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Berliner Modewoche (4) Hotspot Hotpant

21.01.2012 ·  Silberne Röcke, haarige Felljacken: Gloria Gaynor hätte ihren Spaß auf der Berliner Modewoche. Uns wurde es zwischen Bodypaintern, „complex overlay“ und Plateausandalen manchmal zu bunt.

Von Alfons Kaiser und Jennifer Wiebking
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© dpa Mehr als Handschuhe: Die Roeckl-Show bei Michalsky

Ängstlich sind sie nicht, verzagt auch nicht, höchstens müde. Denn Annelie Augustin und Odély Teboul haben zwar ein paar Näherinnen in Kreuzberg. Aber ein richtiges Atelier unterm Dach haben sie nicht. Mal muss die häkeln, mal die, mal die. Und die Strickerinnen müssen viel häkeln, denn „Augustin Teboul“ verkaufen immer mehr von ihren Entwürfen. Modemacher sein, das heißt auch in Berlin eben immer öfter: Modemanager sein. Produktion, Vertrieb und all die anderen Kleinigkeiten können ziemlich anstrengend sein.

Denn auch der Weg in die Geschäfte ist lang. Darum sind die beiden Designerinnen, die vor einem Jahr ihre erste gemeinsame Kollektion zeigten, am Freitagnachmittag ins Hotel de Rome gekommen. „Vogue“-Chefredakteurin Christiane Arp hat fünf Designer geladen, ihre schönsten Entwürfe Einkäufern zu zeigen. Die meisten Modehändler sind zögerlich. Auch in Amerika muss ein Jungdesigner erst einmal mehrere Saisons vorsprechen, bevor mal ein paar Teile geordert werden. Odély, 26 Jahre alt, und Annelie, 28, die schon „L´Eclaireur“ in Paris und „Apartment“ in Berlin beliefern, scheint die Aussicht nicht zu schrecken: „Wir sind extrem motiviert.“

Berliner Modewoche: Michalsky im Disco Fever

Gleich neben ihnen steht Vladimir Karaleev, seelenruhig, obwohl er nur drei Stunden später seine Schau im Modezelt der „Mercedes-Benz Fashion Week“ hat. Auch er gehört, 30 Jahre alt, zu den großen Hoffnungen der deutschen Mode. Auch er muss in seiner Schau nicht alles raushängen lassen – höchstens runterhängen. Denn sein lässig fallender und mit offenen Kanten schön avantgardistischer Look geht vom Boho locker zum Hobo über. Er nennt es später backstage „nostalgisch“. Die Stoffbahnen hängen wie zufällig zusammen. Aber es ist gar kein Lagenlook, sondern ein „complex overlay“, wie er es nennt, ein einziges geschickt drapiertes Oberteil. So wunderschön kompliziert seine Mode auch ist – Lebensfreude strahlt sie nicht aus.

Stundenlang von Bodypaintern bemalt

Dafür ist in Berlin ein anderer zuständig. Allein das Vorprogramm von Michael Michalskys „StyleNite“ am Freitagabend! Erst lässt er Roeckl Handschuhe zeigen. Vorher aber werden die Models stundenlang von Bodypaintern in einem beheizten Zelt bemalt, so dass auf der Bühne auch mehr als Handschuhe zu sehen sind. Dann schwingen Tänzerinnen des Friedrichstadtpalasts – modische Pelzmützen auf dem Kopf, Leder an den Händen – die Beine in luftige Höhen. Frida Gold hebt die Stimmung in noch ganz andere Sphären. Die Gast-Schau von „C´est tout“ holt die Gäste im Tempodrom allerdings mit einer unentschlossenen Kollektion auf den Boden zurück.

Währenddessen sitzt Franziska Knuppe schon leicht nervös in der ersten Reihe. In sieben Schauen wird das Model am Ende dieser Woche gelaufen sein, ein paar Partys hat sie besucht, und jeden Morgen ist sie um sechs Uhr aufgestanden – denn die vierjährige Tochter ruft. Das alles aber ist noch nichts gegen diese Herausforderung. Sobald nämlich diese Gesamtkunstwerkschau zu Ende ist, wird Franzi, wie alle Welt in Berlin sie nennt, in ein Tonstudio eilen. Gemeinsam mit dem „Glamour“-Modechef Kai Margrander kommentiert sie für den Sender Arte die Aufzeichnung der Show. Und schon an diesem Samstag wird abends das neunzigminütige Bühnenspektakel – in Frankreich synchronisiert – in dem Kulturkanal übertragen. Auch das ist eine Premiere auf der Berliner Modewoche.

Ein weiteres Vorspiel ist der Auftritt der walisischen Sängerin Marina Diamandis. Ihre Plateausandalen mit Glitzerbesatz liefern einen modischen Vorgeschmack auf das Disco Fever, das wenig später auf dem Laufsteg inszeniert wird – für die Frauen wohlgemerkt, denn die Männer gehen wie immer äußerst cool gekleidet über die Bühne. Bei den Damen folgt auf einen silbernen Anzug ein mit Pailletten besetzter Wollpullover, dann goldene Hotpants und metallisch schimmernde Turnhosen, die Sporty Spice sicher gut in den Neunzigern hätte tragen können.

Für Gloria Gaynor in den Siebzigern wären hingegen die silbernen Röcke und Blazer etwas, die mit ihrer Musterung wie Diskokugeln schillern. Die haarigen Felljacken in Aprikosentönen wurden aber selbst uns zu bunt. Mild stimmt dann wieder der Abschluss-Song „Berlin, Berlin“ in Anlehnung an Frank Sinatras „New York, New York“. Und dann ab zur Party, „I will survive“ im Kopf. Wie man an diesem Text sieht, haben wir es gut überlebt.

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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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