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Boss eröffnet Berliner Modewoche „Diese Mode ist nicht von den Sternen“

28.01.2008 ·  Boss eröffnet mit seinem Label „Hugo“ die Berliner Modewoche. Der neue Chefdesigner Bruno Pieters setzt für Herbst und Winter auf unterkühlte Sachlichkeit. Prominente wie Boris Becker finden, dass tragbare Mode dabei herausgekommen ist - das größte Kompliment, das ein Deutscher der Mode machen kann.

Von Alfons Kaiser
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Bruno Pieters braucht eigentlich nur zwei Accessoires. Der „Artistic Director“ der Boss-Linie Hugo trägt vor der Schau am rechten Handgelenk ein Nadelkissen, am linken einen Ring mit Paketklebeband. Mit den Nadeln steckt er noch die letzten Säume ab. Und das Klebeband beißt er regelmäßig mit dem rechten Reißzahn ab, klebt einen Streifen auf eine Flanelljacke und zieht ihn wieder ab. Bei dieser Modenschau am Sonntagabend, seiner ersten für die Metzinger Marke, darf eben kein Staubkörnchen das Bild der sauberen Avantgarde-Kollektion stören.

Und wirklich wird die Eröffnungsschau der „Mercedes Benz Fashion Week“ in Berlin klaren, zurückhaltenden und dunklen Glamour bieten. Irgendwie passt das zu diesem Ort der leicht faschistisch aufgeladenen Moderne, der Abflughalle des Flughafens Tempelhof. Andererseits wirkt das durch Improvisation gezügelte Chaos hier echt berlinerisch. Backstage, über den Köpfen der dreißig Models, zeigt die Anzeigentafel Flüge in alle Welt an („11.50 Mannheim“). Und als Bruno Pieters gerade von seinem puren Konzept erzählt, schaffen ein paar Helfer zum Entsetzen der Stylisten einen Eimer mit schwappender rötlicher Brühe durch den Backstage-Bereich. Leider ist nicht so genau zu erkennen, ob es sich bei dem Inhalt um Reste der Fisch-Consommé oder des Martini-Blutorangen-Drinks handelt, die gerade im Eingang den 850 herbeiströmenden Gästen gereicht werden.

„Streamlined und cool“

André Maeder, der für Hugo zuständige Boss-Vorstand, lässt sich von all dem Trubel nicht ablenken. Er will die Linie, die etwa zehn Prozent des 1,7-Milliarden-Euro-Umsatzes von Boss ausmacht, „streamlined und cool“. Nachdem sich Hugo in den allzu vielen Ideen des ehemaligen Kreativdirektors Volker Kächele verloren hatte, soll der aus zahlreichen Bewerbern ausgewählte Bruno Pieters Struktur in die Marke bringen, die neben dem erwachsenen Label „Black“ und der jungen Linie „Orange“ für den Avantgardeanspruch des schwäbischen Modekonzerns zuständig ist. Und der Achtundzwanzigjährige aus Antwerpen, in Paris mit seiner eigenen Kollektion seit Jahren einer der jungen Stars, bringt wirklich eine Linie in die Linie.

Die schmalen weißen Hemden, dazu die superschmalen schwarzen Krawatten, die recht weit geschnittenen Buntfaltenhosen, die langen Jackenärmel für Frauen mit kalten Händen, die zweireihigen Flanelljacken und die Spencerjäckchen, die Schnitt- und Plissierdetails, der à-jour-Grobstrick - das alles ist so auf Coolness und gleichzeitig auf Verkauf getrimmt, dass kaum jemand einen Einwand zu haben scheint. Am Ende sind es vielleicht doch ein paar verdeckte Knopfleisten zuviel. Auch die Farben - Schwarz, Weiß, Grau, Nachtblau, Schokoladenbraun - sind geradezu unbescheiden in ihrer Bescheidenheit. Da boten sogar die Stewardessen mit ihren roten Hütchen am Eingang mehr Kolorit.

„Diese Mode ist nicht von den Sternen“

Aber den Gästen ist das recht. Boris Becker findet nach der Schau, dass da tragbare Mode herausgekommen sei - und das ist so ungefähr das größte Kompliment, das ein Deutscher der Mode machen kann. „Diese Mode ist nicht von den Sternen“, meint Becker treffend, um den unterkühlten Stil zu umreißen, der von den Details lebt und nicht vom flamboyanten Auftritt. Und Eva Padberg, das Gesicht der Modewoche, würde sich am liebsten gleich eines der kurzen Jäckchen umhängen.

Etwas differenzierter sieht das der Schauspieler Thomas Kretschmann, der im T-Shirt zum Dinner schreitet: „Das Zugeknöpfte kann man ja entschärfen.“ Und Barbara Schöneberger, die vom Gang der Models auf Hüft- und Knieprobleme schließt, kann sich ebenfalls mit Abstrichen begeistern: „Nach all den Mädchen, denen man am liebsten Sunkist in den Schulranzen stecken möchte, wäre ich die erste richtige Frau, die es trägt.“ Welche Modemarke, heißt das zwischen den Zeilen, kleidet schon richtige Frauen ein?

Er schon, meint Bruno Pieters beim Dinner zwischen Filet und Nachtisch. Anders als für seine eigene Linie, mit der er sich immer wieder auf vergangene Mode-Epochen bezieht (so in fünf Wochen in Paris auf die zwanziger Jahre), will er bei Hugo gewissermaßen über den Zeiten stehen. Und das nimmt der Designer, der sich mit Hornbrille und leicht scheuem Wesen wie ein früher Yves Saint Laurent gibt, wohl wirklich ernst. Seinen Lehrauftrag an der Antwerpener Akademie, aus der viele der wichtigsten Modedesigner der Welt hervorgegangen sind, hat er aufgegeben. Er konzentriert sich lieber auf seine eigene Linie. Und einmal pro Woche fährt er auf die Schwäbische Alb - zu seinem unvollendeten Projekt der Moderne.

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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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