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Minenräumer Frank Masche „Wenn der Respekt fehlt, höre ich auf“

12.06.2010 ·  Seit fast 20 Jahren entschärft Kampfmittelexperte Frank Masche in aller Welt das schmutzige Erbe von Krieg, Gewalt und Hass. Ohne Furcht wäre ihm dabei schon längst ein tödlicher Fehler unterlaufen.

Von Eva Heidenfelder
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„Im Film gibt es immer zwei Drähte. Der Held muss sich zwischen rot und grün entscheiden, um die Welt zu retten. Die Realität sieht anders aus.“ Frank Masche lacht. Er ist eine Frohnatur, hat immer einen Scherz auf den Lippen. Ein Kumpeltyp, der sofort das „Du“ anbietet. Das lässt er sich nicht nehmen - obwohl er seit fast zwei Jahrzehnten sieht, zu welch perfider Grausamkeit Menschen fähig sind.

Ohne seinen Optimismus könnte er den Job kaum machen. Denn er räumt weg, was der Hass nach Kriegen übrig lässt. Tretminen, die Menschen sonst die Gliedmaßen zerfetzen. Scharfe Streumunition, die Kinder für Spielzeug halten könnten. 250-Kilo-Bomben, die bei einer Detonation alles im Umkreis von gut 40 Metern töten.

„Eine Mine ist darauf programmiert, zu explodieren“

Was Masche macht, klingt brandgefährlich. Eine falsche Handbewegung, und er fliegt in die Luft - so stellt sich der Laie seine Arbeit vor. Ein gewisses Berufsrisiko gesteht der Minenräumer ein: „Es ist aber auch nicht größer als bei jedem anderen Job, der mit gewissen Gefahren behaftet ist, etwa der eines Starkstromelektrikers oder eines Fernfahrers.“ Wer sein Handwerk beherrscht, macht keine falsche Bewegung.

Masche, Jahrgang 1968, ist in der ehemaligen DDR groß geworden. Nach Kindheit und Jugend in Berlin bekommt er als Pionier bei der Nationalen Volksarmee zum ersten Mal Kontakt mit Minen und Sprengstoff, wird Gruppenführer im Spreng- und Sperrdienst. Seine intensive Ausbildung und seine langjährige Erfahrung hätten sein Risiko deshalb auf „ein akzeptables Maß schrumpfen lassen“, sagt er. Das heißt nicht, dass er leichtsinnig wird: „Ein Mine ist nun mal darauf programmiert, zu explodieren.“

Ein Räumer braucht Geduld, gute Nerven und ein ruhiges Händchen

Den Respekt davor sollte ein guter Räumer nie verlieren, warnt er. Ein gesundes Maß gehöre dazu, um konzentriert zu bleiben. „Wenn ich jetzt allerdings die ganze Zeit denke: 'Oh Gott, das Ding geht gleich hoch‘ lenkt mich das auch ab.“ Wer Kampfmittel beseitigt, braucht Geduld, gute Nerven und ein ruhiges Händchen. Humanitäre Einsätze seien allerdings weniger anstrengend. „Beim militärischen Räumen ist der Zeitdruck viel größer“, erklärt Masche. Weniger Zeit, um sich mit dem scharfen Geschütz auseinanderzusetzen. Mehr Druck, der fatale Fehler wahrscheinlicher macht.

Was bei humanitären Einsätzen eher an die Substanz gehe, sei der klassische Lagerkoller: „Gerade in Afrika musst man schon eine starke Psyche haben, wenn man wochenlang nichts anderes siehst als Sand, Gras und ab und zu mal eine Hyäne“, erzählt der Minenräumer. Ein gutes Team, auf das er blind vertrauen könne, sei dann bei der Freizeitgestaltung genauso wichtig, wie bei beim Minenentschärfen. „Man muss aber auch gut für sich allein sein können.“

„Wir waren keine Heilsbringer, sondern bunte Vögel“

Masche ist auf kleinen Umwegen zu seinem heutigen Job gekommen: Nach dem Fall der Mauer scheidet er auf eigenen Wunsch aus der Armee aus. Er beginnt Umwelttechnologie zu studieren, wechselt dann über zu Jura, aber: „Das war alles nicht so prickelnd.“ Er legt ein Urlaubssemester ein, lässt sich zum humanitären Kampfmittelräumer ausbilden. 1992 geht er für die Hilfsorganisation „Cap Anamur“ nach Angola.

Sein erster humanitärer Einsatz wird zu einer großen persönlichen Enttäuschung: „Ich dachte, die Menschen fallen mir vor Freude um den Hals, weil ich komme, um ihnen zu helfen.“ Doch die Realität verpasst seinem Idealismus einen ordentlichen Tritt: „Im Leben der Menschen war kein Platz für Dankbarkeit. Die haben dort ums nackte Überleben gekämpft.“ Schnell macht er deshalb auch unschöne Bekanntschaft mit Diebstahl und Betrug: „Wir waren für die Menschen keine Heilsbringer, sondern eher bunte Vögel.“

Er rettet Leben - bloß mit weniger Idealismus, als früher

Ernüchtert bricht Masche den Einsatz ab, kehrt nach Deutschland zurück und nimmt sein Studium wieder auf. Doch die Bilder von Armut und Elend, von den vielen Menschen ohne Arme oder Beine, lassen es noch sinnloser erscheinen, als zuvor. Endgültig wird ihm klar, was er wirklich will: Kampfmittel räumen, Leben retten - bloß mit weniger Idealismus. „Ich habe mir damals eine gewisse Abgeklärtheit zugelegt. Wenn man keinen Dank mehr erwartet, ist es leichter“, sagt er heute.

