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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Berliner Modewoche (3) Die jungen Milden

22.01.2010 ·  Ihre Models rekrutieren sie über Facebook. Ihre Mode soll tragbar sein. Die nörgelig-rebellische Berliner Art, die Kleider am liebsten in Fetzen herunterhängen zu lassen, ist ihnen fremd: Der junge Berliner Modenachwuchs geht neue Wege - indem er sich aufs Konservative rückbesinnt.

Von Alfons Kaiser und Anke Schipp
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Von der düstersten Vergangenheit bis in die hellste Gegenwart spannt Veruschka von Lehndorff den Bogen. „Man war unter Wasser, dann ist man gepaddelt und hat sich an allem festgehalten, um nicht unterzugehen.“ Und wenn man dann seit der Nachkriegszeit sehr weit geschwommen ist, sitzt man irgendwann in der ersten Reihe, Boss-Schau, Donnerstag abend, Hamburger Bahnhof, Höhepunkt des zweiten Tags der Berliner Modewoche.

Veruschka von Lehndorff, Model, Schauspielerin, Künstlerin, ist nicht untergegangen. Sie schaut zurück und arbeitet an ihren Erinnerungen, die im nächsten Jahr auch als Buch erscheinen sollen. Und sie sieht nach vorn in die nächste Saison. Klaus Wowereit wirft ihr eine Kusshand zu, Veruschka von Lehndorff setzt ihre Sonnenbrille auf, damit sie das Licht der Zukunft am Laufsteg ertragen kann.

Man könnte, etwas pathetisch und emphatisch, die „Mercedes-Benz Fashion Week“ als neue Antwort auf die deutsche Vergangenheit interpretieren. Dann wäre der Laufsteg, wie bei Wolfgang Joops Flucht in die Mode aus den Fängen des kriegsheimkehrenden Vaters, der Ausweg in die nachholende Modernisierung Berlins. Nach dieser famosen Boss-Schau, die aus camelfarbener Bescheidenheit eine Welt tragbaren Glamours mit Wildleder-Overknees, scharf geschnittenen Ballonröcken und schön ausgestellten Jacken entwickelt, erkennt denn auch der seherische Blick der Modekennerin die nationalen Folgen. Annette Weber, Chefredakteurin der „Instyle“ aus München, ist so begeistert vom Berliner Modenachwuchs und von Boss, dass sie beim Champagner in der VIP-Lounge den historischen Satz sagt: „Da bin ich wieder stolz, eine Deutsche zu sein.“

Berliner Modewoche (3): Die jungen Milden

Die Modernisierung der Marke treibt Boss in die sozialen Netzwerke

Wobei es in diesem Fall ein ausländischer Designer war. Boss hat für die Linie Black den schottischen Modemacher mit dem passenden Namen Graeme Black als „Creative Consultant“ verpflichtet - für 40 Tage pro Saison ist er gemäß Vertrag zum Arbeiten auf der Schwäbischen Alb. Die Modernisierung der Marke treibt Boss auch in die sozialen Netzwerke. So engagierte das Metzinger Unternehmen zwei Models über Facebook. Aus 1700 Bewerbungen suchten sie am Ende eine Niederländerin und einen Berliner aus, die erstmals am Donnerstagabend den Laufsteg betraten.

Überhaupt scheinen die Schwaben gern in Berlin zu experimentieren, denkt man an die erinnerungswürdigen Schauen in der Deutschen Oper oder im Botanischen Garten. Boss-Chef Claus-Dietrich Lahrs findet sogar, dass die Hauptstadt noch mehr Potential hat: „Es gibt in Europa keine Stadt, die so modern ist wie Berlin.“ Ein paar Prominente hat man dennoch aus der Ferne eingeflogen, unter anderem Hilary Swank. Für ihr Erscheinen wurden laut Mutmaßungen unter den Bewunderern sicher mehr als 100.000, wenn nicht mehr als 200.000 Euro gezahlt.

Es geht auch ein paar Nummern kleiner

Aber nicht am Boss-Gigantismus mit einer zweiseitigen Prominentenliste muss sich der Nationalstolz festmachen. Es geht auch ein paar Nummern kleiner. Die Marken, die am zweiten Tag der Modewoche vor allem begeisterten, bestehen gerade einmal aus zwei Designerinnen und ein paar freiwilligen Helfer aus Familie und Freundeskreis - wie überhaupt seit Kaviar Gauche und c.neeon die Designerinnen-Paare die Berliner Mode zu bestimmen beginnen.

Im vergangenen Sommer erschienen mit ihrer ersten eigenen Schau Christine Pluess und Livia Ximénez-Carrillo von „Mongrels in common“ auf dem Kalender. Die beiden, die an der Esmod studierten, wo sie es lernten, „konstant mit Arbeit überlastet zu sein“, verkaufen ihre Mode schon an acht oder zehn Geschäfte und wollen nun organisch wachsen. Einen Investor haben sie noch nicht, sagen sie, sie müssen alles allein finanzieren und organisieren, also früh aufstehen für ihre Siebzig-Stunden-Woche. Auch dieses Mal zeigen sie eine Schau, setzen weiter Nanai-Lachsleder ein, raffen die Schultern aus dekorativen Gründen und werten die Mode mit neuen Details auf. Konservativ ist schon ihre Auffassung: „Wir wollen keine Eintagsfliegen sein.“ Wahrhaft revolutionär ihre Meinung: „Wir wollen tragbar sein.“ Das sind die jungen Milden aus Berlin.

Achtung! Diese Mode kann man wirklich tragen!

