21.01.2010 · In Berlin findet auch zusammen, was nicht zusammen gehört. Bei der Modewoche gelingt der Spagat zwischen Designermode und Streetwear. Alfons Kaiser und Anke Schipp berichten vom Scheitern auf hohem Niveau, Kapuzenpullovern auf dem Laufsteg und Dingen vom Ramschtisch in New York.
Von Alfons Kaiser und Anke Schipp, BerlinFast hätte man geglaubt, dass diese schwierige Verbindung zwischen Avantgarde und Kommerz um fünf nach zwölf doch noch klappt. Schon seit Wochen war klar, dass Dirk Schönberger die Marke „Joop!“ verlassen würde, dass diese Schau in der Nationalgalerie, zum Abschluss des ersten Tages der Berliner Modewoche am Mittwoch abend, seine Abschiedsvorstellung ist. Doch zwischen all den Entwürfen, die da durch die Pressemappenfloskeln von „Sexyness, Glamour und skulpturaler Eleganz“ Slalom liefen, schien noch etwas aufzutauchen von der widerständigen Kraft des Subversiven, eine kühne Farbkombination von Petrol, Rosa, Gold, ein gut geschnittener Zweireiher, ein bisschen Irritation in der deutschen Konfektion.
Aber nein, alles falsch gesehen. Dirk Schönberger trat zum Abschluss, als alle auf ihn warteten, nicht auf den Laufsteg. Das konnte nur bedeuten, dass er an seiner letzten Kollektion selbst kaum mitgearbeitet hat. Und das wiederum kann bei den Vorlaufzeiten in der Mode nur heißen, dass er sich schon lange von dem Experiment verabschiedet hat, die merkantilen Bedürfnisse eines an viele Lizenzen gebundenen Großunternehmens mit dem modischen Anspruch eines in Antwerpen geschulten Modemachers zusammenzubringen. Anders als in Paris, wo weit radikalere Designer weit größere Marken umkrempeln, ist in Deutschland die modische Geduld begrenzt. Schönberger wird also wieder seine eigene Marke aufbauen. Oder geht er ganz andere Wege? Als er am Donnerstag morgen gegen halb zwei endlich zu seiner privaten Abschiedsparty im Crackers erschien, ließ er nicht Worte sprechen: Er legte Musik auf.
Geölte amerikanische Maschinerie
Die meisten Berliner Modemacher wären froh, wenn sie auf einem solchen Niveau scheitern könnten. Hunderte Designer, die von den Modeschulen entlassen wurden, fristen ein bescheidenes Dasein. Seit ein paar Jahren erblicken nun wenigstens einige von ihnen das Licht einer größeren Öffentlichkeit. Das ist nicht zuletzt das Verdienst einer Veranstaltung, die von der immer etwas lautstark auftretenden Jeans- und Sportswearmesse „Bread & Butter“ und dem als geölte amerikanische Maschinerie auftretenden Veranstalter IMG der „Mercedes-Benz Fashion Week“ in den Schatten gestellt wird. Dabei hat die „Premium“, die 2003 als Off-Show mit 70 Ausstellern im U-Bahn-Schacht unterm Potsdamer Platz begann, inzwischen an die 900 Aussteller im alten Postverladezentrum am Gleisdreieck - dessen alte Funktion man übrigens noch heute erkennt, obwohl hier schon seit zwei Jahrzehnten keine Pakete von West-Berlin für die Ost-Verwandtschaft verladen wurden: Am Paketannahmeschalter hängt der vertrauenerweckende Aufkleber „Das Postpaket - sicher ist sicher“.
Sicher ist jedenfalls, dass die „Premium“ schon viele der spannendsten Berliner Label von Kaviar Gauche über Lala Berlin bis zu Frida Weyer gefördert hat. Und sicher ist auch, dass „Bread & Butter“-Chef Karl-Heinz Müller hier nicht allzu beliebt ist, obwohl die Rückkehr der Sportswear-Messe aus Barcelona auch für die „Premium“ mehr Besucher bringt. „Man soll nicht über Berlin sprechen und über G-Star reden“, meint „Premium“-Mitgründerin Anita Tillmann mit einem Seitenhieb auf Müller, der als Chef der größten europäischen Modemesse stärker auf die großen internationalen Marken setzt.
