Home
http://www.faz.net/-gut-r09k
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Brautmode Für Ja-Sagerinnen

23.08.2005 ·  Einmal zum Altar und zurück: Brautkleider sollen romantisch sein, gehen aber doch mit der Mode. Derzeit im Trend: das Heiraten wie in Hollywood.

Von Anke Schipp
Artikel Bilder (1) Bildergalerie Lesermeinungen (0)

Es gibt kein Stück in der Garderobe einer Frau, das eine kürzere Tragedauer hätte. Das Brautkleid begleitet seine Trägerin zum Altar, wartet das "Ja, ich will" ab, übersteht Blumenregen, Reishagel, Kaffee und Kuchen, exzessives Tanzen und als letzte Strapaze den Versuch des Bräutigams, die Braut elegant über die Schwelle zu hieven.

Ein großer, aber kurzer Auftritt. Nach der Hochzeit fristet das Brautkleid ein staubiges Dasein im Schrank oder auf dem Dachboden und landet nicht selten, wenn die Ehe Schiffbruch erlitten hat, im Second-Hand-Laden.

Eine echte Eintagsfliege

Das Brautkleid ist eine echte Eintagsfliege. Und doch verbinden sich mit ihm Sehnsüchte und Träume wie mit kaum einem anderen Kleidungsstück. Der weiße Stoff als Sinnbild für Unschuld hält seit Jahrhunderten als Projektionsfläche her, auf der sich das stets wandelnde Frauenbild der Epochen ablesen läßt. Eine Ausstellung im Hamburger Jenisch Haus beleuchtet die Geschichte der Brautmode und beantwortet wichtige Fragen.

Brautmode: Für Ja-Sagerinnen

Zum Beispiel die: Trug die Braut schon immer Weiß? Ja, aber nicht nur. Bereits zu römischer Zeit hüllten sich Jungfrauen in eine weiße Tunika mit Gürtel, den nur der Ehemann öffnen durfte. Aber erst in der Zeit des Empire, Anfang des 19.Jahrhunderts, wurde die Farbe vor allem in Adelskreisen beliebt, während das Bürgertum ganz praktisch dachte und lieber bunt, manchmal sogar schwarz heiratete - denn die Robe sollte später noch als Festtagskleid herhalten. Im 19.Jahrhundert setzten sich die Farbe Weiß in allen Schichten und der Traum vom "romantischen Brautkleid" durch.

Genug von der Märchenbraut

Genaugenommen gab es im 20.Jahrhundert nur zwei Zeitabschnitte, in denen man genug von der Märchenbraut hatte. Die erste Ernüchterung kam mit dem Wandel des Frauenbilds nach dem Ersten Weltkrieg. Die neue Frau war selbstbewußt und unabhängig, das Korsett wurde abgeschafft und der Rocksaum kürzer. Frauen durften bequeme Kleidung tragen - auch vor dem Altar. Die neue Sachlichkeit währte allerdings nur kurz. In den dreißiger Jahren wurden die Brautkleider wieder körperbetont und lang. Nach dem Krieg kam der verschwenderische "New Look" von Christian Dior, der sich auch auf die Brautausstattung übertrug: ein enges Oberteil, kombiniert mit Wespentaille und einem weit schwingenden Rock. Die Ehefrau hieß damals Gattin, und schon an ihrem Auftritt vorm Altar war abzulesen, daß sie keine aufmüpfige, sondern eine äußerst ergebene war.

Es ist nicht überraschend, was dann mit der Jungfrau in Weiß geschah: In den sechziger Jahren gerieten die Konventionen ins Wanken. Fortan wurde gar nicht mehr geheiratet oder nur noch äußerst glanzlos. Die Hochzeit von Yoko Ono und John Lennon 1969 dauerte ganze drei Minuten, sie trug einen Schlapphut, er behielt die Hände in den Taschen.

Die Braut einmal komplett eingehäkelt

Die Märchenbraut stand erst wieder in den achtziger Jahren vor dem Altar. Mit dem Prinzessinnenstil, den unterfütterten langen Röcken und hautengen Korsagen zeigt sich eine rückwärts gewandete Mode, die sich am 19.Jahrhundert orientiert, an einer vermeintlich heilen Welt, in der es noch keinen Oral-Sex an Hafenbrücken gab, sondern treue Ehemänner und die ewige Liebe. Brautkleider sind mit Kristallen und Schleifchen so üppig dekoriert, daß die Heirat zum Hollywood-Auftritt wird. Das Hochzeitskleid ist zur Verkleidung geworden, die eigentlich nicht mehr zeitgemäß, sondern "kraß unmodern" ist, wie es die Ausstellungsmacher formulieren. Es ist, so will man meinen, die Sehnsucht der bürgerlichen Gesellschaft nach aristokratischem Prunk.

Besonders sichtbar ist das bei der Haute Couture - der hohen Schneiderkunst, die ihre Defiées in Paris traditionell mit einem Brautkleid beendet. Dort ging man schon immer spielerisch und opulent mit dem Thema um, wie das Beispiel von Yves Saint Laurent zeigt, der 1965 das Modell Eierwärmer entwarf, in dem die Braut fast komplett eingehäkelt ist. Jetzt scheint in Paris das Höchstmaß an Opulenz erreicht: Brautkleider, die aussehen, als hätte LudwigXIV. zur Hochzeit geladen. Dabei sind es in Wahrheit doch nur Milliardäre oder andere Neureiche: Im Januar heiratete das Model Melanie Knauss den Immobilienhändler Donald Trump in einem 23Kilogramm schweren Brautkleid von Dior, das selbst Sissi vor Neid hätte erblassen lassen.

Die Ausstellung „Braut Moden Schau“ im Hamburger Jenisch Haus ist noch bis zum 16. Oktober zu sehen. Im Internet unter www.altonaermuseum.de

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.08.2005, Nr. 33 / Seite 53
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1966, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge