Es war die etwas andere Eröffnung einer Modenschau. Zu Musik, die den Urwald beschwor, zeigten Models Jeans, Taschen, Rucksäcke und Schuhe für die kommende Herbst- und Wintersaison. Mit der Vorführung ihrer Kollektion hatte sich Anfang Mai die Marke „Chance für Kolumbien“ bei der elften Präsentation des „Modezirkels“ (Círculo de moda) in Bogotá zum ersten Mal vorgestellt. Das Label hat außer den Sponsoren, die auch die anderen Modedesigner im „Zirkel“ unterstützen, noch einen ungewöhnlichen Förderer: das kolumbianische Verteidigungsministerium. Der Modemacher Álvaro Pérez, der für das Design verantwortlich zeichnete, und seine Mitarbeiter sind ehemalige Guerrilleros.
Pérez war 20 Jahre lang, von 1986 bis 2006, Haus- und Hofschneider der Guerrilla-Organisation „Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens“ (Farc). Schon bevor er sich der Guerrilla anschloss, hatte er sich im Schneiderhandwerk betätigt. Als sein Betrieb dem Bankrott nahe war, tauchte er ab. Zusammen mit sechs anderen Guerrilleros fertigte er an 16 Nähmaschinen die Uniformen für zwölf Farc-„Fronten“ und vor allem für Anführer wie Alfonso Cano oder Raúl Reyes, die inzwischen beide bei Angriffen der regulären Streitkräfte getötet worden sind. In der „Schneiderwerkstatt“ in den Bergen Kolumbiens konnte nur gearbeitet werden, wenn sich die Farc-Truppe, der Pérez angehörte, in Gegenden mit Stromversorgung aufhielt. Alle drei Monate ging er in nahe gelegene Städte, um Stoffe einzukaufen.
Bei jedem Gefecht fürchtete der Schneider, seine Familie nie wiederzusehen, für jeden gefallenen Mitarbeiter musste er Ersatz suchen. Schließlich überredete er eine Gruppe, sich gemeinsam dem kolumbianischen Heer zu stellen. Seinem Wunsch, wieder ins Modegeschäft zurückzukehren, verdankt er seine Rettung, wie er sagt. „Als ich die Farc verließ, war ich entschlossen, weiter das zu tun, was ich bei der Guerrilla getan hatte, das heißt, Kleidung herzustellen.“ Der erste Schritt zur Wiedereingliederung in die Zivilgesellschaft war die Gründung einer Schneiderwerkstatt mit anderen demobilisierten Guerrilleros. Mit Unterstützung eines internationalen Unternehmens brachte er ihnen das Handwerk bei und gründete den Kleinbetrieb „Colfepaz“ (Akronym für „Kolumbien schneidert den Frieden“).
Im März wurden Pérez und seine Mitarbeiter eingeladen, sich an dem Programm „Chance für Kolumbien“ zu beteiligen, einem Projekt des Verteidigungsministeriums und der brasilianischen Agentur zur Wiedereingliederung (ACR), das ehemaligen Angehörigen illegaler bewaffneter Gruppierungen neue Lebenschancen bieten will. Gemeinsam mit der Modedesignerin Sandra Cabrales entwarfen die früheren Aufständischen eine komplette Kollektion mit dem Namen „Libertad“ (Freiheit), bestehend aus 82 Stücken, vor allem Jeansmode. Für die Schau im „Modezirkel“ hatte Pérez die Modelle entworfen, Ciro Gómez war für Taschen und Rucksäcke zuständig, Oscar Rodríguez für Schuhe und Jorge García für die Accessoires. Pérez, Gómez und Rodríguez waren Guerrilla-Mitglieder, García gehörte zu den rechtsgerichteten „Selbstverteidigungskräften“ (Autodefensas).
„Es war das größte Ereignis, an dem ich je teilgenommen habe, und eine große Chance für uns alle, unsere Arbeit zu präsentieren und andere Kollegen auf diesem Gebiet kennenzulernen“, bemerkte Pérez über seinen erfolgreichen Einstand bei der Modewoche. Das Beste sei „die Möglichkeit, sich selbst und der Gesellschaft zu zeigen, dass die Wiedereingliederung eines ehemaligen Guerrilleros in das bürgerliche Leben möglich ist“.
Er hofft jetzt, dass der erfolgreiche und vielbeachtete Auftritt auch zu Aufträgen führt. Pérez möchte als Designer anerkannt werden, Kundschaft erobern, in „Colfepaz“, wo er schon 26 ehemalige Guerrilleros beschäftigt, weiterarbeiten und anderen früheren Kämpfern bei der Reintegration helfen. Sandra Cabrales, eine erfahrene Modemacherin, glaubt an das Projekt und an das Potential der Gruppe. Álvaro Pérez habe „viel Talent“.