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Berliner Modewoche Das Stühlerücken vor der Schau

 ·  Am Mittwoch beginnt die Berliner Fashion Week. Doch bevor das Licht ausgeht und das erste Model Einzug hält, plant nicht nur das Modelabel Schumacher genau: Wer sitzt bei der Schau wo?

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© Jan Bazing „Am Seating kann man sehr viel ablesen“, sagt Modeschöpferin Dorothee Schumacher.

Von außen ist sie blassrosa, von innen mit weißer Seide ausgelegt. In dieser flachen, oval geformten Collierbox könnte ohne Probleme ein Schmuckstück liegen, dessen Wert hoch genug ist, dass sich ein Botendienst um die Versendung kümmert. Am kommenden Mittwochabend wird diese Schmuckschachtel in vielfacher Ausfertigung mit besagten Boten an die Gäste von Dorothee Schumachers Modenschau geschickt, die tags darauf stattfindet. Wenn die Empfänger ihre Sendung dann öffnen, finden sie darin: einen Zettel.

Ein Buchstabe von A bis F, dahinter eine Zahl mit zwei Ziffern - aus dieser Kombination kann man noch nicht einmal ein sicheres Internet-Passwort erstellen. Dafür aber eine Sitzplatzangabe. Denn hinter den Zahlen und Buchstaben des Zettels steht eine genauestens durchdachte Sitzplatz-Organisation. Und auch wenn das Kästchen keinen Schmuck enthält, kann doch jeder, der es öffnet, seinen eigenen Wert erkennen.

Dorothee Schumacher ist jetzt gedanklich schon in Berlin, physisch aber noch in Mannheim. Und so breitet sich vor ihrem Atelier auch nicht die Spree aus, sondern ein Seitenarm des Rheins, der in dieser lethargischen Januar-Stimmung selbst so ruhig wirkt, als würde er tief schlafen.

Von Müdigkeit ist drinnen, im Hause Schumacher, nichts zu spüren. Im Gegenteil, Schumacher erinnert im schwarzen, mit Metallfäden durchbrochenen Oberteil aus festem Wolltweed und einer großen am Kragen angesteckten Brosche an eine Kriegerin, die sich für den Kampf am nächsten Donnerstag vorab in die Rüstung geworfen hat.

Das Szenario heute: die Besprechung der Sitzplatz-Organisation für die Modenschau. Es treten an: Dorothee Schumacher und zwei ihrer PR-Managerinnen. Wie also organisiert sich ein Label, dem das kreative Chaos nach außen hin völlig fremd ist, in einer so hektischen Situation?

„Der Plan ist kein Zufall“

Das ganze Jahr über entwirft Schumacher Kleider für Frauen, die sich als Kinder gewünscht haben, eine Prinzessin zu sein, mittlerweile dem Ernst des Lebens nahegekommen sind und zwischendurch wahrscheinlich schon mal ein straffes Hochzeits-Seating durchgezogen haben.

Entsprechend erinnert jetzt auch die Sitzplatzplanung der Schumacher-Modenschau an die Organisation eines Banketts im Königshaus. Wer wo unterkommt, wird ein halbes Jahr lang überlegt, abgewogen und schließlich entschieden. „Der Plan ist kein Zufall“, beginnt Schumacher. „Am seating kann man sehr viel ablesen. Schon seit der letzten Modenschau gehen wir den Plan für die nächste Schau im Geist durch.“

Seit dem 5. Januar ist die Gästeliste nun geschlossen, wenigstens offiziell. Bevor es am 18. Januar nach Berlin geht, beugt sich das Team in zwei Sitzungen auf Mannheimer Boden über den Plan „und wirft dann in Berlin noch einmal alles um“, sagt Schumacher und lacht.

Vor ihr auf dem Tisch liegen ein paar blassrosa DIN-A3-Bögen mit groben Rastervorlagen. „Ändert sich kurzfristig noch ein Kästchen, verschiebt sich auch alles andere“, weiß Viktoria Gisbertz, eine der PR-Managerinnen.

Vom kleinen Kasten zur großen Tribüne: Im Zelt sind rechts und links des Laufstegs jeweils sechs große Sitzblöcke à sieben Reihen aufgebaut. Es geht also neben der Reihe auch um den Block. In welchem Kästchen der Name des Schaubesuchers am Ende genau landen wird, hängt dabei nicht nur davon ab, wie einflussreich dieser in der Branche überhaupt ist, sondern ebenso davon, wie wichtig er speziell für den jeweiligen Designer ist.

Ein Blick auf den Presseblock bei Schumacher: Anhand eines älteren Schauenplans lassen sich in der ersten Reihe zunächst ein paar kleine Style-Publikationen ausmachen. Dazwischen die Fachpresse, bestehend aus „Textilwirtschaft“, „Style.com“ und „Women’s Wear Daily“, während „Vogue“, „Elle“, „InStyle“ und „Bunte“ bei Reihe eins angefangen und dann in dem jeweiligen Block nach hinten erweitert so viel Platz beanspruchen wie ein Mietshaus mit Hinterhof. So genau möchte Schumacher darüber allerdings gar nicht sprechen. Dass aber auch der Kölner Concept-Store „Apropos“, das Modegeschäft „Theresa“ aus München und das Berliner Kaufhaus KaDeWe in der Ecke Platz finden, erzählt sie doch.

Auffällig zwischen den großen, für spezielle Publikationen vorgesehenen Flächen sind die Namen freier Journalisten, die wie zwischengeschoben wirken. „Das wären die Singles auf der Hochzeit“, sagt Schumacher schmunzelnd.

