13.02.2010 · Nachdem Missbrauchsvorwürfe gegen Mitglieder des Jesuitenordens laut geworden sind, melden sich weitere Opfer. Ein ehemaliger Schüler erinnert sich an Missbrauch im Jesuitenkolleg St. Blasien in den achtziger Jahren. Ein Protokoll.
Es muss sich im Herbst 1987 ereignet haben. Ich war damals zwölf Jahre alt und in der siebten Klasse am Kolleg St. Blasien im Schwarzwald. Offensichtlich hatte ich irgendetwas angestellt, nichts weiter Schlimmes, vielleicht hatte ich im Unterricht dazwischengeplappert. An den genauen Grund kann ich mich nicht mehr erinnern. Der damalige Pater Wolfgang S. sagte daraufhin zu mir: „Wer sich schlecht benimmt, bekommt den Hintern versohlt.“ Zu dem Zeitpunkt nahm ich das nicht sonderlich ernst. Es kam an dem Kolleg in den achtziger Jahren schon manchmal vor, dass man eine Backpfeife bekam, aber das fanden wir Schüler nicht weiter schlimm.
Bei der nächsten Lappalie aber holte mich der Pater in sein Zimmer. Ich musste die Hose ausziehen und wurde übers Knie gelegt. Es gab zwei Schlagarten, einmal getrommelt mit beiden Händen, einmal einhändig, weit ausholend. Es müssen um die 50 bis 70 Schläge gewesen sein. Danach musste ich mir mein knallrotes Hinterteil im Spiegel ansehen, bevor er anfing, es zu streicheln. Das Ganze hat sich noch einmal wiederholt. Als mich der Pater ein drittes Mal zu sich beorderte, sagte ich einfach „nein“. Erstaunlicherweise ließ er mich daraufhin in Ruhe.
Vertuschungsversuche der Jesuiten
Wir sind uns von dem Zeitpunkt an aus dem Weg gegangen. Ich weiß, dass mindestens ein weiterer Mitschüler damals - der Pater war nur einige Wochen auf Heimaturlaub aus Chile an unsere Schule zurückgekehrt - etwas Ähnliches erlebte, denn er kam mir einmal heulend aus dem Zimmer des Paters entgegen. Sonst herrschte in dem Kolleg eine ganz normale Atmosphäre. Auch Wolfgang S. war an sich keine angsteinflößende Person. Aber irgendwie war er anders.
Ich habe nie mit jemandem darüber geredet. Auch meine Eltern wussten nichts davon. Und ich selbst habe die Vorfälle einfach weggepackt, vergessen. Der Verdrängungsprozess ging so weit, dass ich auf die Frage, ob man in meinem Kolleg geschlagen worden sei, vermutlich mit „nein“ geantwortet hätte. Erst als die ersten Berichte in den Medien auftauchten, kam alles wieder zu Bewusstsein. Ich war mehrere Tage lang vollkommen durcheinander, bin aber jetzt darüber hinweggekommen. Hassgefühle gegenüber Wolfgang S. empfinde ich nicht. Ich glaube, ich kann jemandem, der so krank ist, sogar verzeihen.
Was mich allerdings massiv ärgert und nicht zur Ruhe kommen lässt, sind die immer noch andauernden geradezu mittelalterlichen Vertuschungsversuche der Jesuiten. Schon im Jahr 1991 hatte die Ordensleitung von den Misshandlungen der Schüler gewusst, aber nichts dagegen unternommen. Damals hätte man die Patres noch juristisch zur Verantwortung ziehen können.
Eine immense Enttäuschung
Den Ordensbrüdern in St. Blasien war auch bekannt, dass sich Wolfgang S. einer Therapie unterzogen hatte. „Weiter aber haben wir darüber nicht geredet, weil wir nicht wussten, um was für eine Therapie es sich handelt“, gab einer zu. Zwar hat die Ordensleitung eine „vollständige Aufklärung im Interesse der Opfer“ versprochen und eine Berliner Anwältin eingeschaltet. Bisher aber merke ich wenig davon. Ich hatte dem Orden beispielsweise sofort mitgeteilt, dass die Übergriffe nicht, wie weitläufig berichtet, 1984 endeten, sondern 1987 nochmals Schüler misshandelt wurden. Keine Reaktion. Das Gespräch mit der Anwältin dauerte zwei Minuten. Der Vorfall wurde, so erschien es mir, mit wenig Interesse aufgenommen.
Ich war immer stolz darauf, von den Jesuiten ausbildet worden zu sein, hatte sogar zwischenzeitlich überlegt, selbst in den Orden einzutreten. Die Erfahrungen jetzt haben mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Es ist eine immense Enttäuschung. Mich interessieren keine Gerichtsprozesse oder Entschädigungszahlungen, ich will kein Geld, nur eine ehrliche, schonungslose Aufklärung dieses Skandals.