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Berliner Modewoche (Tag 2) Feiern bis zum Show-Beginn

 ·  Wie, Mode? Für viele besteht die „Fashion Week“ vor allem aus Partys. Wir haben einige von ihnen aus Textzwecken besucht.

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© dapd Die Berliner Modeszene versucht Klischees zu erfüllen: Nina Hagen tritt auf

Es ist so etwas wie die inoffizielle Opening Party der Berliner Modewoche. Dabei scheint am frühen Dienstagmorgen die Modewoche vorüber zu sein, ehe sie überhaupt begonnen hat. Denn die Party endet nur Stunden vor der Eröffnungsschau. Die Feier des Männermode-Blogs „Dandy Diary“ findet erst zum vierten Mal statt, hat aber schon längst Kultstatus – zumindest unter denen, die es mit dem Zeitplan nicht ganz so eng sehen. „Auf welche Schauen gehst du nachher?“, schreit einer dem anderen ins Ohr. Die Antwort: „Also Dienstag schon mal auf gar keine mehr.“ Am Mittwoch und Donnerstag, so viel ist klar, wird es ähnlich sein.

Für David Roth, einen der beiden Blogger, ist das ein „super Auftakt“. „Wer hat denn am Ende der Fashion Week überhaupt noch Lust auf Partys?“ Auf der Party von „Dandy Diary“ im Scala in der Friedrichstraße haben sich viele entsprechend des Mottos „Punk“ gekleidet, mit zerschnittener Givenchy-Lederjacke und Nieten-Applikationen. Auch Roth hat sich einen Irokesenschnitt zugelegt. Hier fühlt sich Berlin wie eine Metropole an. Die Punks reißen ein Loch in die Hipster-Gleichgültigkeit. Punks mit verschwitzten Oberkörpern taumeln durch die Masse. Eine Bierdusche lässt Modemädchen verstört zurück. Während manche darüber stöhnen, in wenigen Stunden wieder auf die Beine kommen zu müssen, endet die Punk-Party für andere standesgemäß im Streifenwagen. Erstaunlich viele aber reisen am Dienstagmittag schon wieder ab: „Die Party ist geil, aber die Fashion Week – die kann man doch nicht ernst nehmen.“

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Ja, die Berliner Modeszene versucht all die Klischees zu erfüllen, die über sie im Umlauf sind. Dabei sind die Dandys und Punks noch Waisenknaben, denn ebenfalls am Montag feiert die Messe „Bread & Butter“ mit mehr als 2000 Gästen im Metropol am Nollendorfplatz. Nina Hagen tritt auf, Sven Väth legt auf, und Messechef Karl-Heinz Müller ist wieder einmal der Powerbroker der Szene. Das sieht man an einem besonderen Gast. Bei all den Endlosschlangen vor den Türen und dem späteren Gedränge auf den eigentlichen Partys in dieser Woche kann man ihn fast vergessen: Klaus Wowereit. In den vergangenen Saisons stets ein willkommener Gast, scheint er sich dieser Tage nach Einbruch der Dunkelheit ein wenig zurückzuziehen. Zu Karl-Heinz Müller kommt er dann doch, und das ist auch gut so.

Das war jetzt erst der Montag. Der Dienstag lässt sich ruhiger an. Die Mailänder Marke Marni ist zum ersten Mal offiziell zum Feiern in die Hauptstadt gekommen und lädt gleich ins KaDeWe ein. Der eine Teil der Marni-Frühjahrskollektion ziert die Schaufenster, der andere scheint im Atrium von den Decken zu schweben, darunter bedienen sich die Gäste um Marni-Chefdesignerin Consuelo Castiglioni am Champagner und an den Parfum-Testern. Denn gefeiert wird der erste Duft des Labels. Eine Duftbar trägt zur allgemeinen Erheiterung bei. Da kann Berlin noch von Mailand lernen.

Geht´s nicht noch ein bisschen wilder?

Gediegen auch das „Elle“-Dinner im neuen Hotel Waldorf Astoria am Zoo. Um an den Namensvetter in New York aufzuschließen, fehlt dem Hotel noch die Patina. Die „Elle“ macht die fehlende Atmosphäre wett mit einem schönen Placement, wie man das Seating ja in besseren Modekreisen nennt: Rechts sitzt Dorothee Schumacher, die Designerin, links sitzt eine Dialyseärztin, die das Kinofest in Lünen organisiert, Designermode-Fan ist und natürlich auch genug Schumacher-Stücke für eine schöne Konversation im Schrank hat. Berlin kann also sehr gepflegt sein – wenn Münchner es organisieren.

