Home
http://www.faz.net/-gut-tlai
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Brasilien Wir sind nicht das Land der Magermodels

20.11.2006 ·  In der brasilianischen Öffentlichkeit ist ein perfekter Körper, der schlank zu sein hat, das vorherrschende Leitbild. Nachdem das zweite Model an den Folgen der Magersucht gestorben ist, klagt die brasilianische Designerin Adriana Barra über falsche Ideale.

Von Josef Oehrlein, São Paulo
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Das Atelier, in dem Adriana Barra ihre Kunden empfängt, ist keine asketische Klause. Es ist ein buntes Häuschen im Schatten der Wohn- und Geschäftstürme des vornehmen Stadtviertels Pinheiros in São Paulo. Überall blüht und schwillt und sprießt es. Ein künstliches Bächlein rauscht durch ein Gärtchen. Adriana selbst ist eher ein rundlicher denn klapperdürrer Typ. Wie eine sanfte Fee streicht sie durch ihre Märchenwelt. Die ornamentale Pracht der Natur und der Kunst auf den Wänden setzt sich nahtlos fort auf den Kleidern, die sie entworfen hat. Adriana Barras hat den Textildruck wiederentdeckt und wiederbelebt. In ihrem eigenen blümchenbedruckten Gewand hält sie mit der magischen Kraft der Bänder, Blüten und des Zierats den wuchernden Zauber im Zaum.

In diese üppige Welt der brasilianischen Mode ist nun zum zweiten Mal eine Todesnachricht eingeschlagen. In der vergangenen Woche war das brasilianische Model Ana Carolina Reston an den Folgen der Magersucht gestorben. Und am Wochenende ist die ebenfalls 21 Jahre alte Mode-Studentin Carla Sobrado Cassalle nach zwei Herzanfällen in einer Klinik in São Paulo gestorben. Sie war 1,70 groß und wog 45 Kilogramm. Zeitweise war sie auf 38 Kilogramm abgemagert. Carla, die aus Araraquara im Bundesstaat São Paulo stammte, wollte in der Modewelt Karriere machen. Zwischenzeitlich habe sie etwas zugenommen, sagt ihr Vater. Aber sie wollte nicht zugeben, daß ihre Magersucht krankhaft war. Am Ende verlor sie wegen Medikamenten-Mißbrauchs wieder an Gewicht.

Europäische Mode bevorzugt superdünne Models

Adriana Barra, eine der erfolgreichsten und originellsten jungen brasilianischen Modemacherinnen, ist noch immer schockiert von diesen Nachrichten: „Brasilien ist eigentlich nicht das Land der Magermodels“, sagt sie. Die Sucht habe erst in letzter Zeit bedrohliche Formen angenommen. Sie selbst habe die extrem schlanken Mannequins noch nie gemocht. „Sogar mein Anprobemodel, das ich für das Modellieren der Kleidung benutze, ist ein normaler Typ“, sagt sie.

„Ich habe immer Models von eher voller Statur verlangt, von Größe 38 an aufwärts, weil dies eher der Realität entspricht.“ Mit der deutschstämmigen Gisèle Caroline Nonnenmacher Bündchen - kurz Gisele Bündchen - habe sich ein normalerer Frauentyp auf den Laufstegen in Brasilien durchgesetzt. Die Statur der Brasilianer sei sowieso eher runder, fülliger, kurvenreicher, meint Adriana Barra. Mit einem Mal sei aus Europa eine Modewelle herübergeschwappt, die kalkweiße, superdünne Models bevorzugte. Diese Frauen verkörperten einen in Brasilien fremden Schönheitstyp, „der die Anorexie geradezu herausgefordert hat“.

Brasilien hat sich in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen Land der Mode und des Designs entwickelt. Das liegt vor allem an der von Paulo Borges betreuten Fashion Week in São Paulo. Auch der „brazilian moment“ in der Modelwelt nach dem Erfolg Gisele Bündchens hat dazu beigetragen - wenn er auch jetzt vorbei ist, da sich die Designer und Stylisten vorzugsweise in Osteuropa bedienen. Statt ihren eigenen Stil zu entwickeln, orientiere sich die brasilianische Mode an internationalen Tendenzen, meint Adriana Barra. Das hält sie für einen Irrweg. „Wir leben in einem tropischen Land, einem Land mit eigener Kultur.“ Was in der brasilianischen Musik mit ihren eigenen Stilrichtungen und -mischungen gelungen ist, meint sie, sollte auch in der Mode möglich sein.

Harte Konkurrenz unter den Models

Die Magersucht, der die Models anheimfallen, habe nichts mit den Anforderungen an den Beruf zu tun, sondern sei ein psychologisches Problem, das eine Eigendynamik entwickelte, mutmaßt Adriana Barra. Gisele Bündchen macht die harte Konkurrenz unter den Models für die Auswüchse verantwortlich. Viele junge Frauen in ihrem Metier achteten mehr auf die Arbeit und gewisse Schönheitsideale als auf ihre Gesundheit, sagte sie nach dem Tod ihrer beiden Kolleginnen. „Ich habe mich immer gut ernährt, ich treibe keinen Mißbrauch, und ich würde auch nie wegen einer bestimmten Arbeit hungern.“

Adriana Barra leistet sich den Luxus, dem Mainstream der Fashion Week fernzubleiben, bisweilen sogar dagegen anzugehen. „Ich weiß eigentlich nicht, was im Augenblick in der Szene geschieht. Das da sind die Modezeitschriften vom vergangenen Jahr“, sagt sie und deutet auf ihr Bücherregal. „Ich habe nicht reingeschaut. Ich wollte nicht wissen, daß jetzt die Latzhose der letzte Schrei ist. Wenn ich es erfahren hätte, wäre ich vielleicht darauf hereingefallen und hätte mitgemacht.“ Ein Jahr lang ist sie nicht mehr zu den Schauen gegangen. Sie sieht ihre Arbeit als Kunst, die in Europa besser verstanden werde als in den Vereinigten Staaten. Dort müsse, was aus Brasilien kommt, billig sein.

Adriana Barras Gewänder mit den Mustern, die tropischer Flora und Fauna abgeschaut sind, stehen am ehesten Damen von halbwegs fülliger Statur. „Die Frauen, die meine Stücke anziehen, haben nicht die Figur der klapperdürren Models, die man auf dem Laufsteg sieht. Deshalb bin ich überhaupt nicht für den Schlankheitswahn zu haben.“ Doch es sei nicht zu leugnen, daß zur Zeit in der brasilianischen Öffentlichkeit ein perfekter Körper, der schlank zu sein hat, das vorherrschende Ideal sei. „Wir Brasilianer sind bei Schönheitsoperationen weltweit Spitzenreiter. Hier gibt es alle möglichen Behandlungen, und aus aller Welt kommen Menschen nach Brasilien, um sich hier operieren zu lassen. Auch die meisten meiner Kundinnen sind mit ihrem Körper unzufrieden - und wenn sie noch so attraktiv sind.“ In einem solchen Klima gedeiht die Magersucht besser als die tropische Fülle, die Adriana Barra mit ihrer Mode verkörpert.

Quelle: F.A.Z., 20.11.2006, Nr. 270 / Seite 9
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.

Jüngste Beiträge