31.10.2006 · Vor 100 Jahren drehte ein Coiffeur aus dem Schwarzwald die ersten künstlichen Locken. Über den Erfinder hat Benno Dörflinger ein Buch geschrieben. Ein Gespräch über unmodische Fußballprofis, Ondulierapparate und das Nessler-Museum.
Benno Dörflinger ist Lokalhistoriker in der Schwarzwaldgemeinde Todtnau. Seine Leidenschaft gilt der Dauerwelle - in historischer Hinsicht. Er hat ein Buch geschrieben über Karl-Ludwig Nessler, den Erfinder der Dauerwelle. Am Wochenende durfte er feiern: die Kunstlocke wurde hundert Jahre alt. Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht er über unmodische Fußballprofis, Ondulierapparate und das Nessler-Museum.
Herr Dörflinger, wie war die Feier zum hundertsten Jahrestag der Dauerwellenerfindung am Wochenende?
Es war sehr viel los hier. Sogar aus Hongkong, Japan und Korea sind Gäste gekommen. Und der Enkel Nesslers, Robert Nessler, ist extra aus Amerika gekommen, hat das Band für unser neues Nessler-Museum durchgeschnitten und auf englisch ein paar Worte gesprochen. Er war überwältigt von dem Zuspruch für seinen Großvater, von den Plakaten, dem Schaufrisieren und der ganzen Veranstaltung.
100 Jahre Kunstlocke: „Die Dauerwelle hat gehalten“
Dabei ist die Dauerwelle gar nicht in Todtnau erfunden worden.
Das nicht. Aber Karl-Ludwig Nessler wurde hier am 2. Mai 1872 geboren und lebte auch einige Jahre hier. Dann brannte Todtnau ab, er mußte zu Verwandten ziehen, bevor er schließlich ins Ausland ging.
Seltsam, daß der Erfinder der Dauerwelle gefeiert wird. Eigentlich müßte er doch bestraft werden, oder?
Aber die Frauen wollten es doch! Nur weil einige Leute in den Straßengraben fahren, verteufelt man ja auch nicht das Auto!
Also war es eine gute Erfindung?
Ja. Wenn's jemandem hilft und er meint, er sei dann ein anderer Mensch - warum nicht! Heute machen sie Schönheitsoperationen.
Wie kam Nessler auf die Idee?
Als Junge hat er angeblich, als er frühmorgens durch den Wald lief, gesehen, wie sich vor dem Regen die Gräser und Äste ringelten. Tagsüber, als die Sonne schien, waren die Gräser wieder glatt. Später kam ihm als Friseur, der in Genf, London und Paris arbeitete, die Idee, mit Wasser und Wärme das Haar umzuformen.
Aber die Verwirklichung dieser Idee war schwierig.
An Perücken sah es wunderbar aus. Das Problem war, es am lebenden Kopfe zu versuchen. Die Haare wurden um ein Metallröhrchen gewickelt, mit einer Schnur festgebunden, mit einem Läppchen aus Flanell bedeckt, das in Dauerwellflüssigkeit getaucht worden war. Darüber wurde eine Hülse aus Pappe gestülpt und mit einer Heizzange zehn bis fünfzehn Minuten lang erwärmt. Zunächst einmal führte das zu Brandblasen bei seiner späteren Frau Katharina Laible. Sie schrie so laut, daß er den ersten Versuch abbrechen mußte. Aber beim dritten Mal gelang die Wellung. Sie blieb, und er nannte sie Dauerwelle. Das war ein großer Fortschritt gegenüber der von einem Franzosen erfundenen Ondulierung - die hielt nämlich nicht.
Die Dauerwelle schwappte um die ganze Welt.
Auch deshalb, weil Nessler die Technik verfeinerte. Die mit Feuer beheizten Zangen wurden auf elektrische Heizpatronen umgestellt. Während die meisten Friseure von der Erfindung, die er im Oktober 1906 in London vorstellte, nicht begeistert waren, war die Nachfrage bei den Damen groß. Nessler hatte mit seinem Dauerwellenapparat in New York großen Erfolg. Auf dem wirtschaftlichen Höhepunkt verkaufte er seine Firma für mehr als 1,5 Millionen Dollar und zog sich zum weiteren Haarstudium zurück.
Inzwischen ist die Dauerwelle etwas außer Mode.
Die Friseure nennen sie auch nicht mehr Dauerwelle, sondern Umformung - um von dem Oma-Geschmack wegzukommen. Nicht einmal Fußballspieler tragen sie noch, nur der Komiker Atze Schröder. Aber in abgemilderter Form wird es die Dauerwelle immer geben, um das Haar zu lockern, etwas zu wellen und größer wirken zu lassen.
Todtnau hat seinen großen Sohn trotz allem nicht vergessen.
Und er Todtnau nicht! In der schweren Zeit zwischen den Kriegen hat er viel für Todtnau getan. Einmal, 1923, ist er auch noch mal zu Besuch gekommen. Er brachte einen Waggon mit Kleidern, Hüten und Schuhen aus Amerika mit und stiftete alles der notleidenden Bevölkerung. Da sahen die Leute in Todtnau eine Zeitlang mit ihren großen Hüten und den derben Schuhen aus wie im Wilden Westen. Zum Schluß hat er nur noch Geld geschickt.
Bis er selbst keines mehr hatte.
Das ging auf und ab bei ihm. Er wurde in Amerika Millionär, verlor viel am Schwarzen Freitag 1929, wollte eine zweite Erfindung machen, Haarwuchsmittel und Hautpflegegeräte. Aber das hat nicht hingehauen. So starb er 1951 recht einsam in New Jersey. Zu dem Grab fahren deutsche Friseure immer noch und legen dort Blumen nieder.
Man sagt, die Schwaben...
Halt, rudern Sie zurück! Das gibt böses Blut!
...die Schwaben seien erfinderisch. Ich wollte nur fragen, ob auch die Nachbarn der Schwaben, die Menschen in Südbaden, so innovativ sind?
Ja, wir leben hier in einer Geistesecke, aus der viele Patente stammen. Wir haben hier Papierfabriken und das weltberühmte Bürstenunternehmen Zahoransky.
Das Nessler-Museum ist das erste Haus dieser Art in Todtnau. Nutzt der Ort seine Potentiale?
Einen Rundweg und Führungen zum Thema Martin Heidegger, der in Todtnauberg wohnte, gibt es schon. Früher wurde hier Silberbergbau betrieben - da könnte man ein Museum machen. Wir haben auch den ältesten Skiclub Deutschlands, wahrscheinlich sogar Mitteleuropas, 1891 gegründet - da könnte man ein ganzes Museum machen. Und über die Bürstenindustrie könnte man auch ein ganzes Museum machen. Ein Anfang ist mit der Nessler-Ausstellung schon mal gemacht.