06.11.2010 · Er wirkt unscheinbar, schmal und viel jünger als 28 Jahre: Die Karriere von Jason Wu verläuft im Takt mit asiatischstämmigen New Yorker Designern. Er will eine perfekte Marke schaffen - und seit er Michelle Obama ausstattet, wächst der Umsatz noch stürmischer.
Von Alfons Kaiser, ZürichAuf der Straße erfuhr Jason Wu, dass sich sein Leben geändert hatte. Bis zum Januar 2009 kannten nur Modeleute den Namen des aus Taiwan stammenden New Yorker Designers. Dann trug Michelle Obama sein Chiffon-Abendkleid bei der Amtseinführung ihres Mannes. Jason Wu bemerkte seine neue Popularität, als der Fahrer eines Lastwagens, der in Manhattan an einer roten Ampel wartete, die Scheibe herunterdrehte und ihm zurief: „You're Jason Wu!“
Ja, er ist es. Aus eigenem Recht, ganz ohne First Lady, auch wenn er unscheinbar wirkt, klein, schmal und viel jünger als 28 Jahre. Aber er versteckt die präsidiale Episode auch nicht. Im Gespräch in Zürich, wo er sich für den „Swiss Textiles Award“ bewirbt, der im Rahmen der erstmals veranstalteten „Charles Vögele Fashion Days“ verliehen wird, weist er nicht ohne Stolz darauf hin, dass er der jüngste Schneider und nach all den migrationshintergründigen Vorgängern von Oleg Cassini bis Oscar de la Renta auch der erste asiatischstämmige Modemacher ist, der eine First Lady ausstattet - und zwar so oft, dass Michelle Obama einen seiner Mäntel schon bei dem Treffen mit Königin Elisabeth II. trug und auf dem „Vogue“-Cover im März 2009 ein magentafarbenes ärmelloses Tageskleid, das wieder ihre besten Teile in den Blick rückte: die Oberarme.
Die Puppenstube als gute Schule
Who is Wu? Die Frage beantwortet man besser mit seiner Mutter als mit Michelle. Denn weil sie ihre Söhne fördern wollte, zog Frau Wu mit den beiden von Taiwan nach Vancouver in Kanada, als Jason neun Jahre alt war - der Vater wurde Fernpendler. Eine Nachbarin, die Vorhänge nähte, gab dem Jungen Stoffreste, und er machte daraus Kleider für Puppen. Die allzu bilderbuchhaft beginnende Karriere reflektierte nur Frau Wus Auffassung, ihr Jüngster (sein älterer Bruder stieg später in das Geschäft des Vaters ein) sei ästhetisch empfindsam und daher im zarten Alter von zehn Jahren mit einer Nähmaschine und mit einer Mode-Studentin als Nählehrerin zu versehen.
Zudem wollte die ehrgeizige Frau Wu, dass die beiden außer Mandarin auch Englisch lernen. Der nun wieder in Taiwan lebenden Mutter hat das eingebracht, dass ihre Söhne in „Chinglish“ mit ihr reden. Die Puppenstube jedenfalls war eine gute Schule: „Wenn man so was Kleines nähen kann“, sagt der Designer, dessen Kleiderpuppen man noch immer bei FAO Schwarz kaufen kann, „dann kann man's auch in groß!“
Er musste also klein anfangen. Die Mutter bestand auf einem regulären High-School-Abschluss. Jason besuchte die Schule, ein Jahr auch in Paris - und meint, dass ein bisschen Weltwissen schon deshalb für Modemacher wichtig ist, damit sie die politische Situation in China oder die wirtschaftliche Lage in Deutschland einschätzen können. Danach studierte er Mode an der Parsons School in Manhattan, arbeitete als Assistent von Narciso Rodriguez und machte sich vor vier Jahren selbständig, als eine von Anna Wintour geförderte neue Generation junger Designer Manhattan auf die Mode-Weltkarte brachte.
Handbestickte Cocktail- und Abendkleider für 30.000 Dollar
Jason Wus Karriere verläuft im Takt mit asiatischstämmigen New Yorker Designern wie Derek Lam, Richard Chai, Philipp Lim, Doo Ri, Prabal Gurung, Thakoon Panichgul oder Alexander Wang - der als Vorjahressieger des „Swiss Textiles Award“ ebenfalls in Zürich dabei ist und nach den Schauen der Wettbewerbsteilnehmer am Donnerstagabend seine Frühjahrskollektion zeigt.
All diese Asiaten, die New York neben Paris zur kreativsten Modestadt machen und die er alle kennt, verbindet ein paar Eigenschaften. Sie sind lernbereit, fleißig und aufstiegswillig; sie sehen Mode pragmatisch, weil sie oft aus Textildynastien stammen, und haben daher auch ein gutes Verständnis für Kundinnen; ihre Geschmackssicherheit ist eher auf Zurückhaltung denn auf Provokation bedacht; und sie haben als Einwanderer der zweiten Generation eine fürs globale Geschäft hilfreiche interkulturelle Sensibilität. Jason Wu stimmt alledem zu. Was ihn von den anderen unterscheide, sagt er, sei der Couture-Aufwand. Seine Cocktail- und Abendkleider sind oft per Hand bestickt - so dass bei einem Ausnahmekleid mit vielen applizierten Blüten ein Preis von durchaus 30.000 Dollar blüht.
