Das erste vereinbarte Treffen im April sagt Delfina Delettrez Fendi kurzfristig ab - Erbinnen eben. Die zweite Verabredung im Juni muss man selbst wider Erwarten verschieben. Beim dritten Versuch Ende Juli, fünf Tage bevor die 24 Jahre alte Schmuckdesignerin in den Sommerurlaub verschwindet, findet man doch noch in ihrem römischen Atelier zueinander, in einem alten Gemäuer mit dicken Säulen und einer Ausgrabungsstätte im Foyer.
Den prächtigen Palazzo Fendi, die Firmenzentrale des Unternehmens, die man zunächst mit der First Family der Mode in Rom verbindet, obwohl es mittlerweile zum Luxuskonzern LVMH gehört, könnte man von hier aus zu Fuß erreichen, und ähnlich nah liegt auch der erste Eindruck: Die Tochter dieser Familie kann sich Hilfe leisten. Während andere Jungdesigner auf billige Praktikanten setzen, wimmelt es hier nur so von Mitarbeitern allen möglichen Alters. Delfina Delettrez Fendi mag eine aufstrebende Nachwuchsdesignerin sein; den Preis, den ihre Kollegen im gleichen Alter dafür zahlen, mit wenig Unterstützung zwischen Wohn- und Schlafzimmer ein Label aufzubauen, scheint ihr erspart zu bleiben. Auf der anderen Seite passt dieser Eindruck vielleicht zu perfekt ins Klischee der Tochter, der eingefallen ist, Schmuckdesignerin zu werden.
Also ein zweiter Blick: Um ihr linkes Handgelenk trägt Delettrez Fendi keine teure Uhr, um ihr rechtes kein Armband, sondern lediglich ein schlichtes schwarzes Haargummi. Ihre Nägel sind nicht lackiert und nicht einmal gefeilt, sondern so mit der Nagelschere abgeschnitten, wie man es von Kindern kennt. Auch der Schmuck, den sie fertigt, hat wenig mit der glitzernden Oberfläche von Juwelen zu tun. Im Gegenteil, ihre Frösche und Spinnen aus Edelmetall, ihre „Monster“, wie sie sagt, ironisieren diesen Schein und lassen Schmuck, der eigentlich so alltagsnah ist wie eine Reise zum Mond, plötzlich richtig interessant daherkommen.
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Sie tragen heute selbst kaum Schmuck. Auch Ihre Arbeiten orientieren sich nicht an dem klassischen Sinn des Handwerks. Wie stehen Sie persönlich zu Schmuck?
Bevor ich mit dem Label anfing, fand ich Schmuck sogar richtig langweilig. Ich folge ungern Regeln, und da war Schmuck etwas für die Glasvitrine. Aber gerade weil ich keine traditionelle Schmuckkunst im Rücken habe, war das für mich eine Möglichkeit zu experimentieren. Ich bin sehr an Funktionalität interessiert.
Aber Schmuck erfüllt doch außer der ästhetischen Funktion kaum eine andere?
Ja, aber die wird wichtiger dadurch, dass Frauen heute kaum noch Zeit haben, sich zum Beispiel umzuziehen. Ich habe immer ein bisschen Schmuck in der Handtasche dabei. Das, was Frauen heute tagsüber bei der Arbeit anhaben, ist auch das, was sie abends tragen. Man variiert höchstens noch mit dem Schmuck, den man eben einfach in seiner Tasche mit sich transportiert und bei Gelegenheit herausnimmt. Oder aus dem Armband von tagsüber wird abends eine Kette. So etwas interessiert mich. Ich glaube, dass Schmuck deshalb momentan einen entscheidenden Augenblick erlebt.
Das klingt, als wäre Schmuck heute weniger prätentiös.
Frauen kaufen sich jetzt selbst ihren Schmuck. Bei meiner Oma zum Beispiel hatte jedes Schmuckstück eine Geschichte zu erzählen und gab Einblick in einen speziellen Moment ihres Lebens. Heute hingegen kaufen sich Frauen Schmuck so wie zum Beispiel einen Gürtel.
