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Berliner Modewoche (4) Die Macht der Nächte

23.01.2010 ·  Michael Michalsky zeigt, dass ein Modemacher heute mehr sein muss als nur ein Modeschöpfer. Er muss auch Stimmungen erzeugen, ohne dass es nach Marketing aussieht, Gefühle hervorrufen, ohne dass es kitschig wird. Auf seiner „Michalsky Style Night“ gab er denn auch den Stimmungsmacher für alle Sinne.

Von Alfons Kaiser
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Er entwirft für eine chinesische Marke Sportswear-Kollektionen. Er berät weiter die Handtaschen-Marke MCM. Er lächelt als Testimonial des Logistikkonzerns DHL von Riesenplakaten in Hongkong, Singapur und New York. Er macht Werbung für Ariel. Im Herbst bringt er sein erstes Parfum heraus. Und er entwirft seine eigene Modelinie. Michael Michalsky zeigt, dass ein Modemacher heute mehr sein muss als nur ein Modeschöpfer. Er muss auch Stimmungen erzeugen, ohne dass es nach Marketing aussieht, Gefühle hervorrufen, ohne dass es kitschig wird.

Auf seiner „Michalsky Style Night“ am Freitag abend, der letzten großen Abendveranstaltung der Berliner Modewoche, gab er mit einigen Längen denn auch den Stimmungsmacher für alle Sinne. Die Macht der Nächte im Friedrichstadtpalast ermöglichte zwei weiteren Labels aus der Hauptstadt, „Lala Berlin“ und „Kaviar Gauche“, den großen Auftritt. Und Michalsky konnte seinem Lieblingshobby neben der Mode nachgehen: der Musik. Die Talente, die er für diesen Abend fand, sind so alt, dass sie schon wieder brandneu sind. Aber über das goldene Ende dieses dritten Tags der Modewoche später mehr.

Da nimmt man also am Freitag mittag an einer privaten Führung des Architekten David Chipperfield durchs Neue Museum teil, zu der Rena-Lange-Chef Daniel Günthert geladen hat. Muss sich aber verabschieden, bevor auch nur die Nofretete erreicht ist, denn schließlich wartet im Modezelt am Bebelplatz schon die Schau von „Hausach Couture“. Man fällt also aus einer Führung heraus, in der die künstlerische Intensität eines genialen Architekten in seinem Werk nachhallt. Und endet in einem Desaster der Einfallslosigkeit. Katzenförmige Taschen, aufgenähte Katzenköpfe, dümmlich grinsende Models, verrutschte Schnitte: Und das nennt sich „Couture“!

Immerhin: Der Eindruck, dass auch diese Modewoche viele Berliner Talente hervorgebracht hat, wird durch die lustig gemeinte, aber gründlich misslungene Schau nicht widerrufen: Sascha Gaugel, der Designer von „Hausach Couture“, kommt aus Hamburg.

Kilian Kerner dagegen ist wirklich ein Talent. Aber auch er bleibt unter seinen Möglichkeiten. Glanzstoffe, zu oft eingesetzt, wirken billig. Enge Minikleider mit Zippern werfen gerne an den falschen Stellen Falten. Und so richtig lustig sind die Hosen mit tief hängendem Schritt auch nicht mehr.

An ihnen wiederum zeigt sich aber auch, wie Kerner schwierige Themen bewältigt. Wenn die Karotten- zur Smokinghose wird, steckt plötzlich neuer Sinn in ihr. Den unscheinbarsten Kleidungsstücken kann der 30 Jahre alte Berliner Designer im Handumdrehen einen Stich ins Feierliche geben. Diese Schau geht doch gut aus.

Viktoria Strehle: Emanzipiert von der Stiefmutter

Ebenfalls Nachwuchs ist Strenesse Blue. Die Zweitlinie der Nördlinger Marke wird nun von Viktoria Strehle als Kreativdirektorin entworfen. Letzte Saison kam sie am Ende der Schau erstmals allein auf den Laufsteg, ohne Gabriele Strehle, die Chefdesignerin. In dieser Saison war ihre Stiefmutter sogar in Nördlingen geblieben, um ihr alle Freiheit zu geben und die Verantwortung gleich dazu.

Strenesse Blue ist leicht zu verstehen. Das vielleicht beste Stück: ein dunkelblaues Lederminikleid über ärmellosem Kapuzenpulli. Die sicherlich originellste Idee: zweifarbige Pailletten, über die man so mit den Fingern streichen kann, dass sie sich umlegen und im jeweils anderen Ton leuchten - so kann man auf den Oberteilen mit den Fingern malen. Die Steppjacke im Moncler-Stil allerdings, die nun wirklich überall nachgeahmt wird, wäre angesichts solcher Ideen gar nicht nötig gewesen.

Auch Leyla Piedayesh von „Lala Berlin“ erliegt den glänzenden Jacken. Natürlich muss sie ihr Repertoire erweitern. Und die Jacken wären auch ein schöner Kontrapunkt zu ihrem Markenzeichen, dem Strick, wenn sie nicht als Idee so verbraucht wären. In „Lala“ stecken genügend weitere Ideen, die asymmetrisch verlaufenden Säume, der voluminöse Schlaufenmantel für den großen Abendauftritt, die verfremdet marmorierten Seidendrucke. Auch originell: Durch die teils zerschlissene Optik sieht „Lala“ neu aus.

Die größte Showbühne der Welt

Das war aber erst der Beginn der „Michalsky Style Night“. Was Boss am Vorabend in Prominente investiert hatte, haute Michalsky für die größte Showbühne der Welt raus. Jede Stunde im Friedrichstadtpalast kostete 150.000 Euro - dafür waren die Pausen erstaunlich lang.

Die Langeweile nahm aber mit Inga Königstadt alias Bella Berlin ein schnelles Ende. Im Mosaikspiegel-Suit tanzte sie den Laser-Inferno-Tanz. Die „lebendige Discokugel“ zauberte über ihren Burlesque-Tanz die reflektierenden Laserstrahlen in die Augen der 1700 Besucher.

Alexandra Fischer-Röhler und Johanna Kühl nahmen das Motiv ihrer Muse auf. Die Paillettenjacken ihrer „Kaviar Gauche“-Kollektion strahlen fast so hell wie „Bella Berlin“, und die Bondage-Anspielungen ihrer aus Streifen bestehenden Kleider erinnerten auch irgendwie an die erotische Stimmungskanone. Nach Taschen-Anfängen, Brautkollektion und Geschmeideshow wirkt „Kaviar Gauche“ aber auch etwas unentschlossen, was die Entwicklung der Marke angeht. Nicht, dass eines der besten Berliner Labels am Ende einen markentechnischen Burlesque-Tanz aufführt!

Ziemlich klare Vorstellungen hat dagegen Michael Michalsky selbst: Jeans, Sportswear, Designermode, „heavily beeinflusst von Streetkultur“. Dieses Mal ging er nicht nur in die Achtziger zurück, sondern gleich zu Zille, dem Zeichner des „Milljöhs“, zum Beispiel mit den Dienstmädchenblusen mit hohen Schultern. Durch die farbliche Reduktion vor allem auf Schwarz und Grau sowie die vielen Sportswear-Elemente bei den Frauen nähern sich die Geschlechter modisch an. Bunte Drucke hatte er dieses Mal nicht nötig.

Statt dessen nahm Michalsky, um den Kleidern Struktur zu geben, Rauten aus Lachsleder von der Firma Nanai, in verschiedenen Grautönen eingefärbt. Die Idee hatte aber auch Nebenwirkungen: „In meinem Office stank es wie in einer Sushi-Bude.“

Schluss, Aus, Mitternacht. Auf der Bühne eine Sensation: Michalsky hat Spandau Ballet für ein Kurzkonzert gewonnen. Am Nachmittag hatten die erst vor knapp einem Jahr wiedervereinigten Musiker Michalskys Laden am Monbijouplatz leergekauft. Nun stehen sie gut gelaunt auf der Bühne. Beim besten Lied, dem letzten, „Gold“, von 1983, fließen die Tränen. Was für ein schönes Schlusswort für Modemacher: „Always believe in your soul!“

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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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