Schon wieder haben die Schwaben den Berlinern etwas voraus, dieses Mal die schönste Location der Modewoche. Früher pinselten die Theatermaler hier oben im Malsaal des Bühnenservice ihre Kulissen. Im obersten Stockwerk ließ das Glasdach so viel Licht herein wie in ein Künstleratelier. Wenn die Maler etwas gemalt hatten, stiegen sie auf einen Steg oben unterm Glasdach, blickten auf ihr am Boden liegendes Werk hinab, stiegen wieder hinunter und malten weiter an ihrem Kunstwerk, das am Ende zum Beispiel als gigantische Kulisse für die Staatsopernbühne diente.
Am Donnerstagabend bietet sich ein anderes Bild. Aus den Kulissen kommen nun die Models, auf dem Boden liegt ein Laufsteg, das Gestänge oben unterm Glasdach dient als Leuchtenhalter, und statt der Kulissenmaler mit Pinsel stehen hier nun Schlips-Schwaben mit Champagnerglas. Denn wenn Boss zur Modenschau lädt, dann wird das zum Groß-Event. Im alten Bühnenservice an der Zinnowitzer Straße haben zwei Wochen lang bis zu 250 Menschen alles vorbereitet und aufgebaut, für Strom, Heizung, Wasser und jetzt auch Unterhaltung gesorgt.
Fast hätte das schwäbische Unternehmen darüber die Mode vergessen. Denn während für die Organisation des Events mit rund 1000 Gästen (unter ihnen Renée Zellweger) keine Mühen gescheut wurden, spart man etwas an der Herbst-Winter-Kollektion der Linie Hugo. Natürlich gibt es die typischen schmalen Hosen, schönen Jacken (mit dekorativem doppelten Kragen) und hübschen Kleider zu sehen – aber ein bisschen mehr fürs Auge könnte es schon sein. Die allzu wenigen farbstarken Drucke wären ein schöner Anfang gewesen.
Andererseits ist das natürlich auch ein Trick. Wenn die Kollektion nicht so viele Ecken und Kanten hat, verkauft man sie besser. Und an den Zahlen erkennt man die Schwaben, besonders in Berlin. Nur ein Rechenbeispiel: Das Unternehmen Boss, das in diesem Jahr rund zwei Milliarden Euro erwirtschaftet, macht etwa so viel Umsatz wie die gesamte Berliner Modebranche. In dieser langen Donnerstagnacht mit toller Party herrscht hier an der Zinnowitzer Straße wirklich das von manchen Schwaben in Prenzlauer Berg ersehnte „Schwabylon“.
Berlin kontert mit kreativem Kapital
Dagegen setzen die Berliner kreatives Kapital. Man sieht es bei Michael Sontag, der mit seinen drapierten und asymmetrisch geschnittenen Kleidern ein starkes Markenzeichen gefunden hat. Ein graues Kleid erhält mit Raffungen am Bauch verblüffende Eieruhr-Form und schenkt den Frauen eine Taille. (Ob man dazu dicke Glitzerstiefel tragen muss, ist hoffentlich nur eine Stylingfrage.)
Man sieht es auch bei Mongrels in Common: Ein Print sieht aus wie eine vorbeirauschende Landschaft auf dem Motorrad. „Wir sind Basic-Freaks“, sagen die Designerinnen Livia Ximénez Carillo und Christine Pluess – ihre tannengrünen Jacken oder Trenchcoats könnten durchaus auch öfters mal in schwäbischen Boutiquen hängen.
Man sieht es auch an „Achtland“, die ihre Kleider ebenfalls schlicht an die Stange hängen, ohne Models, wie bereit zum Verkauf. Die Designer hinter dem jungen Label, das zwei vielversprechende Saisons hinter sich hat, sind mit geradezu schwäbischer Perfektion schon vor einer Woche mit der Kollektion fertig geworden. St. Galler Spitze, die ein Abendkleid ziert, drehen die Designer kurzerhand auf links, denn auf ihrer Rückseite erkennen sie ein Muster, das an das Lichtspiel auf dem Meer vor Kalifornien erinnern soll. Los Angeles trifft im Herbst bei Achtland auf den Skiort Verbier in den Siebzigern.
So denkt Thomas Bentz, eine Hälfte des Labels, beim Anblick eines abstrakten Intarsien-Musters auch sofort an „Hüttenromantik“. In dickem Strick arbeiten die beiden Lederriemen ein, und die Schultern sind auf die Mitte der Oberarme gerutscht. Bei diesen Zeichen von Gemütlichkeit lässt es Achtland dann aber bewenden. „Der Stoff zerrt in Form“, sagt Bentz und meint damit eine besondere Wolle mit Lycra, so dass die Kleider gewissermaßen in einem Rahmen stecken, der als kontrastierender schwarzer Seitenstreifen die Körperform nachzieht und das Kleid und die Figur optisch zurechtrückt.
Im Osten der Pomp, im Westen Minimalismus
Und so könnte man von vielen Gründergeschichten erzählen. Von Franziska Michael, die ihr eigenes Label schon im Jahr 2009 gründete und für ihre erste Präsentation auf der „Mercedes-Benz Fashion Week“ neben Stickereien und Kaleidoskopdrucken auch ein aufwendiges grünes Steppmuster bietet. Oder von Dietrich Emter, der seine Kollektion mit Wildleder veredelt, mit Motiven des holländischen Malers Hieronymus Bosch bedruckt und mit Pelz besetzt. Dieser Designer scheint den Blick der großen Marken zu haben – gen Osten, wo eben der Hang zum Pomp zur Mode dazugehört. Im Westen allerdings, wo das Bild auf den Straßen und Laufstegen weiterhin minimalistisch geprägt ist, wirkt er wie aus der Zeit gefallen.
Aus der Marke gefallen ist Karsten Fielitz, Kreativchef von Rena Lange, der sich vom Münchner Traditionshaus verabschiedet, das unter seiner über vier Jahre währenden kreativen Führung viel Staub abschüttelte. In seiner letzten Saison besinnt sich Fielitz mit starken Kontrasten in Schwarz-Weiß und subtil zur Schau getragener Opulenz auf die starken Merkmale der Marke, ohne Sentimentalität aufkommen zu lassen. Kubistische Patchworks aus Tweed erinnern an Piet Mondrian, mit Akzenten aus kräftigem Orange. Der Bubikragen, Markenzeichen von Rena Lange, wirkt konzentriert, geradlinige Damenfliegen klar. Zur nächsten Modewoche wird Annick Gorman, die zuvor unter anderem für Cacharel und Céline gearbeitet hat, ihre Entwürfe für das Haus präsentieren. Es ist gleich ein doppelter Neuanfang. Denn seit einem Monat ist Siegmund Rudigier, der die Firma vollständig übernommen hat, hier der Boss. Er sitzt mit Frau in Reihe eins und wirkt zufrieden.
Dorothee Schumacher hält dagegen bei ihrer Mannheimer Marke alles in der Hand: das Design, das Geschäft, das Image. Auch den verspielten Charme ihrer Kollektion behält sie am Donnerstag bei, tönt ihn aber für die Winterkollektion ab, fordert sogar manchmal mit mehreren Grüntönen zwischen Gelb und Gras die Augen heraus – so dass die optische Provokation den Liebreiz bricht. Für die Berliner Designer könnte eine solche Designerin Vorbild sein, weil sie in den Geschäften ankommt, ohne das verwöhnte Publikum in ihrer Schau zu langweilen. In Deutschland ist das eine echte Leistung.
Wieso man für diesen Schwachsinn ...
Ulrich Stauf (DH7XU)
- 18.01.2013, 11:54 Uhr