Was bedeutet das für die Verarbeitung?
Die Verarbeitung, das Handwerk, war einer der Gründe, weshalb ich unbedingt in Rom bleiben wollte. Ich hatte ja die Wahl, es wäre kein Problem gewesen, umzuziehen. Aber warum? Hier kann ich engen Kontakt mit den Handwerkern halten, und weil sie immer weniger zu tun haben, immer weniger Arbeit bekommen, sind sie auch offener für Ideen geworden. Vor zehn Jahren hätte der Marmorist wahrscheinlich nicht mit mir gearbeitet, oder der Mann, der so schöne Mosaike zusammensetzt, hätte nein gesagt.
Wie arbeiten Sie mit denen?
Ich lerne von ihnen. Für mich ist das wie zur Schule gehen. Ich lerne von ihnen etwas, das ich selbst vorher nicht konnte. Natürlich sind die Dinge, die ich mit ihnen gemeinsam ausprobiere, nicht zum Verkauf gedacht, aber mir ist es sehr wichtig, ihre Mentalität zu verstehen und sie in meiner Arbeit aufzunehmen.
Was lernen Sie von den Handwerkern?
Zum Beispiel, wie ich meinen Lack mische. Ich nehme richtige Unterrichtsstunden.
Das läuft so reibungslos?
Nein, nein, natürlich nicht. Manchmal komme ich mit unmöglichen Anfragen. Sie schauen mich dann an, als wäre ich von einem anderen Stern. (Sie schaut jetzt selbst ein bisschen schräg.) Solche Blicke bekomme ich zum Beispiel, wenn irgendetwas ganz fix gehen muss. Und sie sagen dann, die ist ja verrückt, die hat überhaupt keine Ahnung, dass so etwas allein 24 Stunden zum Trocknen braucht.
Auch Ihre Familie wohnt hier in Rom. Ist das ein anderer Grund, der Sie an die Stadt bindet?
Ja. Kann ich rauchen? (Sie beginnt sich eine American Spirit zu drehen.)
Es ist Ihnen wichtig, das Label als Delfina Delettrez zu etablieren, ohne den bekanntesten Teil Ihres Namens - Fendi - am Ende. Trotzdem, wie viel, glauben Sie, zählt Ihr Nachname?
Sicher, anfangs zählte der Name bestimmt. Da war schließlich nicht nur die Geschichte der jungen Juwelierin, sondern auch die meines familiären Hintergrunds. Aber ich glaube, dass ich die Fendi-Geister langsam vertreibe, auch weil die Leute sehen, wie ernst ich die Arbeit nehme. Sie sehen ja auch die Entwicklung. Ich höre von unterschiedlichen Seiten, dass ich anfangs mit zu vielen Ideen an die Sache herangegangen bin, dass meine Arbeit dadurch schnell verwirrend herüberkam. Daraus lerne ich und versuche konkreter zu sein.
Sie wurden mit 18 unerwartet schwanger. Damals wäre es sicher einfacher gewesen, bei Fendi einzusteigen, anstatt ein Label aufzubauen.
Ja, bestimmt. Aber ich wollte frei sein. Ich will fliegen können.
Wie alt ist Ihre Tochter jetzt?
Fünf, so wie mein Label. Meine Tochter und mein Label wachsen gemeinsam. Und ich wachse mit ihnen. Mit ihr werden sowohl das Label als auch ich schneller erwachsen. Ich wusste zwar von Anfang an, dass ich in der Mode arbeiten wollte, aber nicht unbedingt im Schmuckdesign - bis ich schwanger wurde. Mir ist damals bewusst geworden, dass ich den Kreis schließen wollte. Um unabhängig zu sein, wollte ich eine Familie, einen Vollzeitjob und einen Ehemann.
Wie schaffen Sie das denn heute alles?
