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Mode Von Kleidern und Katastrophen

17.09.2003 ·  Die New Yorker Modewoche besteht seit zehn Jahren - und ist größer, bunter und einflußreicher geworden.

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Es mußte ein Unglück geschehen, bevor die New Yorker Modewoche vor zehn Jahren begründet wurde. Der Designer Michael Kors zeigte im April 1991 seine Kollektion in einem leerstehenden Loft in Chelsea. Ein Teil der Decke flog herab. Modekritikerin Suzy Menkes, die sich, wie alle anderen auch, aus der Staubwolke retten konnte, schrieb: "Wir leben für die Mode, aber wir wollen nicht an ihr sterben." Als Fern Mellis, die neue Geschäftsführerin des Council of Fashion Designers of America (CFDA), das las, kam ihr die Idee, die Schauen an einem passenden Ort zu organisieren, sie zu zentralisieren und zu modernisieren. So fand die erste Modewoche 1993 in einem großen Zelt im Central Park statt - mit Bill Blass, Oscar de la Renta, Calvin Klein, Donna Karan und Ralph Lauren. Nach ein paar Saisons im Hotel Macklowe baute man dann die Zelte im Bryant Park hinter der Public Library auf, wo die Schauen nach nun zwanzig Saisons weiterhin zweimal im Jahr, im Februar und im September, stattfinden - wenn auch das CFDA die Organisation mittlerweile an die Agentur IMG verkauft hat, für die Fern Mellis weiter alles im Griff hat. Modemacher Michael Kors jedenfalls war von der Idee mit den Zelten angetan - und erleichtert, daß nichts mehr herunterfallen kann.

Fast nichts. Denn die Zelte an der sechsten Avenue liefern ihre eigenen Geschichten. So wäre wegen des Sturms Floyd am 16. September 1999 beinahe die letzte Schau des im Jahr 2002 verstorbenen Modeschöpfers Bill Blass abgesagt worden. Blass war nicht so eitel, seine Abschiedsvorstellung unter allen Umständen dem Sturm auszusetzen. Die entscheidungsfreudige Organisatorin Fern Mellis aber bestand auf der Schau. Als sich Bill Blass ein letztes Mal vor dem Publikum verneigte, schoß das Wasser nicht nur aus den Augen der älteren Damen, sondern auch aus dem Himmel durch das Zeltdach auf den Laufsteg. Danach wurden die Zelte wegen des Hurrikans geschlossen - und vier Jahre später hofft man nun, daß die von Süden heraufziehende Isabel im Gegensatz zu Floyd gnädig bleibt.

Alles wird internationaler und erfolgreicher

Nur noch ein weiteres Mal wurde die "7th on Sixth" - der Garment District von der siebten präsentiert sich an der sechsten Avenue - abrupt unterbrochen. Am 11. September 2001, die Modewoche war erst drei Tage alt, zeigten um neun Uhr (morgens beginnt man noch pünktlich) schwangere Models Umstandsmode der Designerin Liz Lange. Nur die wenigsten Zuschauer hatten mitbekommen, daß einige Minuten zuvor drei Kilometer südlich ein Flugzeug ins World Trade Center gerast war. Als die Zuschauer aus den Zelten strömten, hatte sich die Welt verändert - und die Modewoche wurde sofort abgesagt. Die Katastrophe am World Trade Center wurde auch deshalb zum fotografisch am besten dokumentierten Ereignis der Weltgeschichte, weil mehr als hundert Modefotografen sofort nach Downtown geeilt waren.

Trotz dieses Einschnitts und des seitdem verhaltenen Modegeschäfts wertet Fern Mellis die inzwischen wegen des Hauptsponsors "Mercedes-Benz Fashion Week" genannte Veranstaltung als eine Erfolgsgeschichte. Heute zeigen mehr als 100 Designer ihre Entwürfe, 2000 Journalisten und zahllose Einkäufer aus aller Welt kommen - übrigens immer mehr aus China und Südkorea. Das wäre vor 1993, als die Designer nach lose getroffener Absprache etwa zur gleichen Zeit, aber an vielen verschiedenen Orten in der Stadt ihre Kollektionen zeigten, gar nicht möglich gewesen. Zudem kann Mellis darauf verweisen, daß amerikanische Modehäuser durch die wachsende Vermarktung zu weltbekannten Marken wurden. Designer wie Michael Kors und Marc Jacobs wurden in den Zelten berühmt und entwerfen inzwischen für große französische Marken wie Céline und Louis Vuitton. Überhaupt hat sich, auch durch die Modewoche, der sportliche Stil amerikanischen Zuschnitts selbst in Europa stark durchgesetzt. Umgekehrt ist Fern Mellis überzeugt: "Wer in den Zelten Haute Couture zeigen würde, würde vom Publikum geköpft." Zu den Schauen nach Europa fährt Mellis daher nur noch selten: "Bei denen geht es um Kunst, hier geht es ums Geschäft."

Das sieht man auch an den Prominenten, mit denen sich die Marken schmücken. Ihre Zahl hat sich vergrößert, ihr Aussehen verändert, ihre Bezahlung verbessert. Früher freute man sich über Donald, Ivana und Ivanka Trump (die wurden auch nicht bezahlt), heute erobern Rapstars wie Missy Elliott oder Eve und Rap-Mogule wie Russell Simmons oder Puff Daddy die erste Reihe. Die Models heißen nicht mehr Cindy Crawford, Kristen McMenamy oder Amber Valetta (nur Naomi Campbell läuft und läuft und läuft), sondern Natasha Vojnovic, Renda Zdrazilova oder Collette Pechekhonova. Auch die Designernamen haben sich verändert: Helmut Lang und Alexander McQueen erscheinen auf dem Pariser Schauenkalender. Fern Mellis sieht aber keine Verarmung der Modewoche: "Türkische, mexikanische, brasilianische und spanische Designer zeigen ihre Kollektionen bei uns." Sie spricht sogar vom "Ellis Island der Mode". Dann wäre die Woche so etwas wie das Eintrittstor in die amerikanische Modewelt für Designer, die aus Europa fliehen mußten.

Quelle: kai., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.09.2003, Nr. 217 / Seite 9
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