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Mittwittern Diese Debatte sprengt jedes Dirndl

 ·  Wer war auch schon ein Brüderle? Fünf Redakteurinnen und Redakteure twittern mit in der Diskussion über Sexismus und Belästigung - auch wenn sie mit 140 Zeichen nicht auskommen.

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@autorin1 Männer sagen gelegentlich blöde Dinge. Frauen leider auch. Ich habe einem Autor mal gesagt, sein Text wäre chauvinistisch. Das tut mir im Nachhinein leid, denn darüber war der Autor wohl mindestens so verletzt wie ich über seine Art, herablassend über Frauen zu schreiben. Trotzdem, Arroganz ist eine schreckliche Eigenschaft, und abschätzige Kommentare, die sich auf das Geschlecht einer Frau reduzieren, sind so ziemlich die widerlichste Form von Arroganz. Sie macht mich wütend. Tja, da schießt es also aus mir heraus, heute, gestern vor 12 Jahren: Ein Freund meines Vater zu mir mit Blick auf meinen, zugegeben, ziemlich leeren Teller: „Wenn du so wenig isst, können deine Brüste nie wachsen.“ Kurzes Überlegen und ein Blick auf seinen ziemlich vollen Teller. „Und wenn Sie so weitermachen, platzen Sie bald.“ Der Freund des Vaters, übrigens selbst Vater von zwei Mädchen, ist ziemlich korpulent. Das war also fies. Entschuldigung. Manchmal sagen Frauen halt so blöde Dinge.

@autor1 Ich war auch schon ein Brüderle. Will sagen: Auch ich habe sicher hin und wieder einer Frau etwas gesagt, was ich für charmant und gewinnend hielt, was sie aber zu Recht als unpassend und herabsetzend empfand. Ich bin aber einigermaßen sicher, dass ich dabei nicht so klebrig war wie Ich-war-Minister-für-Wirtschaft-und-Verkehr-ha-ha-Brüderle und dass ich daraus keine Gewohnheit gemacht habe. „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen“ ist ein Satz, der auch mal ein echtes Kompliment sein kann, in ganz wenigen Momenten - ganz sicher aber nicht, wenn ein Politiker mit einer Journalistin redet. Aber die Geschlechterbeziehungen sind ein Minenfeld, und Männer sind manchmal Kretins. Zum echten Problem wird so etwas, wenn sich darin statt einer wie auch immer verkorksten Erotik nur Macht abbildet: Baby, ganz offen darf ich es ja nicht sagen, aber ich könnte dich haben; ich verfüge über dich. Ich hatte auch angenommen, dass sich das Problem mit Altherren, die Altherrenwitze erzählen, biologisch lösen würde, aber das war zu optimistisch, wie ich sehe. Vielleicht, weil Anzüglichkeiten früher ein Ventil für eine repressive Sexualmoral waren, heute aber Ventil für eine hypersexualisierte Kultur sind. Ich bin kein Freund der Frauenquote, aber vielleicht müssen Männer tatsächlich an noch mehr wichtigen Orten unserer Gesellschaft - in Vorstandsetagen, an Hotelbars nach Parteitagen - auf noch mehr Frauen treffen, um zu lernen, was sich gehört und was nicht.

@autorin2 Auf die Gefahr hin, dass mich jetzt alle weiblichen Leser hassen werden: Ich kann nichts Schlimmes dabei finden, dass manche Männer uns Frauen ab und an mal schlüpfrige Dinge zuflüstern. Der Spruch „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen“ gehört für mich in die Kategorie schlüpfrig, ebenso wie der Spruch: „Mir ist heute so heiß, liegt das an der Temperatur hier im Raum oder an etwas anderem?“, dem ich mich, um den aktuellsten zu nennen, kürzlich ausgesetzt sah - begleitet von einem vieldeutigen Zwinkern. Ich kann bei so was nur die Achseln zucken und denken: Hab schon bessere Komplimente gehört. Aber belästigt würde ich mich durch so etwas niemals fühlen. Diese Männer wollen einem doch lediglich sagen, dass sie einen scharf finden. Sie vertun sich dabei in der Form, aber es bleibt doch dabei: Sie signalisieren sexuelles Interesse. Und das zeigt mir, dass ich ihnen gefalle. Ich fühle mich jedenfalls nicht gleich als Sexualobjekt, nur weil ein Mann nicht gelernt hat, was politically correct ist. So leicht lass ich mich nicht degradieren. Nein, der Mann ist derjenige, der sich schlecht fühlen sollte - weil er mir leid tut. Er, der arme Tropf, der nicht smart genug ist, um mich auf charmante Art auf sich aufmerksam zu machen!

