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Minenräumer Frank Masche : „Wenn der Respekt fehlt, höre ich auf“

  • -Aktualisiert am

Glücklicher Fund: Frank Masche mit einer entschärften Splittermine auf Sri Lanka 2009 Bild: privat

Seit fast 20 Jahren entschärft Kampfmittelexperte Frank Masche in aller Welt das schmutzige Erbe von Krieg, Gewalt und Hass. Ohne Furcht wäre ihm dabei schon längst ein tödlicher Fehler unterlaufen.

          „Im Film gibt es immer zwei Drähte. Der Held muss sich zwischen rot und grün entscheiden, um die Welt zu retten. Die Realität sieht anders aus.“ Frank Masche lacht. Er ist eine Frohnatur, hat immer einen Scherz auf den Lippen. Ein Kumpeltyp, der sofort das „Du“ anbietet. Das lässt er sich nicht nehmen - obwohl er seit fast zwei Jahrzehnten sieht, zu welch perfider Grausamkeit Menschen fähig sind.

          Ohne seinen Optimismus könnte er den Job kaum machen. Denn er räumt weg, was der Hass nach Kriegen übrig lässt. Tretminen, die Menschen sonst die Gliedmaßen zerfetzen. Scharfe Streumunition, die Kinder für Spielzeug halten könnten. 250-Kilo-Bomben, die bei einer Detonation alles im Umkreis von gut 40 Metern töten.

          „Eine Mine ist darauf programmiert, zu explodieren“

          Was Masche macht, klingt brandgefährlich. Eine falsche Handbewegung, und er fliegt in die Luft - so stellt sich der Laie seine Arbeit vor. Ein gewisses Berufsrisiko gesteht der Minenräumer ein: „Es ist aber auch nicht größer als bei jedem anderen Job, der mit gewissen Gefahren behaftet ist, etwa der eines Starkstromelektrikers oder eines Fernfahrers.“ Wer sein Handwerk beherrscht, macht keine falsche Bewegung.

          Seit 1994 beseitigt er Kampfmittel für humanitäre Organisationen - etwa diese Bombletten, die er 1999 in Nord-Laos im Dschungel fand
          Seit 1994 beseitigt er Kampfmittel für humanitäre Organisationen - etwa diese Bombletten, die er 1999 in Nord-Laos im Dschungel fand : Bild: privat

          Masche, Jahrgang 1968, ist in der ehemaligen DDR groß geworden. Nach Kindheit und Jugend in Berlin bekommt er als Pionier bei der Nationalen Volksarmee zum ersten Mal Kontakt mit Minen und Sprengstoff, wird Gruppenführer im Spreng- und Sperrdienst. Seine intensive Ausbildung und seine langjährige Erfahrung hätten sein Risiko deshalb auf „ein akzeptables Maß schrumpfen lassen“, sagt er. Das heißt nicht, dass er leichtsinnig wird: „Ein Mine ist nun mal darauf programmiert, zu explodieren.“

          Ein Räumer braucht Geduld, gute Nerven und ein ruhiges Händchen

          Den Respekt davor sollte ein guter Räumer nie verlieren, warnt er. Ein gesundes Maß gehöre dazu, um konzentriert zu bleiben. „Wenn ich jetzt allerdings die ganze Zeit denke: 'Oh Gott, das Ding geht gleich hoch‘ lenkt mich das auch ab.“ Wer Kampfmittel beseitigt, braucht Geduld, gute Nerven und ein ruhiges Händchen. Humanitäre Einsätze seien allerdings weniger anstrengend. „Beim militärischen Räumen ist der Zeitdruck viel größer“, erklärt Masche. Weniger Zeit, um sich mit dem scharfen Geschütz auseinanderzusetzen. Mehr Druck, der fatale Fehler wahrscheinlicher macht.

          Was bei humanitären Einsätzen eher an die Substanz gehe, sei der klassische Lagerkoller: „Gerade in Afrika musst man schon eine starke Psyche haben, wenn man wochenlang nichts anderes siehst als Sand, Gras und ab und zu mal eine Hyäne“, erzählt der Minenräumer. Ein gutes Team, auf das er blind vertrauen könne, sei dann bei der Freizeitgestaltung genauso wichtig, wie bei beim Minenentschärfen. „Man muss aber auch gut für sich allein sein können.“

          „Wir waren keine Heilsbringer, sondern bunte Vögel“

          Masche ist auf kleinen Umwegen zu seinem heutigen Job gekommen: Nach dem Fall der Mauer scheidet er auf eigenen Wunsch aus der Armee aus. Er beginnt Umwelttechnologie zu studieren, wechselt dann über zu Jura, aber: „Das war alles nicht so prickelnd.“ Er legt ein Urlaubssemester ein, lässt sich zum humanitären Kampfmittelräumer ausbilden. 1992 geht er für die Hilfsorganisation „Cap Anamur“ nach Angola.

          Sein erster humanitärer Einsatz wird zu einer großen persönlichen Enttäuschung: „Ich dachte, die Menschen fallen mir vor Freude um den Hals, weil ich komme, um ihnen zu helfen.“ Doch die Realität verpasst seinem Idealismus einen ordentlichen Tritt: „Im Leben der Menschen war kein Platz für Dankbarkeit. Die haben dort ums nackte Überleben gekämpft.“ Schnell macht er deshalb auch unschöne Bekanntschaft mit Diebstahl und Betrug: „Wir waren für die Menschen keine Heilsbringer, sondern eher bunte Vögel.“

          Er rettet Leben - bloß mit weniger Idealismus, als früher

          Ernüchtert bricht Masche den Einsatz ab, kehrt nach Deutschland zurück und nimmt sein Studium wieder auf. Doch die Bilder von Armut und Elend, von den vielen Menschen ohne Arme oder Beine, lassen es noch sinnloser erscheinen, als zuvor. Endgültig wird ihm klar, was er wirklich will: Kampfmittel räumen, Leben retten - bloß mit weniger Idealismus. „Ich habe mir damals eine gewisse Abgeklärtheit zugelegt. Wenn man keinen Dank mehr erwartet, ist es leichter“, sagt er heute.

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