Größer und gelöster ist es bei Kilian Kerner, der mit 400 besten Freunden auf der After-Show-Party im „Roadrunner’s Paradise“ in Prenzlauer Berg feiert. „Jeder Designer weiß, wie hart es ist, Saison um Saison das Geld und die Kraft für eine neue Kollektion aufzuwenden“, meint er. Beim Gang auf den Laufsteg habe er mit den Tränen kämpfen müssen. „Backstage haben wir geheult wie die Schlosshunde.“ Dieser Mann braucht Erholung! Am Montag fährt er zu einer Freundin nach Paris, von dort aus später nach England, wo er, nein, nicht feiert, sondern seine Marke in vier Kaufhäusern herausbringt.

Modemacher, Models, Manager, Musen

Aber vorher kommt er natürlich noch zur „Vogue Night“ im Borchardt am Mittwochabend. Wer in der Branche etwas gelten will, ist da: Modemacher, Models, Manager, Musen. Model-Entdeckung Esther Heesch erzählt, dass sie am nächsten Morgen die Schumacher-Schau eröffnet. Fotograf Max von Gumppenberg erzählt, dass er seinem Sohn Zeichensprache beigebracht hat, so dass der sich im Kindergarten in New York zurechtfindet, wohin die ganze Familie gerade von Berlin aus gezogen ist. Und Adrian Margelist, neuer Chefdesigner der alt-münchnerischen Taschenmarke MCM, muss nun dauernd von Zürich nach Seoul zu seinem Designteam fliegen. Allein in diesem Jahr eröffnet die Marke 17 Geschäfte in China. Und im Hintergrund singt Hildegard Knef derweil von, wie könnte es anders sein: Berlin.

Geht´s nicht noch ein bisschen wilder? Also zum „Zeit-Magazin“! Dieses Mal nicht in der Bar Tausend, die Chefredakteur Christoph Amend zwei Mal ausgewählt hatte. Jetzt ins neue Hotel „Das Stue“, das er sich schon im November angesehen hat. Ein Trend zur Bürgerlichkeit? „Eine Abwechslung!“ Wie die Leute da oben im Hotel bei dieser Musik schlafen sollen – ein Rätsel. Wahrscheinlich sind sie auch runter auf die Tanzfläche gekommen, wo es am frühen Donnerstag erst richtig los geht. Adidas-Designer Dirk Schönberger geht trotzdem. Ins Bett? „Ins Grill!“ Wahnsinn, diese Berliner. Enden die Nächte hier nie?

In Berlin bleibt man gern unter seinesgleichen

Jedenfalls nicht im Radialsystem V am Ostbahnhof, wo nicht nur die Schweden bei der Swergie tanzen, einer Art weltweit tourender Fashion-Week-Elektroparty im Sinne der Völkerverständigung. Die Skandinavier haben Mut zum Outfit und geben so dem Wort Modeparty eine ganz neue Bedeutung – auch wenn die Verdi-Zentrale auf der gegenüberliegenden Spreeseite dauernd daran erinnert, dass man nicht in Stockholm ist. „I am dead now, this was so good“, sagt eine Schwedin, als die Party vorzeitig um 2.30 Uhr von der Polizei beendet wird. Die besten Partys sind leider immer zu früh vorüber.

Aber es gibt ja noch eine weitere. Patrick Mohr, der in dieser Saison mit einer Reebok-Kooperation den Schuh nicht neu erfunden, aber anders interpretiert hat und amphibisch wirkende Models ohne Nase, Mund und Ohren, aber mit blutunterlaufenen Augen kreiert, versammelt seine Fans wie gewohnt auf der After-Show-Party im „Prince Charles“. Für seine Kollektion interessieren sich hier eh nur wenige. Aber die Musik ist gut. „Wir freuen uns, hier zu sein“, sagt die Sängerin auf der Bühne. „Wir heißen Claire und kommen aus München.“ Verächtliches Raunen aus dem Publikum, in Berlin bleibt man gern unter seinesgleichen. An der Bar sagt ein Mädchen, sie sei gerade aus Düsseldorf nach Berlin gezogen. „Ich will jetzt nie mehr umziehen. Ich wüsste auch gar nicht, wohin.“ Ob man das so kurz vor Sonnenaufgang verstehen kann?

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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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