Home
http://www.faz.net/-gut-qg16
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Camillas neue Kleider Die Stil-Blüte will Königin werden

10.04.2005 ·  Modische Offenbarung: Das schräg gewehte Hirngespinst auf Camillas Kopf bei der Trauung wirkte wie eine Mischung aus Dornen- und Königskrone. Jetzt ist es also raus: Sie will wirklich Königin werden.

Artikel Bilder (5) Lesermeinungen (0)

Rowan Atkinson und Stephen Fry, die Komödianten, gaben nicht etwa die Spaßvögel, als sie auf der Hochzeitsfeier von Prinz Charles und Camilla zum „morning dress“ einen schwarzen Zylinder trugen: In Ascot sind Zylinder noch heute die gewichtigen Gegenstücke zu den bunten Hüten der Damen.

Aber Ausnahmen waren die beiden doch. Prinz Charles selbst gab sich locker und trug zum Cut aus langschößigem Charcoal-Rock, grau gestreiften Hosen und silberner Krawatte nicht etwa einen silbergrauen Zylinder, sondern lediglich sein bloßes Haupt. Das sollte der Hochzeit ein ungezwungenes Gepräge geben, zumal Cut und Frack und Stresemann eigentlich bürgerliche Kleidung sind. Charles selbst hatte nach alter Tradition bei seiner Hochzeit mit Lady Diana Militäruniform getragen. Aber in vollem Ornat im Standesämtchen von Windsor - das hätte, erst recht mit einer Bürgerlichen an seiner Seite, wirklich komisch ausgesehen.

In der Unschuldsfarbe Weiß

Dem freizügigen Umgang mit den Erwartungen entsprach denn auch zunächst die Braut: Im Standesamt trat sie nicht etwa in Apricot auf, wie gemutmaßt wurde. Nein, sie näherte sich der Unschuldsfarbe Weiß, die sie 1973 auf ihrer Hochzeit mit Andrew Parker Bowles getragen hatte, mit Elfenbein stark an. Das knapp über das Knie reichende Seidenkleid mit ebenfalls elfenbeinfarbenen großen Flachpailletten am runden Ausschnitt und am Saum gab der Braut die Chance, ihre vorteilhaftesten Körperteile, die Beine, dezent zu zeigen.

Das Kleid lugte unter dem gleichfarbenen Mantel mit Korbmuster-Struktur hervor, der ihre Figur gut umspielte und wettmachte, daß Camilla aus Altersgründen keine Stilikone mehr wird. Zusammen mit ihren Designerinnen Antonia Robinson und Anna Valentine, die als „Robinson Valentine“ seit 1986 ein Studio in Kensington betreiben, hat sie nach acht Anproben also die richtige Wahl getroffen. Die Leder-Clutch-Bag vom königlichen Taschenmacher Launer paßte perfekt, die Wildlederpumps von Linda Bennett wirkten mit bescheidenem Fünf-Zentimeter-Absatz angemessen. Auch der Kopfputz, entworfen von dem bekanntesten Londoner Modisten, Philip Treacy, der schon für Galliano, Chanel und Pucci gearbeitet hat, paßte sich farblich an: Die Federn wippten durchaus keck auf dem ausladenden cremefarbenen Strohhut mit breiter Krempe aus französischer Spitze.

Modische Enttäuschung

Dagegen enttäuschte die Segnungsfeier in der St.-George's-Kapelle modisch auf ganzer Linie. Nicht nur, daß Zara Philips, die 23 Jahre alte Tochter von Prinzessin Anne, in ihrem eigentlich schönen, aber grafisch viel zu starken Retro-Pucci-Kleid und in schwarzen Stiefeln dem Motto „Do not overshadow the bride!“ laut widersprach; nicht nur, daß die Freundin von Camilla-Sohn Tom Parker Bowles, Sarah Buys, mit ihrem allzu knappen und hinten in Richtung Norden gerafften Röckchen zu hoch blicken ließ; und nicht nur, daß einzig Scheherazade Goldsmith, die Frau des Sir-James-Goldsmith-Sohns Zac, in ihrem blauen Samtkleid als modische Überraschung gelten konnte.

Nein, Camilla hatte dieses Mal mit ihren beiden Designerinnen zu sehr auf Zurückhaltung gesetzt. Die frischgebackene Herzogin von Cornwall trug ein mit Stickereien in mehreren Goldtönen durchwirktes langes porzellanblaues Mantelkleid, das sich nach unten öffnete und in angedeuteter Schleppe auslief. Darunter trug sie ein bodenlanges silbriges Seidenkleid, dazu blaßgraue Linda-Bennett-Pumps.

Es fehlte der Mut

Dieses Mal ließ Philip Treacy, der sonst alles auf den Kopf stellt, Mut vermissen: Die goldfarbenen Federn hoben sich kaum ab von den - wenn auch aufgehellten - Haaren der Braut. Eigentlich sind Accessoires - das weiß selbst die Königin - auch für die farblichen Akzente gut. Hier waren die Eheringe aus walisischem Gold und die Diamantohrringe der einzige Höhepunkt.

Dennoch hatte es Treacys Federreif nicht verdient, daß die Braut ihn wegen des Windes auf der Freitreppe vor der Kapelle dauernd festhalten zu müssen glaubte: Er hätte, das steht fest, so gehalten wie der festbetonierte Hut der Königin. Insofern wies die Szene nur unvorteilhaft auf die robust-ländliche Art Camillas hin, die mit den filigranen Gespinsten feiner englischer Hutmode keine Erfahrung hat.

Unübertroffen in der Symbolik

Lediglich in der Symbolik war der aus Irland stammende 37 Jahre alte Treacy, der sich gern aus dem Bilderschatz der christlichen Ikonographie bedient, wieder einmal unübertroffen: Das schräg gewehte Hirngespinst auf Camillas Kopf wirkte von fern wie eine Mischung aus Dornen- und Königskrone. So hat der geniale Modist Camillas Rolle schon festgeschrieben: Die lange schmerzensreich Entsagende wird endlich mit Glück und Macht belohnt.

Camillas zukünftige Rolle konnte man in Windsor an dieser modischen Offenbarung besser ablesen als an allen wohlgesetzten Worten: Sie will wirklich Königin werden. Als Farce wurde dieser Anspruch auch noch zu Beginn der Flitterwochen in Aberdeen offenbar: Da trug sie ein stark kirschrotes Kleid, als ob sie die Königin selbst wäre. Seit der Trauung ist es also raus: Von nun an ist Camilla nicht mehr aufzuhalten.

Quelle: kai. / F.A.Z., 11.04.2005, Nr. 83 / Seite 7
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen