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Designer Christian Louboutin „High Heels dienen der Emanzipation“

16.02.2010 ·  Schon als Kind hatte Christian Louboutin ein Faible für Damenschuhe, doch Kultstatus haben seine Kreationen erst mit der roten Unterseite erreicht. Ein Gespräch über Frauen, Schuhe und Emanzipation.

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An der knallroten Sohle erkennen Fashion-Victims sie sofort: die High Heels des französischen Designers Christian Louboutin. Schon als Kind hatte er ein Faible für Damenschuhe, doch Kultstatus haben seine Kreationen erst mit der roten Unterseite erreicht. Ein Gespräch über Frauen, Schuhe und Emanzipation.

Was machen Sie denn da?

Ich muss die Riemchen hier in die richtige Ordnung bringen, die müssen alle mittig liegen. Eine Sekunde bitte - jetzt passt's.

Ihre Schuhe haben alle Namen. Wie heißt dieser denn?

Ulona. Benannt nach einem Südafrikaner. Und das hier sind die Farben seines Dorfes im Norden Südafrikas. Ich lasse mich ja gerne von den verschiedensten Kulturen inspirieren.

Sie reisen viel. Wo waren Sie zuletzt?

Syrien und Libanon. Die Frauen in Beirut wissen sich zu kleiden.

Ihr größtes Interesse gilt Ägypten - Sie haben sogar ein Haus am Nil.

Ja. Französische Schüler nehmen das alte Ägypten, Athen und Rom durch. Wenn man wie ich immer nur in Paris gelebt hat, mit den Eltern immer in der gleichen Wohnung, versetzt man sich selbst gern in andere Kulturen. Ägypten faszinierte mich schon deshalb, weil ich, obwohl südliche Einflüsse bereits vor Generationen in meine Familie gekommen sind, eine dunkle Haut habe. Ich fühlte mich als Ägypter. Dieses Land hat wirklich alles: Architektur, Geheimnisse, Zeichnungen, Romanzen. Irgendwie steckt all das auch in meinen Schuhen.

Schon als Schüler haben Sie angeblich auch Ihre Liebe für Schuhe entdeckt. Wie kam das?

Ich war ungefähr elf Jahre alt, und meine Familie setzte mich mal wieder in meinem Lieblingsmuseum ab, dem Musée national des Arts d'Afrique et d'Océanie. Im Eingang des Museums hing ein Schild mit einem durchgestrichenen Stöckelschuh - das Parkett sollte nicht ruiniert werden. Mich faszinierte der gezeichnete Schuh. Ich entdeckte die Macht des Designs: dass man etwas zeichnen kann, was irgendwann Wirklichkeit wird. Umsetzen konnte ich es dann, als ich mit 18 Jahren bei Charles Jourdan das Handwerk erlernte und später frei für Yves Saint Laurent, Chanel und andere Häuser arbeitete.

Sie sollen damals nicht der beste Assistent gewesen sein.

Ja, ich war so enthusiastisch, dass ich alles machen wollte und wahrscheinlich alle nur genervt habe. Ich wurde gefeuert. Als ich das dritte Mal bei einem Modehaus rausgeworfen wurde, kam ich auf den Gedanken, dass es an mir liegen musste. In der Schule war Ihnen das auch schon passiert. Ja, zweimal bin ich von der Schule geflogen. Ich war schon sehr reif mit elf Jahren. Schon mit zwölfeinhalb Jahren bin ich zu Hause ausgezogen. Ich war immer anders. Und wenn die Lehrer mich zurechtwiesen, hat mich das überhaupt nicht interessiert. Ich hab mir gedacht: Was soll's?

Fototermin vor der Schuhwand, an der sich gerade zwei Russinnen die Plateaumodelle angesehen haben. Louboutin ist nicht so richtig gut gelaunt. Er legt Schiebermütze und Tweedmantel ab. Fürs Foto will er keinen Schuh in die Hand nehmen, das sei zu plakativ. Der Fotograf wiederum will ihn nicht einfach vor der Wand abbilden. „Da steht's jetzt eins gegen eins“, meint Louboutin. Er scheint große Lust zu haben, das Ganze hier abzubrechen. Also Alibifoto vor der Wand.

Welche sind denn Ihre Lieblingsschuhe hier im Regal?

Dieser hier mit den Nieten, „Spiky“. Und dieser hier mit den vielen Buchstaben drauf, „Let me tell you“. Da hat der Mann erst mal was zu lesen, bevor er die Frau anspricht.

Die Absätze messen zwölf Zentimeter.

