Im Jahr 2000 war sie mit gerade einmal 15 Jahren die jüngste Miss Austria aller Zeiten. Im Jahr 2012 steht sie als das wohl schwangerste Model aller Zeiten auf dem Laufsteg. Patricia Kaiser war als Leichtathletin auch schon österreichische Landesmeisterin im Speerwurf und Vize-Meisterin im Siebenkampf. Vielleicht macht es ihr wegen ihrer guten Kondition nichts aus, am Freitagabend bei der „Style Nite“ von Michael Michalsky in der 34. Schwangerschaftswoche einen Entwurf des Berliner Designers auf dem Laufsteg zu präsentieren – nur wenige Wochen vor dem errechneten Geburtstermin.
Lange hatte Michalsky, der auch schon mal alte und behinderte Menschen in seine Show aufnahm, nach einer Schwangeren gesucht. Eine Kandidatin bekam vorzeitige Wehen und fiel aus. Die Booker, so erzählt er nach der Schau, dachten, er sei verrückt. Und auch Patricia Kaiser aus Mödling in Niederösterreich glaubte erst an einen Scherz, als ihre Agentur, Next in Wien, bei ihr nachfragte. Aber von Michalskys Großprojekt, auf dem Laufsteg Diversität zu zeigen, ließ sie sich überzeugen. Ein Frauenarzt gab ihr ein Attest, dass sie fliegen darf – denn bei manchen Fluglinien darf man nur bis zur 32. Woche in ein Flugzeug steigen. Das Baby strampelte, als sie im Tempodrom auf den Laufsteg schritt. „Nicht wegen der lauten Musik“, sagt Patricia Kaiser, „sondern weil ich so nervös war.“
Oder weil es so lange dauert bis zu ihrem Auftritt mit blankem Bauch. Die „Style Nite“ beginnt nämlich zunächst etwas träge mit einem Streichquartett. Dann die Herrenkollektion, an der es kaum etwas auszusetzen gibt – die Jodhpurhosen hätten vielleicht von knapp über dem Knöchel bis knapp unter den Knöchel reichen können. Das Tempodrom droht also schon fast in Konsens zu versinken, als die Elektropop-Gruppe Blitzkids auf die Bühne stürmt und das Publikum mit lustigen Tanzeinlagen und noch besseren Strophen in Laune bringt. Das sei hier alles kein Sandkasten und auch kein Spielplatz, erklärt die Sängerin in ihren Liedern. Ein Laufsteg aber eben auch nicht. Denn schließlich ist das Highlight zwischen schlicht schönen Mänteln zum hellblauen Bikinioberteil oder den vielen verwaschenen Blütenprints – eben Patricia Kaiser, die nach der Schau fröhlich alle Fragen beantwortet.
„Achtland“ überzeugt mit einem wunderbar noblen Touch
Der Freitag, der dritte Tag der „Mercedes-Benz Fashion Week“, hatte deutlich langweiliger begonnen. Nach zwei vollgestopften Tagen (und bei vielen auch Nächten) geht es langsam los. Im Hotel de Rome hat Christiane Arp von der „Vogue“ wieder zum „Salon“ geladen, in dem Einkäufer auf Jungdesigner treffen sollen. Die größte Entdeckung dort ist „Achtland“ von Oliver Lühr und seinem Partner Thomas Bentz. Die Kollektion überzeugt mit schönen Details wie handbemalter Spitze und überhaupt einem wunderbar noblen Touch. So etwas sieht man nicht oft in Berlin. „Achtland“ hatte einen guten Start. Am Donnerstag zeigten sie erstmals ihre Kollektion im Department-Store Quartier 206. Schauspielerin Hannah Herzsprung kam, sah – und zog sich um. Am Nachmittag saß sie in dem Kleid mit gefältelter Vorderseite in der – Hugo-Schau.
Eine Premiere hat Marc Philippe Coudeyre, der seit sechs Saisons sein eigenes Label hat und für das Brüsseler Modehaus Natan arbeitet. In Berlin ist Coudeyre ein Newcomer. Entsprechend aufgeregt ist er vor der Präsentation seiner Frühjahrskollektion, für die sich der Deutsch-Franzose eine Liebesgeschichte zwischen einem amerikanischen Soldaten und einer Hawaiianerin ausgedacht hat. Er mischt tropische Drucke mit gesetzten Farben wie Rotwein und Champagner. An der Taille rafft er seine Kleider. Sie umspielen die Körper der Models und konturieren sie gleichzeitig. Jacken in Schwarz und Puderrosa sehen zunächst amerikanisch funktional aus, wären die Tunnelzüge nicht Neonorange und der Stoff gewaschene Seide. Die Kapuzenkleider könnten auch aus Berlin kommen.
So wie die Kleider von Kilian Kerner, der schon 15 Kollektionen hinter sich hat. Er setzt im Modezelt an der Siegessäule ebenfalls mit Neonfarben Akzente und begeistert seine große Fangemeinde vor allem mit witzigen Strickdetails. Die Pullover mit dem Intarsien-Strick in Neonfarben wurden in Italien hergestellt – und erst wenige Tage vor der Schau geliefert. Der Stress scheint von dem Designer denn auch erst abzufallen, als er am Ende über den Laufsteg stürmt.
Auch eine weitere Designerin des Berliner Mode-Aufbruchs hat einen starken Auftritt. Frida Weyer, die kürzlich 40 Looks für Volkswagen entwarf, die sie auf der Auto China in Peking präsentierte, zeigt in Berlin am Freitag gleich fast noch mal so viele, darunter Details wie dicke florale Stickereien und Flechtmuster oder Kleider, die aussehen wie orientalische Fliesen. „Damit könnte man“, sagt sie danach lachend, „fast einen Laden in Istanbul eröffnen.“
Bisher machten bei Hannes Kettritz, der sein Berliner Debüt vor einem Jahr hatte, klare Linien und geometrische Formen seine Mode aus. Beinahe trist die Aussicht aufs nächste Jahr: Dunkle Grautöne und Petrolfarben herrschen vor, teils unterbrochen von Lagen aus Mint und Apricot. Leider zu selten. Schwere Sommermäntel wirken zwar tragbar – aber leider auch mutlos.
Patrick Mohr will weg von der Freakshow
Das wiederum war Patrick Mohr noch nie, der gerne Freakshows statt Modenschauen zeigt. Er will weg von diesem Image. Alles soll anders werden, kommerzieller. Und alles wirkt ungewohnt, auch die Mode: einfache Stoffe in himmelblauer Batik-Optik, gespickt mit den typisch Mohrschen Dreiecken. Keine auffälligen Farben (nur die der Haare von Bonnie Strange), keine gewagten Schnitte. Zehn Looks, zehn Modelle, 20 Minuten stehen sie auf der Bühne. Dann zeigt er im Kino Babylon den Film „Metamohrphose“. Es geht um Schuld, Sühne und Verzweiflung. Der ältere Ochsenknecht-Spross rammt sich darin ein Messer ins Herz nach einer Orgie mit zahllosen Gespielinnen. Patrick Mohr betet. Da rückt die Mode doch noch in den Hintergrund zugunsten der Provokation. Patrick Mohr sieht sich als internationaler Künstler, nur in Berlin verstehe man das nicht. Nächstes Jahr will er wieder auf dem großen Runway präsentieren.
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