„Die wichtigste Modeschöpferin des 20. Jahrhunderts“ nannte Diana Vreeland, die ehemalige Chefredakteurin der amerikanischen Vogue, Madeleine Vionnet. Von Cristóbal Balenciaga wurde Madeleine Vionnet als „Meisterin des Stils“ bezeichnet. Und Azzedine Alaїa nannte sie „die Quelle von allem, die in unserem Unbewussten weiterlebt“. Für Modekenner ist ihr Name ein Synonym für Eleganz und perfekt geschnittene Kleider. Für alle anderen ist er lediglich ein Name, der in Vergessenheit geraten ist, trotz aller Innovationen in der Mode, für die er steht.
Der „Königin der Couturiers“ haben wir nicht nur im Nacken geknotete trägerlose Halterneckkleider und weich fallende Handkerchief-Dresses zu verdanken, sondern auch die Abschaffung des Korsetts. Obwohl Paul Poiret diese Errungenschaft für sich beansprucht, lehnte doch Madeleine Vionnet als erste Modeschöpferin konsequent das Korsett ab. Schon zu Beginn ihrer Karriere, Anfang des 20. Jahrhunderts, verzichteten ihre Entwürfe auf die unbequemen Einengungen.
Ihre wichtigste Erfindung: der Schrägschnitt
Ihre wichtigste Erfindung ist jedoch der körperbetonte Bias-Cut: Der Stoff wird nicht wie üblich parallel, sondern schräg zum Fadenverlauf im 45-Grad-Winkel zugeschnitten und umspielt dadurch die Silhouette fließend. Durch den Diagonalschnitt konnte sich der Stoff an weibliche Rundungen anschmiegen und die Bewegungen der Trägerin nachvollziehen. „Wenn eine Frau lächelt, muss ihr Kleid mit ihr lächeln“, so betonte Vionnet den Dialog zwischen Körper und Kleid.
Damit veränderte sie in den zwanziger und dreißiger Jahren nicht nur die Mode, sondern auch die Körpersprache. Stars wie Greta Garbo, Marlene Dietrich, Joan Crawford oder Katharine Hepburn trugen mit Vorliebe die Modelle von Madeleine Vionnet, die prädestiniert waren für den Auftritt einer Diva.
Vom Faltenwurf antiker Gewänder inspiriert
Vionnets griechisch geprägtes Schönheitsideal beeinflusste ihren Stil maßgeblich. Issey Miyake verglich ihre Roben mit einem Meisterwerk der griechischen Bildhauerkunst, der Nike von Samothrake: „Als ich das erste Mal ein Kleid von Madeleine Vionnet sah, dachte ich an eine Reinkarnation der Nike-Statue. Madame Vionnet hatte den schönsten Aspekt der klassischen griechischen Ästhetik eingefangen, nämlich den Körper und die Bewegung.“
Vionnet ließ sich vom Faltenwurf der antiken Gewänder inspirieren. Die Kunst des Drapierens spielte eine bedeutende Rolle für ihre freie Art des Entwurfs. Besonders wichtig war ihr die räumliche Wirkung eines Kleides, weshalb sie all ihre „Skizzen“ als körperhafte Gebilde im Raum anfertigte, nie als zweidimensionale Zeichnung auf dem Papier. Durch diese praktische Arbeit mit dem Stoff, den sie an einer Puppe aus Palisanderholz von allen Seiten gestaltete, entstanden die typischen Draperierungen. Für den edlen Faltenwurf verwendete sie vor allem elegant fallende Stoffe wie Crêpe Romain, Crêpe de Chine, Seidenmusselin und Charmeuse.
Vom Glanz des schillernden Namen ist wenig geblieben
Madeleine Vionnet wurde am 22. Juni 1876 in Chilleurs-aux-Bois, in der Nähe von Orléans, als Tochter von Abel Vionnet geboren. Sie wuchs in Aubervilliers im Jura auf und betrachtete die Region an der schweizerisch-französischen Grenze zeitlebens als ihre Heimat. Nach der Trennung ihrer Eltern wurde sie ab ihrem zweiten Lebensjahr von ihrem Vater erzogen, der sie, obwohl sie eine begabte Schülerin war, in eine Schneiderlehre gab.