Ja. Aber weil die Sohle anderthalb Zentimeter hoch ist, geht man eben nur auf zehneinhalb Zentimetern.

Ist das der Trick an den Plateau-High-Heels, die so in Mode sind? Die Frauen sehen riesig aus, aber sie stehen nur auf zehn Zentimetern?

Genau. So war das auch bei den Showgirls, für die ich als Jugendlicher an der Pigalle gearbeitet habe. Sie hatten immer ein eingebautes Plateau, so dass sie dominant erschienen und doch einen sicheren Tritt hatten. Heute mache ich mal eine sichtbare dicke Sohle, mal eine eingebaute Plattform, mal beides. Und jede neue Methode stellt die Balance der Frau neu in Frage. Deshalb braucht man viele Techniken. In den Folies Bergère habe ich das gelernt. Natürlich wollten die Showgirls erst mal durch ihre Schönheit überzeugen. Aber sie konnten sich während der Show nicht auch noch fragen, wie sie sich halten. Wissen Sie, wie die Mädchen die Showtreppe runtergehen?

Christian Louboutin hat lange an einem Schuh im Regal herumgenestelt, der in seinen Augen schief stand. Jetzt geht er zur Treppe, die hinunter zur Damenmode führt, schaut geradeaus in die Luft und geht mit weit ausholenden Schritten die Treppe herunter.

So gehen die hinunter, sie müssen ins Publikum schauen und nicht auf die Stufen, die an einer Showtreppe noch kürzer sind, damit man auf der Bühne auf wenig Raum viel Höhe hinbekommt. Und deshalb klacken sie mit der Hinterseite des Schuhs rückwärts an die Treppe, so dass sie wissen, dass sie richtig auf der Stufe stehen. Die Showgirls brauchen Lösungen, keine neuen Probleme.

Stimmt eigentlich die Geschichte, dass Sie damals Fleisch kaufen mussten, das sich die Mädchen in die Schuhe legten, damit es bequemer war?

Ja. Heute gleicht man das anders aus.

Trotzdem wird man in Ihren Schuhen keinen Sport treiben können. Die Frau steht immer etwas steif auf hohen Absätzen, kann sich schlecht bewegen und riskiert auch noch gesundheitliche Schäden.

. . . Treibt man mit Pumps oder Flip-flops Sport? Nein! Zum Sport nimmt man Sneaker, und zum Tauchen nimmt man Flossen. Viele Frauen haben mir schon gesagt, dass sie nicht rennen können in den Schuhen. Da habe ich mich mal in ein Straßencafé gesetzt, um vorbeirennende Frauen zu zählen. Und wie viele waren es? Keine einzige! Wann rennen denn die Leute? Am 11. September oder am Flughafen! Als mal eine Frau bei mir im Laden darüber klagte, fragte ich sie, wann sie denn renne. „Zum Bus“, sagte sie. „Jetzt haben Sie gerade Ihr Auto im Halteverbot vor meinem Laden geparkt“, sagte ich, „und Sie erzählen mir, Sie fahren mit dem Bus.“ So kam heraus, dass sie zum letzten Mal vor zehn Jahren mit dem Bus gefahren war. Und in zehn Jahren sind die Schuhe ohnehin ruiniert.

Aber es ist Ihnen klar, dass Ihre Schuhe für Feministinnen ein Symbol der unselbständigen Frau sind?

Schon als ich ein Junge war, gab es diese Diskussion. Das war ja schon damals ein solcher Mist! Gucken Sie sich doch Tina Turner an! Sie hat Ihre ganze Karriere auf High Heels durchgestanden. Warum sollten sich Frauen wie Männer kleiden? Das ist doch langweilig! Es gibt doch Unterschiede zwischen den Geschlechtern! Was ändert sich denn durch die hohen Absätze an der Körperhaltung? High Heels ändern alles. Sie geben den Frauen ein ganz neues Körpergefühl. Ich bin ja kein Faschist, jeder soll sich kleiden, wie er will. Ich erschieße auch niemanden, der meine Entwürfe nicht trägt.

Aber warum probieren denn schon vierjährige Mädchen hohe Schuhe aus?

Weil sie es in Magazinen gelesen haben? Weil sie Männern imponieren wollen? Nein, sie wollen es ausprobieren, es ist ein ganz natürlicher Wunsch.

Frauen sind im Durchschnitt etwa zehn Zentimeter kleiner als Männer. Die Unterschiede werden durch Ihre Absätze also wettgemacht.

