Ihre eigene Musik bringen sie auch gleich mit. Zu diesen fröhlichen Takten, dem Klatschen, dem Pfeifen der Flöten, den Rasseln, den Tamburinen, den Akkordeon- und Gitarrenklängen der sizilianischen Musiker läuft es sich fast so beschwingt über den Mailänder Laufsteg wie über die hügeligen Gassen von Taormina, Messina oder Catania. Einer ist spindeldürr, der andere ein Muskelprotz, der nächste nicht älter als elf Jahre, ein anderer 40.
Die Hosen mögen manchen von ihnen um ein paar Zentimeter zu kurz sein, die Shorts sind mal zu eng, mal zu weit, und wenn Letzteres der Fall ist, sitzen die Hosenbünde bis über der Taille, wo sie dann mit Gürteln festgezurrt sind - als sei die falsche Größe ein Zeichen dafür, dass die Hose eigentlich dem Cousin aus dem Nachbarort an der sizilianischen Ostküste gehören soll. Ihre Schuhe - Ledersandalen - sehen indessen aus, als wären sie uralt und von Sand und Salzwasser gezeichnet. Ihre Hemden sind mit barocken Fresken bedruckt, die in der Heimat in ihren Kirchen hängen, oder mit solchen bunten Motiven, die sie aus den Souvenirläden kennen, an denen sie täglich vorbeilaufen.
Schüler, Kellner, Arbeitslose, Unternehmer
Ende Juni traten die Männer, die zum Beispiel Francesco Boscarelli, Giuseppe Zamamordente oder Thomas Barca heißen, zum ersten Mal in ihrem Leben auf einen Laufsteg. Anstelle Models zu casten, fanden die Designer des Mailänder Labels Dolce & Gabbana, Domenico Dolce und Stefano Gabbana, auf Sizilien zuvor die passenden Charaktere für die Schau, insgesamt 74. „Wir waren auf der Suche nach Normalität“, sagt Dolce. „Wir haben uns selbst vorgestellt, wie es wäre, an einem Samstagnachmittag in einem Laden zu stehen und dort all diese Leute zu beobachten.“
Das Casting dauerte drei Monate. Auch in der kommenden Herbstkampagne des Hauses mischen die Einheimischen das Bild zwischen den Models und der Schauspielerin Monica Bellucci am Set in Taormina auf. „Die Winterkollektion mutet allein schon der Inspiration wegen - des Barockthemas - sehr wertvoll an“, sagt Dolce. Mit den Einheimischen, darunter Schüler, Kellner, Arbeitslose oder Unternehmer, kämen die Kleider anders zur Geltung. „Wir selbst konnten sie in einem neuen Licht sehen.“
Nun sind Menschen, die eigentlich mit beiden Beinen in einem anderen Leben stehen, als Models keine Fremden in der Mode. Benetton zum Beispiel schockiert seit den achtziger Jahren mit ihnen. Comptoir des Cotonniers zeigt seit den Neunzigern Mütter und Töchter innig und American Apparel seine Mitarbeiter seit den nuller Jahren anrüchig. Zuletzt steckte Peek & Cloppenburg Krimiautoren des Ullstein Verlags in kuscheligen Strick und fotografierte sie anschließend in der bayerischen Idylle.
Jetzt also Dolce & Gabbana - und Prada und Lanvin. In der Krise sucht auch die erste Liga der Mode nach besonderen Charakteren, mit denen sich Geschichten erzählen lassen, die andere Leute berühren. Fündig werden sie bei Menschen von nebenan oder zum Beispiel bei Eva Gödel, Gründerin der Modelagentur „Tomorrow Is Another Day“ aus Düsseldorf.
„Was Prada macht, ist Vorbild für andere“
Gödel ist ständig auf der Suche nach neuen Gesichtern - immerzu: wenn sie Einkäufe macht, zum Auto läuft oder Freunde andernorts besucht. Im April fiel ihr auf der Kunstmesse Art Cologne der 45 Jahre alte Marketingchef einer großen Brauereikette ins Auge. Schon im Januar zuvor hatte sie den 52 Jahre alten Kölner Tapetenhändler Bernd Sassmannshausen erfolgreich in der Prada-Schau für den kommenden Winter untergebracht. „Das war damals neu. Prada war in den vergangenen Jahren die erste Marke, die wieder ältere Models angefragt hat“, erinnert sich Gödel.
Nun war das Mailänder Modehaus für seine Frühjahrsschau im Juni abermals auf der Suche nach besonderen Charakteren; dem Tapetenhändler zog es am Ende eine graue Jacke über, dem Angestellten der Brauereikette, Christian Hagl, verpasste es einen anthrazitfarbenen Mantel - und schickte beide hinaus auf den Laufsteg. „In den Tagen zuvor ist man in einer Art Stand-by-Modus“, sagt Sassmannshausen. „Besonders entspannt ist das nicht. Wenn es dann aber nur noch wenige Minuten sind, werde ich immer ruhiger.“ Seine Agentin Gödel glaubt, dass noch weitere Anfragen folgen könnten. „Was Prada macht, ist für andere ein Vorbild.“ Trotzdem, die eigentlichen Berufe würden die Männer nicht für das Modeln an den Nagel hängen. Im Gegenteil, die Mode bestellt bei Sassmannshausen für die Ausstattung ihrer Geschäfte Tapeten.
Der Traum von Paris geht in Erfüllung – mit 82 Jahren
Ähnlich angetan von dem Leben seiner Newcomer-Models ist auch Alber Elbaz, Chefdesigner des französischen Traditionshauses Lanvin. Für den kommenden Herbst inszeniert er ihre Geschichten und Träume in der Kampagne des Labels. Da ist der Kellner, der Hutmacher, der Migrant, der erst seit kurzem in Amerika lebt, oder die Tänzerin, Jacqueline „Tajah“ Murdock, die mit 18 von dem Wunsch besessen war, Model in Paris zu werden, und die ihre Nächte Ende der vierziger Jahre als farbiges Showgirl auf der Bühne des Apollo-Theaters in Harlem durcharbeiten musste. Jetzt kommt sie doch noch unverhofft nach Paris, als Model für Lanvin - im Alter von 82 Jahren.
Der Paris-Trip des ehemaligen Showgirls fällt damit auch in die Zeit, in der sowohl Kunden als auch Modehäuser sparen müssen. Das Budget für Anzeigen sei in diesem Jahr geringer ausgefallen als im vergangenen Herbst, sagte Lanvin der amerikanischen „Women’s Wear Daily“. Um etwas zu verkaufen, muss man zwar wie in guten Jahren eine Geschichte erzählen können, die fasziniert, die darüber hinaus aber, jetzt in schlechten Zeiten, in denen das Geld knapp ist, wirklichen Sinn im Leben der Kunden macht. So ist auch die Mode selbst realistischer geworden. Die Looks vom Laufsteg der Schauen lassen sich wie zum Beispiel bei Dolce & Gabbana so auf der Straße tragen, wie es die Geschichte der Sizilianer in den Streifen- und Souvenirshirts erzählt.
Mehr Realismus durch Streetstyle in Blogs
Bestärkt in dem Vorhaben zu derart viel Realismus wird die Mode indessen auch von der Streetstyle-Bewegung. Zwar lichten Fotografen schon seit Jahrzehnten Menschen auf der Straße ab, deren Stil inspiriert, der für eine Stadt oder eine Zeit steht. Trotzdem ist Streetstyle mit der Gründung vieler Blogs vor sechs Jahren populärer geworden. Dolce sagt, dass die Leute heute mehr mit gewöhnlichen Gesichtern verbinden könnten als früher. „Es geht auch um neue Emotionen“, so sein Designpartner Gabbana.
Andere Modehäuser machen sich diese ebenfalls zunutze. Burberry unterhält seit drei Jahren eine eigene „Art of the Trench“-Streetstyle-Website und Jimmy Choo seit knapp drei Monaten das Pendant „Choo 24:7“. Dort kann jedermann zeigen, wie er die Marken in sein eigenes Leben übersetzt. Bis zum Auftritt in der Herbstkampagne eines Modehauses oder der Runde über den Laufsteg ist es dann nicht mehr weit - jedenfalls solange der Körper stimmt. „Auch bei den Männern ist kein bisschen Bauch erlaubt“, sagt Gödel. Gerade in Deutschland sei das nicht leicht zu finden.
Obwohl, und das ist neben den Sizilianern oder dem Tapetenhändler auf dem Laufsteg der zweite Modeltrend: Ausgerechnet aus Deutschland kommt die nächste Welle der Profimodels. Sie heißen Antonia Wesseloh, Lena Hardt, Franzi Müller, Kati Nescher oder Esther Heesch. In diesem Sommer stehen sie noch in der Welt verstreut vor den Kameras, bevor für einige von ihnen bald wieder die Schule beginnt - in Buxtehude, Hameln oder Köln, im wirklichen Leben.