance, die Stellpunkte des Körpers, Schulter, Ärmel, Bauch. Halslochspitze, Oberweitenzugabe, pikieren, drapieren, dressieren. Auch Fachjargon will gepflegt sein.

Suchy nennt sich stolz einen „Handwerker“. Maßarbeit aus Meisterhand, geschneidert und genäht in 60, 80 oder 100 Stunden. Stücke für die Ewigkeit. Jedes Teil hat an den Innennähten einen Einschlag, Stoff als stille Reserve fürdie späteren Jahre, wenn die Kunden fülliger und die Kleider enger werden. „Wir können dann problem- und spurlos was rauslassen.“ Was einmal passt, wird immer passen. Ein Mann, ein Schnitt. Suchys Werkstatt ist in einer jener altherrschaftlichen Wohnungen, die nach der Wende penibel renoviert wurden. Stuck, Parkett, Flügeltüren, hohe Fenster, ein Treppenhaus aus der Zeit, als Deutschland noch einen Kaiser hatte. Draußen auf dem Flur steht ein schweres Motorrad italienischer Bauart. Drinnen durch das Zimmer weht der Duft von frisch gebrühtem Kaffee. Maria, die Gesellin, schenkt ein. Suchy redet ruhig, leise, langsam, überlegt.

Kurz vor der Wende hatte er mit einiger Mühe eine Lehre begonnen. Er wollte Schneider werden, die staatlichen Vermittler aber boten ihm eine Ausbildung als Spengler an, das sei doch auch ein Handwerk. Suchy lachte, blieb hart, lehnte ab. Er musste sich nicht sagen lassen, was er am besten können wollte. Im staatlichen Dienstleistungskombinat lernte er Herrenschneider. Als sich das Kombinat mit der Wende auflöste, stand Suchy auf der Straße. Er fand Unterschlupf in der privaten Modeschule in Halle, doch lernte er dort wenig, setzte auf seine eigene Kraft, kaufte ein paar Schneiderkladden, trieb ein altes Schnittmusterbuch auf, fragte ein paar Meister, besorgte sich etwas Stoff und schlug sich zwei Jahre lang mehr oder weniger als Autodidakt durch die Kunst des Schneiderhandwerks.

Aus Freunden wurden Kunden

Im letzten Lehrjahr bekam er ein paar Stoffproben italienischer Webereien in die Finger. Leicht und weich, ganz anders als die derben Stoffe aus dem Osten. Ihr Fadenlauf ist anders, das Nähen fällt  schwerer. Anfang der Neunziger legte Suchy die Prüfung zum Gesellen ab, wurde Jahrgangsbester, machte Wehrdienst und bekam danach eine Stelle am Theater, erst in Detmold, dann in Hannover. Er nähte für falsche Bäuche und Brüste, machte Anzüge aus Pappe und Papier. Suchy lernte von alten Gewandmeistern und von uralten Anzügen von Flohmärkten, die er auftrennte und studierte.

Er studierte die freihändig englischen Schnitte, die lockeren italienischen und die akribischen deutschen. Das Müllersche Zuschnittsystem war im Osten des Landes bis Ende der Achtziger verfeinert worden. Die Meisterschneider Hans Mayer und Kurt Czujewicz hatten es zu neuen Höhen geführt. Sachsens Schneider besaßen zwar die besseren Schnitte, doch die schlechteren Stoffe. Theorie und Praxis passten nicht zusammen.

Suchy studierte das Zusammenspiel von Ober- und Futterstoff, die lose angehefteten Versteifungen aus Kamel- oder Rosshaar, die versteckten Raffnähte der Armkugel, die Gimpen der Knopflöcher. Nach Jahren versuchte er sich an ersten Maßanzügen, Freunde standen Modell. Die Jacken saßen, die Hosen sahen gut aus. Aus Freunden wurden Kunden. Leipzig erblühte, und Suchy entschloss sich, dort auf eigenes Risiko zu schneidern. An Kapital brauchte er nur Nadel, Faden, Schere, keine Kredite, keine Maschinen. Die Familie stand hinter ihm. Als die Messestadt damals, Ende der Neunziger, ihrem ersten Abschwung zusteuerte, waren Insolvenzanwälte zahlungskräftige Kunden. Heute kleidet er Anwälte, Notare, Ärzte, Politiker und die bessere Gesellschaft ein. Fräcke für den Dresdner, Smokings für den Leip-ziger Opernball. Die Kunden kommen aus ganz Deutschland, der Schweiz und Österreich. Sein Geschäft ist überschaubar, seine Preise sind bezahlbar. Und er bietet Stoffe für die großen Erzählungen.

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