„Manche sitzen gern an der Tanzfläche, andere nicht“

Die Designerin sieht noch mehr Parallelen zwischen dem seating bei einer Hochzeit und dem bei einer Fashion-Show. Glaubte man beispielsweise, die Reihe eins, Block A, sei besonders begehrt, so sagt Schumacher: „Das ist Geschmackssache. Auf einer Hochzeit sitzen manche auch gerne nah an der Tanzfläche, weil sie tanzen möchten, und andere eben nicht. So gibt es auch Gäste, die gerne am anderen Ende, direkt am Eingang des Laufstegs bleiben, um an einem bestimmten Zeitpunkt fotografieren zu können.“

Etwa ein Drittel des Plans ist derweil mit grauen Löchern übersät worden, mit Sponsorenplätzen. Viel interessanter ist da natürlich der Zoom auf die erste Reihe. Dorothee Schumacher lässt gedanklich den Blick zu einer früheren Besetzung schweifen: Da saß das Model Milla Jovovich neben dem Vorstand von Mercedes-Benz und Christiane Arp, der Chefredakteurin der deutschen „Vogue“. Und wen genau hat sie für nächste Woche vor Augen? „Karolina Kurkova wird da sitzen. Neben vielen anderen gewichtigen …“, sie stockt kurz und sagt dann schnell: „Darüber sprechen wir nicht.“

Also doch noch einmal der Blick in die Vergangenheit, nach London. Dort sorgte Pippa Middleton vergangenen September in Reihe eins bei Alice Temperley für mehr Aufmerksamkeit, als die bodenlangen Seidenroben auf dem Laufsteg bekamen. In New York stellte Proenza Schouler im selben Monat unterdessen die Sitzbänke so auf, dass jeder Gast die Schau aus der ersten Reihe beobachten konnte. Wie man ansonsten noch ein front-row viewer werden kann? Als Platzanweiser hat man buchstäblich gute Karten. Sollte nämlich, trotz Bestätigung, dort auf dem Präsentierteller eine Lücke bleiben, wird möglicherweise Sekunden, bevor das Licht ausgeht, derjenige auf den Platz geschubst, der am nächsten steht - und sich, sobald er sitzt, dann noch einmal hektisch durchs Haar fährt.

Obwohl, gekämmte Haare sind dieser Tage für die Qualifikation für ganz vorne kaum mehr nötig. War Anna Wintour mit ihrer strengen Bob-Frisur früher die Galionsfigur der ersten Reihe, sogar eine Biographie über die „Vogue“-Chefredakteurin aus dem Jahr 2005 heißt „Front Row“, hat sich die Reihe mit dem Einfluss der Blogger verändert, ist durchlässiger geworden und quirliger.

Man spricht nicht von der letzten Reihe - nur von der obersten

Bezeichnend für das Zurechtrücken der Stühle war damals eine Twitter-Nachricht. Im September 2009 meldete der philippinische Blogger Bryanboy, bei der gerade zu Ende gegangenen Schau von Dolce & Gabbana wie in ein Sandwich gepresst worden zu sein, zwischen Anna Wintour, ihre „Vogue“-Kollegin Sally Singer, „International Herald Tribune“-Kritikerin Suzy Menkes und Michael Roberts von „Vanity Fair“.

Schumachers zweite PR-Managerin, Angelika Böhler, glaubt indessen, dass „der Gedanke der first row längst nicht mehr so überbewertet wird“. Auf der anderen Seite, was weiß man schon über die Masse, die dahinter, quasi im Kasachstan des Sitzplans, verschwindet?

Dorothee Schumacher ist jedenfalls dankbar für die eingebaute Steigung ab Reihe zwei. „Die gibt jedem einen guten Überblick.“ In ihrem Haus spricht man höflicherweise nicht von der letzten Reihe, sondern von der obersten. „Wenn Sie im Kino oben sitzen, dann sehen Sie doch viel besser und ganzheitlicher als in der ersten Reihe“, glaubt Böhler.

Ein Funke Internationalität

Noch viel höher kommt man derweil in New York bei der Fashion Week. So kann man in der speziell eingerichteten Sky Lounge weit über dem Laufsteg für 100 Dollar pro Schau auch ohne Einladung vom Designer das Geschehen verfolgen.

Dorothee Schumacher schweift jetzt kurz ab und kommt von Berlin auf „Beijing“ zu sprechen. Im Oktober war sie bei der Modewoche in China dabei, nächste Woche folgt die offizielle Gegeneinladung. Wenn China also für Donnerstag im Sitzplan von Schumacher berücksichtigt wird, dann bekommt Berlin wieder einen Funken Internationalität hinzu. Der Sitzplan spiegelt deshalb auch das Erscheinungsbild der Modestadt Berlin wider. An drei Tagen während der Fashion Week wird zudem erstmals das New Yorker Modewochen-Blatt „The Daily“ in Berlin erscheinen, wird vom Laufsteg berichten, von den Parties und dem Klatsch.

Ob „The Daily“ letztlich auch im Sitzplatz-Raster von Schumacher landen wird, ist noch ungewiss. Aber die besten Gäste kommen schließlich entweder zum Schluss oder haben die größten Wünsche. So hat Milla Jovovich bei Schumachers Schau vor einigen Saisons angefragt, ob sie ein grünes Kleid der Designerin tragen könne. Leider stand keins zur Verfügung. Was nun? Kleiderkrise? Eine aufgebrachte Jovovich? Vielleicht sogar die kurzfristige Absage? Von wegen. Dorothee Schumacher hat einfach ihren privaten Kleiderschrank geöffnet und ein grünes Kleid herausgeholt. Und damit saß Jovovich dann eben - in Reihe eins.

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