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Designer-ABC Joop, Wolfgang

Es begann 1970 mit drei Preisen beim Modewettbewerb der Zeitschrift „Constanze“: Der deutsche Designer Wolfgang Joop hat sich seitdem immer wieder neu erfunden. 2001 verkaufte Joop die erfolgreiche Marke „Joop!“ - und fng mit seinen „Wunderkindern“ einfach nochmal von vorne an.

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Wolfgang Joop ist wieder da. Der Erfinder des Ausrufezeichens, der mit „Joop!“ Millionen verdiente, am Ende marktgängige Entwürfe über den Laufsteg jagte und sich konsequent von dem Konzern trennte, der seine Marke gekauft hatte - dieser Joop erfindet sich mit seiner Marke „Wunderkind“ für gehobene Abendmode jetzt immer wieder neu. Damit kein Mißverständnis entsteht, auf welchem Niveau Joop wieder in die Mode einsteigt, präsentiert er sein Prêt-à-porter de luxe auf den New Yorker Schauen - und verkauft es in den nobelsten Läden von New York, Moskau und Tokio. Joop ist wieder da - und zwar, wenn auch noch in recht geringen Stückzahlen, auf der ganzen Welt.

Für einen Designer, den eine Laune der Mode in den Achtzigern und Neunzigern in die Hände von Marketingmanagern und Verkaufsstrategen getrieben hatte, ist das eine Genugtuung. Joop ist zurück zu seinen Wurzeln gelangt, das zeigt schon sein neuer Wohnort. Denn in Potsdam wurde er am 18. November 1944 geboren. Er wuchs auf dem Bauernhof der Großeltern am Park von Sanssouci auf, wo er all seine Vorstellungen von preußischer Größe und friderizianischer Eleganz bei heimlichen Spaziergängen durch das Schloß reifen lassen konnte. Der kreative Junge, der mit der Familie 1954 nach Braunschweig übersiedelte, wo sein Vater Gerhard Joop (der übrigens ein Buch über „Paradiesvögel“ schrieb) als Chefredakteur von „Westermanns Monatsheften“ arbeitete, studierte in den Sechzigern an der TH Braunschweig Werbepsychologie, Malerei, Bildhauerei und Kunsterziehung. 1970 nahm er mit seiner Frau, der Kunststudentin Karin Benatzky, an einem Modewettbewerb der Zeitschrift „Constanze“ teil. Auf Anhieb gewannen sie drei erste Preise.

2001 verkaufte Joop die Marke „Joop!“

Nach dem abgebrochenen Studium arbeitete er als Moderedakteur und als freier Designer für Modefirmen. Es sollte aber bis 1978 dauern - seine Töchter Henriette („Jette“) und Florentine waren schon fast Jugendliche -, bis Joop mit einer eigenen Pelzkollektion der internationale Durchbruch gelang. In den Achtzigern kam unter dem Markenzeichen „Joop!“ zunächst eine Prêt-à-porter-Kollektion heraus, die von 1985 an um eine Herrenkollektion erweitert wurde. Seinen Ruf unter jungen Designern sicherte sich Joop auch dadurch, dass er seit Mitte der Achtziger auch länger im Fachbereich Design an der Berliner Hochschule der Künste als Dozent und Honorarprofessor tätig war.

Sein Renommée unter Modeleuten litt allerdings arg durch übermäßige Vermarktung von Parfüms, Brillen, Lederwaren. Die Zusammenarbeit mit dem Modemanager Herbert Frommen und später mit Peter Littmann von der Wünsche AG drohte am Bild vom größten deutschen Designer neben Karl Lagerfeld („Designer ABC“: L wie Lagerfeld) und Jil Sander („Designer ABC“) zu kratzen. Es kam also, wie es bei einem großen Modemacher und eigenwilligen Menschen kommen musste. Wie Jil Sander und Helmut Lang sich später von ihrem Mutterhaus Prada („Designer ABC“: P wie Prada) trennten, so verkaufte Joop, der Anfang 1998 insgesamt 95 Prozent der Anteile der „Joop!“-GmbH an die Wünsche AG abgetreten hatte, im Juli 2001 auch die restlichen fünf Prozent und ging seine eigenen Wege. „Jil Sander“, „Helmut Lang“, „Joop!“: Diese drei Marken haben nichts mehr mit ihren Gründerfiguren zu tun.

Wolfgang Joop, der Autor und Aussteller

Joop zog sich zurück in seine Wohnung in Monte Carlo und immer wieder auch nach New York, wo er dem amerikanischen Designer Bill Blass ein Apartment über den Dächern von Manhattan abgekauft hatte. Zunächst widmete er sich anderen Künsten. Er spielte in der Gesellschaftssatire „Suck My Dick“ (2001) von Oskar Roehler, organisierte Ausstellungen (unter anderem seiner eigenen Zeichnungen und Gemälde), schrieb brillante Essays zur Mode im „Spiegel“, und veröffentlichte - nach dem Kochbuch „Hectic Cuisine“ (1999) und dem Geschenkbuch „Das kleine Herz“ (2001) - im Sommer 2003 seinen ersten Roman, „Im Wolfspelz“. Die autobiographisch grundierte Geschichte zeigt in gnadenloser Aneignung des Trend-Slangs die Schrecken der Mode- und der Modelwelt, soll, wie er sagt, den Abschied von seiner Jugend, die so lange gedauert hatte, ins Bild setzen und handelt von Liebe, Einsamkeit und Eifersucht.

Aber sein Weg führte ihn vor allem zurück nach Potsdam, wo er die herrlich gelegene Villa Metz aus dem Jahr 1908 und die Villa des Malers Fritz Rumpf aus dem Jahr 1894 kaufte und stilgerecht renovieren ließ. Dort ist auch die Zentrale seines Unternehmens, mit dem er sich im Sommer 2003 zurückmeldete. Mit seinem Partner Edwin Lemberg gründete er die „Wunderkind GmbH und Co. KG“ zum Aufbau eines neuen Labels für aufwendige Abendmode mit Sitz in Potsdam. Seine Mode ist verspielter und phantasievoller als früher, seine Ästhetik scheint den Bildern Tamara de Lempickas entsprungen, deren Ausschweifungskunst er schon immer bewunderte. Die leicht nach unten gerutschte Taille, die betonten Schultern, die fließenden Stoffe und die melancholischen Farben erinnern an die Dekadenz der ausgehenden zwanziger Jahre. Joop zeigt Mut zum großen Auftritt von New Yorker Format und von schnoddriger Berliner Gelassenheit. Seine Idee ist zu einer Firma mit mehr als dreißig Mitarbeitern herangewachsen - und er muß Lizenzen für Parfüms und Cremes vergeben, um die Marke rentabel zu machen. Aber alle, die nicht an Duftwässerchen glauben, können sich an elegisch-weiten, teils handbestickten Entwürfen erfreuen, an Kleidern im Sinne Gustav Klimts, an verspielten Entwürfen mit Anleihen aus Vierzigern und Sechzigern, an dekadenter Boudoir-Anmutung und selbstvergessener Eleganz.

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