@autor2 Wenigstens einmal habe ich eine junge Frau bewusst sexuell belästigt. Ich war 14, und in unserer Klasse fanden ein paar Jungs es lustig, den Mädchen ans Gesäß zu grabschen. Komischerweise beschwerten die sich nicht, sondern quiekten höchstens, es schien auch für sie irgendwie ein Spiel zu sein; mit dem Feminismus hatte man es bei uns offenbar nicht so. Ich fand das Ganze irritierend und auch abstoßend, glaubte aber trotzdem, einen zwangsläufigen Entwicklungsschritt nicht verpassen zu dürfen, und irgendwann, bei einem Mädchen, das ich ganz gern mochte, griff ich zu. Sie schaute mich nur an und sagte: Von dir hätte ich das nicht erwartet. Es klang nicht verärgert, eher amüsiert, die anderen Jungs grölten, und ich fühlte mich nicht gut. Wenn heute bei Twitter Männer den „Aufschrei“ der Frauen verspotten, dann ist das ärgerlich. Noch seltsamer aber finde ich die zerknirschten Kommentare, in denen Männer behaupten, sie hätten nie gedacht, dass es so schlimm sei mit dem Sexismus. Hinter welchem Mond, Leute, lebt ihr denn? Wer halbwegs wach durch die Welt geht, der muss es miterlebt haben, wie nachts in der S-Bahn Frauen von testosteron- oder sonstwie berauschten Kerlen angemacht werden, wie auf der Feier der reife Herr angesichts junger Damen jeden Sinn für Distanz verliert. Meist hatte ich das Gefühl, mich - noch - nicht einmischen zu müssen, reagierten die Frauen doch souverän; wie überhaupt mir der Sexismus als etwas zwar Verachtenswertes erschien, mit dessen Existenz man sich aber letztlich abfinden muss wie mit Xenophobie oder Jugendgewalt. Die „Aufschrei“-Welle ist für mich Beweis, dass diese Einstellung falsch war. Und ich hoffe sehr, dass meine Töchter, sollten sie eines Tages auf solche Idioten treffen, wie wir es damals waren, nicht nur quieken werden - und ihnen jemand zur Seite springt.

@autorin3 So lange ich auch in meinem Gedächtnis krame, mir fällt nichts Fieses ein. Ich möchte deshalb alle Männer, die ich persönlich kenne, von dem ebenfalls fiesen Generalverdacht befreien, sie würden jüngere, im Idealfall abhängige Frauen fies bedrängen. Es reicht mir, sabbernde Säcke, die sich mit Herrenwitzen desavouieren, von oben herab zu belächeln. Manchmal finde ich einen Gag besonders gut, weil er es nur knapp über die Gürtellinie geschafft hat. Ich selbst habe oft davon profitiert, einigermaßen hübsch und einigermaßen schlau zu sein, weil Aufmerksamkeit und Respekt sich dann beflügeln. Sollen die Jungs sich ruhig hinter meinem Rücken das Maul über Titten und Ärsche zerreißen. Tun wir doch auch. Aber es gibt eine Grenze. Und wenn ich lese, dass jede fünfte Studentin in Deutschland sexuell belästigt wurde, glaube ich sofort, was jüngere, im Idealfall abhängige Frauen auch heute alles Fieses erleben. Sorry, Männer: Das sprengt jedes Dirndl.

@was_bisher_geschah

Eine junge Journalistin berichtet über sexistische Sprüche von Piraten, eine andere über eine peinliche Begegnung mit Rainer Brüderle, FDP, an einer Hotelbar - und schon gibt es eine Diskussion über Sexismus in Deutschland, die offenbar nur auf einen Auslöser gewartet hatte. Die Bundeskanzlerin ließ bald nach den Berichten über ihren Sprecher ausrichten: „Sie steht selbstverständlich für einen menschlich professionellen und respektvollen Umgang in der Politik wie auch zwischen Politikern und Medienvertretern.“ Doch geht es gar nicht mehr nur um den FDP-Spitzenmann und seine angebliche „Vorliebe für trinkfeste junge Journalistinnen“, sondern um die sexuellen Übergriffe und sittenwidrigen Annäherungsversuche, die Frauen tagtäglich erfahren. Auf Twitter berichten sie vor allem unter dem Hashtag #aufschrei von „Busen-Grabschen“, „unauffälligen Blicken ins Dekolleté“ - und Schlimmerem.

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