Vor vier Jahren begann er mit seiner eigenen Marke. Erstes Jahr, zwei Mitarbeiter, 300.000 Dollar Umsatz. Noch vor dem Michelle-Moment war er mit seiner Kollektion in den wichtigsten Modekaufhäusern: Saks, Bergdorf, Neiman - und im Laden von Ikram Goldman in Chicago, wo Michelle Obama sich bis heute mit Designerkleidern eindeckt. Nach dem Michelle-Moment wuchs der Umsatz noch stürmischer: Vergangenes Jahr waren es vier Millionen, dieses Jahr werden es zehn Millionen, nächstes Jahr laut Businessplan 15 Millionen Dollar sein. 20 Mitarbeiter hat er nun, die meisten nicht älter als er selbst. Auf 840 Quadratmetern arbeiten sie an der 35. Straße, mitten im Garment District. Die Produktionsstätten - er lässt fast nur in New York fertigen - liegen um die Ecke. „Da gehen wir nicht nur einmal am Tag hin“, sagt er lachend. Eine Mitarbeiterin, die mit in Zürich ist, rollt mit den Augen: „Bald können wir da ein Bett aufstellen.“ Über zu wenig Arbeit beklagen sie sich ohnehin nicht. „Gucken Sie“, meint Wu zufrieden und zeigt auf seine Mitarbeiterin, die auf einen Computer einhackt: „Während wir hier reden, arbeitet sie.“
„Wir wollen wachsen“
Die Besessenheit, eine perfekte Marke zu schaffen, treibt Jason Wu auch zu geschäftlichen Höchstleistungen. „Man kann nicht nur Modemacher sein heutzutage, man muss auch Manager sein. Nicht nur die richtige Kreativität, sondern auch eine gute Vermarktung macht eine Marke aus.“ Als Beispiele nennt er Yves Saint Laurent, Giorgio Armani, Ralph Lauren: „Sie haben alle so klein begonnen wie ich.“ Das Wort „kommerziell“ habe in der Mode einen schlechten Ruf. „Ich sehe es aber gar nicht negativ. Wenn man kein Geschäft macht, kann man am Ende auch nichts Kreatives mehr machen.“
Um zu expandieren, muss er nun also als Kreativdirektor mehr Produkte erfinden, als Geschäftsführer mehr Verkaufsstellen erobern. „Wir wollen wachsen. Deswegen stecke ich jeden Dollar Gewinn wieder ins Unternehmen.“ Mit eigenen Designern hat er eine Taschen- und eine Schuhkollektion entwickelt - die ersten Fotos hat er auf dem iPhone dabei. Lizenzen will er vorsichtshalber nicht vergeben. Die Expansionslust ist groß. In 130 Geschäften in aller Welt ist er schon vertreten. Bei „Apropos“ in Düsseldorf und Köln führen Klaus Ritzenhöfer und Daniel Riedo ihn schon seit drei Saisons. Gerade konnten sie ihn dafür gewinnen, dass er Ende Juli, wenn in Düsseldorf Messe ist, erstmals zu einem Event nach Deutschland kommt.
Im Luxussektor bleiben und organisch wachsen
Vor genau zwei Jahren begann er an einem Abendkleid zu arbeiten, das symbolische Bedeutung haben sollte. Er hatte zwar Jackie Kennedy vor Augen, hat sie sich aber nicht vergegenwärtigt, um seinen aktuellen Blick nicht zu trüben. „Die freie Schulter und der nackte Oberarm waren schon ziemlich frech für eine Präsidentengattin“, meint Wu über sein gelungenes one shoulder dress, das nun neben anderen First-Lady-Kleidern im National Museum of American History in Washington hängt. „Aber es passte doch. Und gerade diese Frau, zumal als erste schwarze First Lady, will ja etwas bewegen.“
Nach dem Inaugurations-Auftritt bekam er 250 Mails mit Angeboten für Fernsehshows, Lizenzen, Veranstaltungen - er sagte alles ab. „Natürlich war das verführerisch, ich hätte viel Geld verdienen können. Aber ich will strategisch vorgehen.“ Also im Luxussektor bleiben, organisch wachsen, auf die Mode setzen. Der „Swiss Textiles Award“, den von Raf Simons bis Rodarte schon viele hervorragende junge Modemacher gewonnen haben, würde da gut ins Bild passen. Damir Doma, Juun.-J, Adam Kimmel, Duro Olowu, Mary Katrantzou haben sich auch beworben.
Jason Wu zeigt am Donnerstagabend 15 aus 37 Looks seiner Frühjahrskollektion, ein rundes Bild aus Tageskleidern, Schluppenblusen, Marlene-Hosen, egg shape dresses, Chiffon-Abendkleidern, perfekt gemacht, vielleicht zu perfekt für ein aufstrebendes Talent, das er der Jury offenbar nicht mehr ist. Die 100.000 Euro Preisgeld gehen an die griechischstämmige Londoner Designerin Mary Katrantzou, die mit ihren Interieur-Drucken originelle Trompe-l'oeil-Kleider erfunden hat. Backstage lehnt Jason Wu etwas enttäuscht an den Kleiderstangen. „Komisch: Ich hab' noch nie einen Preis gewonnen.“ Kein Wunder: Er hat es nun wirklich nicht nötig.
Alfons Kaiser Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.
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