Im Gegensatz zu ihren Zeitgenossinnen Elsa Schiaparelli und Coco Chanel, die beide Autodidaktinnen waren, beherrschte Vionnet das Handwerk seit ihrem 18. Lebensjahr. Obwohl sie mehr vom perfekten Schnitt verstand als ihre beiden Erzrivalinnen, ist vom Glanz des einst schillerndsten Namens der Haute Couture wenig geblieben. Wahrscheinlich lag es an Madeleine Vionnets Zurückhaltung. Mit ihrem Namen verbindet man zwar elegante Kleider, nicht jedoch das Gesicht der Frau, die dafür verantwortlich war. Sie hat sich weder selbst als Stilikone inszeniert, noch fiel sie – im Gegensatz zu ihren beiden Konkurrentinnen – durch exzentrisches Verhalten auf. Die Modetheoretikerin Valerie Steele formulierte die Dialektik so: „Sie sah aus wie eine Gouvernante, ließ aber andere Frauen wie Göttinnen erscheinen.“
Sie entsprach selbst nicht ihrem Schönheitsideal
Vionnet bezeichnete sich selbst als klein, untersetzt und plump: „Ich habe niemals Kleider für mich selbst entworfen, außer Sackkleider.“ Denn ihre Entwürfe verlangten einen schlanken, straffen Körper, der jedoch durch Bewegung in Form gehalten werden sollte und nicht durch ein Korsett. Damit brachte sie den Frauen ein Stück Freiheit zurück. Sie wollte erreichen, dass ihre Kundinnen „den eigenen Körper respektieren, sich sportlich betätigen und eine strikte Körperpflege betreiben, damit er für immer von seiner ihn verformenden Rüstung befreit bleibe“. Auch wenn sie nicht ihrem eigenen Schönheitsideal entsprach – bei ihren Kundinnen, die schmal und athletisch gebaut sein mussten, war sie unerbittlich: „Wenn ich eine hässliche, untersetzte oder fettleibige Frau bei mir im Salon sähe, würde ich sie hinauswerfen.“
Ihren ersten eigenen Salon machte Madeleine Vionnet im Jahr 1912 in der Pariser Rue de Rivoli auf. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges schloss sie ihn aber wieder. Das 1922 wieder eröffnete Haus Vionnet auf der Avenue Montaigne beschäftigte zu seiner Blütezeit 1200 Näherinnen. Rund 200.000 Kleider verließen das Haus in den zwanziger und dreißiger Jahren. Als Vionnet 1940 wegen der Folgen des Zweiten Weltkrieges abermals schließen musste, endete eine Ära der Eleganz. Sie zog sich in ihr bescheidenes Landhaus zurück, wo sie 1975 im Alter von 99 Jahren starb.
An den Ruhm vergangener Zeiten anknüpfen
Doch nun, viele Jahrzehnte nach der Schliessung des einst ruhmreichen Haute-Couture-Hauses, will der französische Geschäftsmann Guy de Lummen gemeinsam mit seinem Sohn Arnaud die tot geglaubte Marke wiederbeleben und an den Ruhm vergangener Zeiten anknüpfen. Bereits 1988 erwarb de Lummen die Rechte an dem Namen und fand schließlich im Juli 2006 in der griechischen Designerin Sophia Kokosalaki eine würdige Nachfolgerin Vionnets. Anfang Februar 2007 stellte die 34 Jahre alte Saint-Martins-Absolventin im New Yorker Kaufhaus Barneys ihre erste Frühjahr/Sommer-Kollektion für Vionnet vor. Trotz hoher Preise von 2000 Euro für ein Top und das bis zu Zehnfache für ein Kleid war die Kollektion innerhalb von drei Wochen ausverkauft.
Doch obwohl Arnaud de Lummen von Kokosalakis Fähigkeiten überzeugt gewesen war, wurde am 21. Mai 2007 Marc Audibet zum neuen Chefdesigner erklärt. Er hatte vorher unter anderem für Hermès, Ferragamo und Prada gearbeitet. Kokosalaki konzentriert sich wieder auf ihr eigenes Label, in das die italienische Firma Diesel investiert hat. Nun versucht also Audibet, dem Namen Vionnet seine strahlende Aura zurückzugeben und dem in Vergessenheit geratenen Mythos neues Leben einzuhauchen.
Literaturhinweis
Thomas Köstlin (T.Koestlin)
- 04.10.2007, 19:35 Uhr