Und dieser Saison gelingt nach dem gelungenen Sam-Frenzel-Debüt vom Vortag auch am Dienstag wieder eine Überraschungsschau zweier Modemacherinnen: „Perret Schaad“. Die 26 Jahre Johanna Perret und die 27 Jahre alte Tutia Schaad, die erst vor einem Jahr ihr Studium an der Kunsthochschule Weißensee beendet haben, setzen sich, was Formen, Materialien und Farben angeht, keine Grenzen. Und auch sie gehen „on the mild side“. Ziemlich fern ist hier die nörgelig-rebellische Berliner Art, die Kleider am liebsten in Fetzen herunterhängen zu lassen. Achtung! Diese Mode kann man wirklich tragen!

Und das geht so: Die locker interpretierten Hemdblusenkleider, die kastigen und teils skulptural verfremdeten Jacken, die Strickjacken mit den gliedernden Zippern als äußerstem Zugeständnis an die Sportlichkeit, der asymmetrisch fliegende Saum, die einfach genialen Leder-Shopper, die mutigen Farbkombinationen von zum Beispiel Lachs, Mango, Karamell, Hellblau wirken selbstverständlich und leicht. Diese Designerinnen haben eine erstaunliche schnitttechnische Reife, ein Gespür für Stoffe und einen unglaublich sicheren Farbsinn - der in der deutschen Mode im Vergleich etwa zu Italien mit Farbmeistern wie Pucci oder Missoni stark unterentwickelt ist.

Auch ein paar Erfahrene gehören dazu

Der zweite Tag der „Mercedes-Benz Fashion Week“ hielt aber noch mehr Überraschungen bereit. Denn zu den jungen Milden gehören auch ein paar Erfahrene. Backstage bei Rena Lange, wo sich die Models gerade zur ersten Probe aufreihen, lesen sie kurz vor der Kurve zum Laufsteg in großen Lettern zwar die Anweisung: „You are Rock´n´Roll! Be strong!“ Aber das hebt Rena Lange nicht aus den Angeln. Die traditionellen Bikolorstücke mit schwarzem Kleid und weißem Krägelchen entwickelt Kreativdirektor Julian Neale weiter zu tiefroten Jimi-Hendrix-Hosen mit Paisley-Mustern sowie gefährlichen Overknees. Ein Spitzenkleid darf man bei Rena Lange erwarten. Jetzt gibt´s auch spitzenbewehrte Hosen. Nur die schwangere Barbara Schöneberger, zur Zeit Bellybutton-Kundin, hat an der Kollektion etwas auszusetzen: „Mir ist alles zu klein.“

Zuletzt hatte sich Rena Lange 1996 auf großen Schauen gezeigt, in Mailand. Seitdem hielt man sich nobel zurück. Berlin wird nun das Image der gediegenen Münchner Marke verjüngen. So könnte man auch den Umsatz, der wie bei fast allen Modeunternehmen litt, wieder auf 50 Millionen Euro heben. Und nicht zuletzt, so berichtet es Unternehmenschef Daniel Günthert, motiviert so eine Schau auch die Angestellten: Rund 50 der insgesamt 240 Mitarbeiter seien auf eigene Kosten von München nach Berlin zur Schau gereist. Günthert zeigt vor der Schau backstage Einzelstücke, die diese Zuneigung erklären. Für ein schwarzes Oberteil werden Hunderte Meter Seidenband in vielen kleinen Schlaufen per Hand auf Tüll gestickt. Für einen Federrock befestigen die acht Damen aus dem Atelier wirklich jede einzelne Feder mit der Hand.

Wenn die jungen Milden ein paar Jahre älter sein dürfen, dann passen auch Jörg Ehrlicher und Otto Drögsler in die Kategorie. Ihre Marke Odeeh hat sich fernab von Berlin in der Provinz bei Würzburg entwickelt. Nach der Premiere vor einem halben Jahr orderten auf Anhieb 55 Einzelhändler die Teile, darunter Eickhoff in Düsseldorf und Maendler in München. Die beiden Designer, die elf Jahre bei René Lezard wirkten, entwickelten ihre zweite Kollektion, die überwiegend aus Jersey gemacht ist, weiter fort. Neben Kleidern und Jacken aus dem elastischen Strickstoff gibt es auch bedruckte T-Shirts, die mit einem Schal aus dem gleichen Stoff kombiniert werden. Nationalstolz muss man deshalb noch nicht empfinden. Aber zumindest das Twinset haben die beiden neu erdacht.

Die „Bread & Butter“ läuft

Die Jeans- und Sportbekleidungsmesse „Bread & Butter“ funktioniert auch im Winter. Die gigantische Membranwand an der Außenseite der Hangars am alten Flughafen Tempelhof schützt nicht nur vor Kälte. An sie sind auch Satelliten angedockt, in denen Marken wie Boss Orange und Diesel großzügig ihre Mode präsentieren. Diese Messestände haben eher die Ausmaße von Flagship-Stores. Diesel hat sogar mit vielen kleinen Pappkartons einen Shop-in-Shop installiert. Das Motto der italienischen Jeansmarke, die mit Bruno Collin einen neuen Artistic Director hat, lautet „Back to the roots“. Damit ist vor allem gemeint: Wir wollen wieder jünger werden und so rebellisch wie Diesel einst war. Der Flirt mit dem High-End-Design liegt erstmal auf Eis. „Um diese Botschaft an den Markt zu senden, gibt es keinen besseren Ort als die Bread & Butter“, sagte Renzo Rosso. Die italienische Jeans-Legende sprach auch mit dem Regierenden Bürgermeister. Klaus Wowereit äußerte sich nach einem Rundgang am Donnerstag rundum zufrieden: „Die Modewoche ist noch internationaler geworden und hat einen Sprung gemacht.“

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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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Jahrgang 1966, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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