Genau. Eine Frau sagte mir, sie habe sich in einem Vorstellungsgespräch in meinen High Heels so selbstsicher gefühlt, dass sie nur wegen der Schuhe die Stelle bekommen habe. Sie sagte, sie begegne dem Chef nun auf Augenhöhe. High Heels verändern die Perspektive. Sie hindern die Frauen also nicht an der Emanzipation, sie dienen der Emanzipation!

Für ein paar weitere Interviews, die er an diesem Donnerstag noch gibt, bevor er am Abend Ehrengast eines Dinners für 250 Leute im Grill Royal ist, bei dem der Champagner gerade so reichen wird, will Christian Louboutin hinüber ins Hotel de Rome. Auf der Straße: Schneematsch. Von einem Haus an der Markgrafenstraße fällt plötzlich Eis herunter. Oben steht jemand, der das Dach sauber fegt.

Wenn man nun auch noch das Kopfsteinpflaster hinzunimmt: Das ist nicht so die richtige Umgebung für Ihre Schuhe, oder?

Nein, das stimmt, hier wird's wirklich ein bisschen schwierig.

Verkaufen Sie überhaupt Schuhe in nördlichen Ländern, also zum Beispiel in Helsinki?

Doch, doch! Auch in Kopenhagen zum Beispiel. Aber da sind mehr die Stiefel gefragt. Das ist von Stadt zu Stadt unterschiedlich. In New York ist es eine Mischung aus festen und leichten Schuhen. In Los Angeles . . .

. . . wo all die Prominenten wie Nicole Kidman, Kate Winslet oder Victoria Beckham in Ihren Schuhen herumlaufen, also für Sie Werbung machen . . .

. . . verkaufen wir Boots höchstens als High Heels. Das ist eine Modestadt, da braucht man hauptsächlich offene, leichte Schuhe. In Miami sind es fast nur noch Sandalen.

Ihr Markenzeichen sind die roten Sohlen unter den Schuhen. Wie kamen Sie auf die Idee?

Durch einen glücklichen Zufall. Ende 1991 hatte ich meinen Laden in Paris eröffnet. Gut ein Jahr später, Anfang 1993, wollte ich einen Pop-Art-Schuh machen. Aber das Schwarz der dicken Sohle des ersten Prototyps störte mich, denn auf dem Bild „Flowers“ von Andy Warhol war die Farbe Schwarz gar nicht zu sehen. Mein Schuhmodel lackierte sich gerade die Fingernägel. Ich nahm ihren Nagellack, strich ihn auf die Sohle, und es sah gut aus. Generell ist es ja unbefriedigend, wenn so vieles von der eigenen Vorstellung im wirklichen Entwurf verlorengeht. Das Endprodukt sollte so gut wie irgend möglich der Entwurfszeichnung entsprechen. Je genauer, desto besser. Und hier war das so. Als ich die Sohle rot lackiert hatte, lebte der Schuh plötzlich.

Und die Frauen fanden's gut?

Eine Kundin erzählte, dass sie sofort von einem Mann auf die Sohlen angesprochen wurde. Mit Mode will man ja auch kommunizieren. Und wenn die Leute über die Schuhe miteinander in Kontakt kommen, ist das doch wunderbar. Die Sohlen haben auch etwas von Magie und Zauberei: Sie erscheinen und verschwinden schnell wieder.

Womit wir bei Ihrer Theorie von „Allure“ und „Démarche“ wären. Die Sohlen gehören zur Démarche . . .

. . . ja, das ist der Blick von hinten. Marilyn Monroe war Démarche, man erkannte sie von hinten an ihrem Gang. Marlene Dietrich war Allure, man sah sie von vorne, sie muss nicht gehen. Schuhe müssen Allure und Démarche haben. Man kann an Vorder- und Rückseite arbeiten. Die Sohlen gehören zur Démarche. Und das Dekolleté der Schuhe zur Allure. So bediene ich alle Perspektiven.

Jetzt seh ich's erst: Ihre Sneaker haben auch rote Sohlen. Seit wann machen Sie denn Herrenschuhe?

Erst seit kurzem, nur sehr wenige, hauptsächlich für Showauftritte. Ich sollte auch die Schuhe machen für die Konzerte, die Michael Jackson noch bis kurz vor seinem Tod vorbereitet hatte. Die Prototypen waren schon fertig. Von seinem Tod erfuhr ich in Ägypten. Ein paar Tage später wollte ich nach Los Angeles fliegen, um ihm die Schuhe anzupassen.

Die Fragen stellte Alfons Kaiser.

Quelle: F.A.S.
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