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Millionenraub in Paraguay : Ein Raubüberfall, der an Krieg erinnert

Polizisten und Prosegur-Wächter untersuchen am Montag in Ciudad del Este die Überreste des Lagers eines Geldtransport-Unternehmens, das von mehr als 60 schwerbewaffneten Verbrechern angegriffen wurde. Bild: dpa

Hinter dem brutalen Millionenraub in Paraguay steckt wohl Brasiliens größtes Verbrecherkartell. Seinen Einfluss in Südamerika baut es immer weiter aus.

          Der Jahrhundertraub von Ciudad del Este in Paraguay vom Montag trug eine klar erkennbare Handschrift – eine brasilianische. Genauer gesagt: Es war die Handschrift des brasilianischen Verbrecherkartells „Primeiro Comando da Capital“ (PCC). Bei der Hauptstadt, welches das „Erste Kommando“ in seinem Namen führt, handelt es sich um die Wirtschaftsmetropole São Paulo, Regierungssitz des gleichnamigen Bundesstaates im Südosten Brasiliens. Im Gefängnis von Taubaté, etwa 140 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt São Paulo gelegen, wurde das PCC 1993 gegründet. Heute schickt sich das mächtigste Kartell Brasiliens mit geschätzten 13000 Mitgliedern an, seinen Einfluss in den Nachbarländern Bolivien, Kolumbien und Paraguay weiter zu vertiefen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Wie das PCC dabei vorgeht, bekamen die Bewohner von Ciudad del Este im Südosten von Paraguay in der Nacht zum Montag zu spüren. Etwa 50 schwer bewaffnete PCC-Kriminelle aus Brasilien begannen gegen halb ein Uhr morgens eine Operation, die eher einer Militäraktion glich als einem Überfall.

          Die Kommandos, die mit teils gepanzerten Autos aus Brasilien nach Paraguay gekommen waren, griffen mit Sturmgewehren und Sprengsätzen gleichzeitig das Polizeipräsidium, das regionale Regierungsgebäude und den Sitz des internationalen Geld- und Werttransportunternehmens Prosegur an. Zudem steckten sie ein gutes Dutzend Autos an verschiedenen Orten der Stadt in Brand.

          Ein Fahrzeug brennt am in Ciudad del Este. Wie die Behörden erklärten, sollen die Gangster die Autos in denen sie geflohen sind, verbrannt haben.

          Mit den Angriffen und Brandstiftungen lenkten die Kommandos von ihrem eigentlich Angriffsziel ab: dem Tresorraum beim Sitz von Prosegur. Den Weg dorthin sprengten sich die Angreifer vom PCC frei. Das Gebäude wurde dabei völlig zerstört, auch umliegende Häuser wurden beschädigt. Zwei Stunden lang waren im gesamten Stadtgebiet Schüsse und Detonationen zu hören. Gouverneur Justo Zacarías sagte, in Ciudad del Este habe „Chaos und Terror“ geherrscht. Ein vergleichbares Verbrechen habe es in Paraguay noch nicht gegeben. Präsident Horacio Cartes mobilisierte das Militär, das die Flucht der Bande aber nicht verhindern konnte. Der brasilianische Präsident Michel Temer sagte den Behörden des Nachbarlandes umfassende Hilfe bei der Aufklärung des spektakulären Verbrechens zu.

          Über den Umfang der Beute gibt es keine offiziellen Angaben der Behörden. Auch Prosegur äußert sich bisher nicht zur Schadenshöhe. Nach Medienberichten erbeuteten die PCC-Kommandos umgerechnet zwischen 30 und 40 Millionen Dollar. Mit Autos und später mit Schnellbooten setzten sich die Verbrecher über den Grenzfluss Paraná nach Brasilien ab. In Ciudad del Este hinterließen sie eine Spur der Verwüstung. Auch fünf Fahrzeuge mit brasilianischen Kennzeichen ließen sie zurück, in denen die Ermittler Gewehre und Munition, sieben Kilogramm Sprengstoff und zahlreiche schusssichere Westen fanden. Auf paraguayischer Seite wurde ein Polizist erschossen, fünf weitere Menschen wurden verletzt.

          Am frühen Montagmorgen konnte die inzwischen von Paraguay alarmierte brasilianische Polizei nahe Itaipulandia, am Ostufer des Paraná-Flusses etwa 90Kilometer nördlich von Ciudad del Este gelegen, eine Gruppe von acht PCC-Banditen stellen. Bei dem Schusswechsel mit der Polizei kamen drei der Tresorräuber um, fünf Kriminelle konnten festgenommen werden. Auch ein Teil der Beute wurde sichergestellt.

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          In den vergangenen Monaten hat das PCC, das auch über Luftabwehrwaffen und Mörser verfügen soll, bei vergleichbaren koordinierten Kommandoaktionen mit Dutzenden Kriminellen in verschiedenen Städten im Bundesstaat São Paulo Banken und Geldtransportunternehmen überfallen.

          Brasilianische Medien berichteten am Dienstag zudem, die Polizei habe einen geplanten Überfall mit schweren Waffen auf ein Gefängnis im Bundesstaat São Paulo zur Befreiung des dort einsitzenden Kartellbosses Marcos Willians Herbas Camacho, genannt Marcola, vereitelt. Das PCC weitet seit Monaten sein Einfluss- und Operationsgebiet aggressiv aus. In Brasilien liefert man sich einen blutigen Kampf mit verfeindeten Kartellen im Bundesstaat Rio de Janeiro und im Norden des Landes. In den westlichen und nordwestlichen Nachbarländern kämpft das PCC um die Kontrolle über Schmuggelrouten für Kokain in die Metropolen Brasiliens sowie an die Atlantikküste zum Weitertransport nach Europa und Nordamerika.

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