Mit der Nanny. Und indem ich meine Tochter mit hierher nehme, wann immer es geht. Ich selbst bin schon damals bei meiner Mutter im Atelier auf dem Boden herumgekrabbelt. So etwas möchte ich meiner Tochter auch ermöglichen. Für mich war das immer sehr inspirierend. Mich zwang ja niemand, dort nach der Schule hinzugehen und da meine Hausaufgaben zu machen. Ich wollte das so.
Sie sagen, dass Sie anstelle von Schmuck Spielzeug für Erwachsene fertigen. Hat das auch mit Ihrer Tochter zu tun?
Ja, ich bin besessen von Spielzeug. Was ich hier in meinem Atelier mache, erinnert mich oft selbst ans Legospielen. Das kommt bestimmt auch durch sie. Früher war ich sehr düster. Alles musste schwarz und makaber sein. Ich wusste gar nicht, dass ich etwas Süßes in mir habe. Erst in der Schwangerschaft bemerkte ich, dass ich lediglich Angst davor hatte, eine weiche Seite von mir zu zeigen. Mit meiner Tochter kam diese Seite zum Vorschein.
Inwiefern?
Zuvor ging es um Totenköpfe und Schlangen. Seit sie geboren ist, beschäftige ich mich zum Beispiel viel lieber mit Farbe. Wenn ich mit ihr zusammen bin, muss ich ja die Welt mit ihren Augen sehen, mit den Augen eines Kindes. Ihre Märchen inspirieren mich oder ihr Spielzeug. Oder ihre Armbänder, wissen Sie, solche, die man gegen das Handgelenk haut, und die dann zuschnappen. Wenn die Dinge für Kinder gemacht sind, haben sie plötzlich total schlaue Funktionen. Emma ist der Grund, weshalb diese Idee überhaupt zu einem richtigen Beruf geworden ist. Ich möchte ihr das bieten, was meine Familie mir ermöglichen konnte. Ich möchte ihr einen Sinn für das Schöne geben.
Sind Sie abergläubisch?
Ja, aber nicht in dem Sinne, ob eine schwarze Katze über die Straße läuft oder nicht. Es geht mir eher um den Verlust von Dingen, besonders im Hinblick auf Schmuck. Zum Beispiel sehe ich manchmal, dass Dinge schieflaufen, wenn ich einen Ring auswechsele. Auch wenn ich einen Ohrring verliere, ist das für mich ein Zeichen, dass etwas passieren wird. Aber es ist eine sehr fatalistische Haltung, die mich nicht zu sehr einnimmt. Deshalb hänge ich auch nicht so sehr an Schmuck und sehe es als das, was es heute ist.
Gut, dann hätte ich nur noch eine Frage: Warum haben Sie hier in Ihrem Büro eigentlich eine Bar mit einem Tresen und drei Hockern stehen?
Hmm, für unsere Büropartys. (Sie lacht.) Wir arbeiten abends oft bis spät, besonders vor den Schauen, und da ist ein Drink zwischendurch schön. Ich habe einfach gern eine Bar in meinem Büro.
Delfina Delettrez Fendi, 1987 geboren, wuchs in Brasilien und Italien auf und gehört der berühmten römischen Familie Fendi in vierter Generation an. Delettrez Fendi besuchte die amerikanische Schule in Rom und ging anschließend nach Paris für mehrere Praktika bei Chanel. Dort konkretisierte sich ihr Plan, selbst in der Mode zu arbeiten. Aber anstatt im eigenen Traditionshaus anzufangen, wie viele Sprosse italienischer Modefamilien, lancierte sie im Jahr 2007 ein eigenes Schmucklabel. Ihre Kreationen haben sowohl eine düstere Seite als auch eine verspielte. Sie bildet mit Vorliebe Augäpfel, Totenköpfe oder Insekten nach, die sie dann so bunt lackiert wie das Spielzeug ihrer Tochter, Emma, fünf Jahre alt, gehalten ist.