Kaum hat sie´s gesagt, springt Anita Tillmann am Mittwoch nachmittag in den Shuttlebus, der sie zum Bebelplatz bringt. Denn dort, im Modezelt der „Mercedes-Benz Fashion Week“, will sie ihre These bewahrheitet sehen, dass man die Berliner Designer stärker in den Vordergrund rücken sollte. Der These können wir hier keine Antithese entgegensetzen. Denn der 29 Jahre alte Sam Frenzel, der als Sieger aus dem Modewettbewerb von „Peek und Cloppenburg“ hervorgegangen ist und daher nun eine eigene Schau finanziert bekommt, zeigt eine ziemlich souveräne Kollektion, in der wundervoll drapierte Großhäkelteile zu futuristisch-skulpturalen Gebilden werden, die gleichzeitig die Liebe zu Klassikern wie Balenciaga und zu Lehrmeistern wie John Galliano zeigen. In der ersten Reihe übrigens Escada-Chef Bruno Sälzer. Vielleicht versucht sich Frenzel ja auch mal im Belastungstest „Designer bei Großunternehmen“!
Wobei die Distanz eines bei Galliano und Lacroix ausgebildeten phantasiebegabten Berliners zur gerade von einer Inderin aufgekauften Nobelmarke wie Escada noch ziemlich groß ist. Ungefähr so groß wie der Abstand der feinen Münchner „Vogue“ zum Café Moskau an der Karl-Marx-Allee, wo die Modezeitschrift den ersten Abend stilvoll ausklingen ließ. Schon am Look der Besucher konnte man da mal wieder, weit stärker als bei ähnlichen Veranstaltungen in Düsseldorf, den Spagat der neuen deutschen Modehauptstadt zwischen Designermode und Streetwear erkennen. Dabei sind das vollkommen unterschiedliche Genres, die im Einzelhandel sorgsam voneinander getrennt werden, die sich zueinander verhalten wie Gymnasiasten zu Gesamtschülern. In Berlin aber finden sie zueinander.
In Berlin, wo am Ende alles irgendwie zusammen passt
In Berlin ist es eben auch möglich, Straßenmode auf dem Laufsteg zu präsentieren. Kilian Kerner zum Beispiel, der unter seinem eigenen Namen High-End-Mode entwirft, zeigt am Bebelplatz für die Marke No IFS „gehobene Streetwear“, die allerdings nicht von den Straßen Berlins, sondern von dem noch eine Spur rauheren amerikanischen Asphalt inspiriert ist. „Für mich ist die Kollektion ein Gegenentwurf zum Dresscode, weg von Zwängen, hin zu sich selbst“, sagt er nach der Schau. Aber hoch gekrempelte Jeans und Kapuzenpullover auf dem Laufsteg? „Das habe ich schon vor drei Jahre in New York auf dem Ramschtisch gesehen“, sagt eine abgebrühte junge Frau in der Mercedes-Benz-Lounge am Eingang des Zeltes, während sie Seeteufel-Saltimboca isst und mit ihren Freundinnen die Give-aways von No IFS austauscht.
Das Programm im Zelt am Bebelsplatz ist übrigens doch recht ausgedünnt. Lala Berlin und Kaviar Gauche zum Beispiel bestreiten mit Michael Michalsky am Freitagabend die „Stylenight“ - laufen also ebenfalls jenseits des offiziellen Kalenders. Große Namen fehlen. „Die Fashion Week ist eine nationale Veranstaltung, hauptsächlich mit Berliner Designern“, sagt der Designer Kostas Murkudis, der in einem Showroom seine gelungene Kollektion für den Taschenhersteller Coccinelle zeigt. Die Modewoche sei insgesamt nicht mehr als eine Ansammlung von Marken, meint er, keine seriöse Veranstaltung, die sich intensiv mit Mode beschäftigt.
Für ein paar Labels immerhin gilt das nicht. Die Österreicherin Lena Hoschek spielt allerdings nicht mit der Designermode-Streetwear-Differenz, sondern mit den Geschlechterunterschieden. Sie hat den Dandy der vierziger Jahre ins neue Jahrtausend überführt und auf die Frau übertragen mit weißen Hemden, Krawatten und gemusterten Pullundern. Bernadett Penkov, die ihre Kollektion ebenfalls am Bebelplatz zeigte, ließ sich von den Soldaten inspirieren, die auf Bildern von George Grosz und Otto Dix wenig anheimelnd daherkommen. Ihre Mäntel in Khaki-Tönen erinnern an den Trenchcoat, der vor einem Jahrhundert ebenfalls zu militärischen Zwecken entwickelt wurde. Dazu kombiniert die Designerin gebürstete Goldknöpfe. Die langen Chiffonkleider in Military-Braun eignen sich dagegen kaum für den Fronteinsatz. Na ja, in Berlin, wo am Ende alles irgendwie zusammen passt, vielleicht doch.
Alfons Kaiser Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.
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Anke Schipp Jahrgang 1966, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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