Nur selten habe sich jemand bei ihm oder seinem Team für ihren Einsatz persönlich bedankt hat. „Wenn es passiert ist es dann aber umso schöner.“ Für viele Einheimische gehörten die tickenden Zeitbomben schon seit Jahrzehnten zu ihrem Alltag: „Wenn eine Mine hochgeht, ist das normal. Die Menschen sind abgestumpft, wurden zu oft enttäuscht.“ Oft wissen sie gar nicht, dass Masche und sein Team, das Feld, das sie bestellen, geräumt haben. „Ihr neues minenfreies Leben genügt mir als Dank“, sagt er.

Mit der ersten Bombe platzte ein Traum

Durch seine Arbeit ist Masche zum Globetrotter geworden. In den letzten 18 Jahren hat er schon in Afghanistan, im Sudan, in Vietnam, im Irak, in Guatemala oder in Kroatien gelebt und gearbeitet. 2002 fängt er bei der „Mines Advisory Group“ an, seit einem Jahr sitzt er für die Nichtregierungsorganisation auf Sri Lanka „im Busch“, wie er augenzwinkernd in seinem Status bei Skype vermerkt hat. Alle drei Wochen reist er von dort in die Hauptstadt Colombo, wo seine Frau Anja und die Kinder Greta (7) und Erik (3) leben. Er ist glücklich, dass er sie mitnehmen konnte. Es ist der zweite Auslandseinsatz, bei dem sie dabei sind, der erste mit dem Jungen. „Vorher war Greta noch zu klein und ich war meist in Ländern unterwegs, in denen die Sicherheitslage zu schlecht war.“

Für die erste gemeinsame Zeit sucht Masche sich 2006 ein scheinbar friedliches Land heraus: den Libanon. Sechs Jahre sind vergangen, seit sich israelische Truppen aus dem Süden des Landes zurückgezogen haben. Das Klima ist traumhaft, die Wohnung der Familie im südlibanesischen Tyrus hat Meerblick, auf den Minenräumer warten technisch anspruchsvolle Aufgaben. Doch nach sechs Wochen platzt der Traum, als die erste Bombe einschlägt: Israel antwortet auf die Entführung zweier Soldaten durch die radikal-islamische Hizbullah mit Luftangriffen über dem Südlibanon.

„Wir werden nie so schnell sein, wie die Krieger

Die Familie flüchtet in ein Hotel nach Beirut, um auszureisen, die Bomben fallen mittlerweile auch über dem Süden der Hauptstadt: „Vom Fenster aus konnten wir die Einschläge in ein paar Kilometern Entfernung sehen“, erinnert sich der Minenräumer. Erst nach einer bangen Woche kann die Familie den Libanon verlassen. Drei Wochen später kehrt Masche allein zurück, um wegzuräumen, was der erste Krieg, den er mit eigenen Augen gesehen hat, hinterlassen hat. Als sich die Lage wieder entspannt, kommen auch Anja und Greta zurück, die Masches bleiben bis 2009, Erik kommt 2007 zur Welt.

Auf Sri Lanka beseitigt Masche nun die Überreste der Auseinandersetzungen zwischen den tamilischen Rebellen und der Regierung, die im Mai 2009 beendet wurden, und fast zwei Jahrzehnte gedauert hatten. Seine Frau hält ihm den Rücken frei, wofür er ihr sehr dankbar ist: „Sie hat eindeutig das schmutzige Ende des Stocks in der Hand“, beschreibt er sein Familienleben unverblümt. Besonders für Tochter Greta ist es schwer, ihren Papa nicht immer bei sich zu haben. „Sie versteht ja noch nicht richtig, was ich eigentlich mache“, erzählt Masche. Wie lange die Familie noch bleiben will? „Das wissen wir noch nicht“ sagt Masche. Zu tun hat er genug: „Wir Räumer werden nie so schnell sein, wie die Krieger.“ Nach Sri Lanka geht es vielleicht in ein anderes Land der Erde.

Für die DDR hätte er Minenfelder auch legen müssen

Das Herumreisen hat viel Schönes: „Man sieht fremde Kulturen, sieht Weltpolitik da, wo sie passiert, ohne Partei zu ergreifen.“ Die Neutralität seiner Einsätze ist ihm wichtig: „Ich gebe Menschen ihren Lebensraum zurück, damit sie ihre Felder wieder bestellen, sich eine Existenz aufbauen können - nicht mehr und nicht weniger.“ In der NVA hat Masche Ende der achtziger Jahre auch gelernt, Minenfelder nicht nur zu räumen, sondern auch sie zu legen: „Ich war jung, habe den Auftrag der Armee nicht hinterfragt, war scharf darauf, mein Wissen einzusetzen.“

Heute ist er „natürlich heilfroh“, dass er durch den Zusammenbruch der DDR sein Können nie einsetzen musste, um zu töten. Mit dem, was Frank Masche tut, rettet er Leben. „Ich gehe abends mit dem Gefühl ins Bett, etwas Sinnvolles getan zu haben“, sagt er. Er müsse sich dafür aber nicht ständig selbst auf die Schulter klopfen. „Ich bin kein Superheld“, sagt er selbstironisch. Seinen Job will er machen, so lange er noch eine ruhige Hand hat - und eine gesunde Portion Respekt: „Wer den nicht mehr hat, muss aufhören.“

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