18.01.2010 · Michelle Obama hat ihre Probezeit bestanden. Ob die Präsidentengattin mit ihren wohltrainierten Oberarmen im ersten Amtsjahr auch genug bewegt hat, darüber sind die Amerikaner uneins. Es fehlt ein sozialpolitisches Thema.
Von Christiane HeilIhren Oberarmen hat Michelle Obama viel zu verdanken. Schon bevor sie als First Lady ins Weiße Haus einzog, hievte ihr wohltrainierter Bizeps sie mit spielerischer Leichtigkeit auf die Titelseiten von „Newsweek“ und „More“, wo die Frau des demokratischen Präsidentschaftskandidaten auch ohne viele Worte ein Statement machte. Während ihr Mann die amerikanischen Wähler noch allabendlich durch fast endlose Reden und tausendfaches Händeschütteln von „hope“ und „change“ überzeugen musste, verhießen die meist unverhüllten, muskulösen Arme der Kandidatengattin schon frischen Wind für Washington: freudiger Aktionismus, kombiniert mit Selbstdisziplin, ein bisschen Glamour à la Hollywood und vor allem mehr Sexappeal als sämtliche Administrationen seit Kennedy zusammen.
Dass die Kleiderwahl der „Mrs. O“ keine bloße Entscheidung für einen Modestil oder Designer darstellte, müsste den Amerikanern spätestens im Herbst 2008 aufgefallen sein. Bei dem Fotoshooting für das Titelbild von „More“ verblüffte Michelle Obama mit ihren apodiktischen Vorstellungen selbst Lesley Jane Seymour, die nicht gerade zimperliche Chefredakteurin des amerikanischen Magazins für die Frau über vierzig. Als Seymour sich später im Internet ausweinte, fielen hässliche Worte wie „schizophren“ und „Diktat“. Statt sich beim Shooting in ihrer Heimatstadt Chicago in der üblichen Abendrobe in Pose setzen zu lassen, nutzte Obama die Gelegenheit, auf den 1,2 Millionen Exemplaren der Zeitschrift ihre eigene Botschaft als zukünftige First Lady ins Land zu schicken. Statt auf Seymours Kleidervorschläge einzugehen, präsentierte sie sich in einem ärmellosen, grell pinken Etuikleid der Designerin Maria Pinto.
Selbsternannte „Mom-in-Chief“
Femininer Schnitt, mütterliche Seidenschleifchen und bare Oberarme: Dies ist das modegewordene Programm Michelle Obamas auch ein Jahr nach der Amtseinführung ihres Mannes. Ob sie mit ihren wohltrainierten Oberarmen seit dem 20. Januar 2009 in Washington auch genug bewegt hat, darüber sind die Amerikaner uneins. Nach allzu lautstarken Wortmeldungen während des Wahlkampfes ihres Mannes und darauf folgenden Vorwürfen aus dem Lager der Republikaner war in den vergangenen zwölf Monaten zu Themen wie Gesundheitsreform und Versorgung von Militärangehörigen von ihr vergleichsweise wenig zu hören. Als selbsternannte „Mom-in-Chief“ hat die Juristin mit Harvard-Abschluss ihren Töchtern Sasha und Malia zwar die Eingewöhnung an der Pennsylvania Avenue erleichtert, Tausende von Besuchern in das Weiße Haus eingeladen und in glamourösen Roben am Arm ihres Mannes gestrahlt, zur Enttäuschung vieler aber noch keinem sozialpolitischen Thema durch ihre Prominenz zu mehr Aufmerksamkeit verholfen.
„Obwohl die Rolle der First Lady nicht klar definiert ist, wird von ihr heute erwartet, dass sie sich auch politisch einsetzt“, meint Myra Gutin, die seit dreißig Jahren an der Rider-Universität in New Jersey das Zusammenspiel der amerikanischen Präsidenten und ihrer Partnerinnen untersucht. „Michelle Obama hat sich noch nicht auf ein Thema konzentriert, aber sie ist auch erst ein Jahr im Amt.“ Als ersten Schritt in diese Richtung wertet Gutin das Engagement der First Lady für den etwa hundert Quadratmeter großen Küchengarten, den die Präsidentengattin im Frühjahr gemeinsam mit einer Washingtoner Schulklasse neben der Schaukel ihrer Töchter auf dem South Lawn angelegt hat.
Furore mit Blumenkohl und Rucola
In der Tradition des „Victory Garden“, den ihre Vorgängerin Eleanor Roosevelt während des Zweiten Weltkriegs an der Pennsylvania Avenue gepflanzt hat, zieht Obama dieser Tage vor dem Weißen Haus praktisch alles außer Roter Beete. Die kommt bei den Obamas nicht auf den Tisch, da der Präsident Rüben verabscheut. Mit dem ersten selbstgeernteten Salat, Blumenkohl und Rucola hat die First Lady aber im Sommer schon Furore gemacht. Wider Erwarten hat der Küchengarten ihr dabei auch die Möglichkeit für das lang vermisste sozialpolitische Engagement gegeben. Als zur Ernte einige Schulklassen aus Washington eingeladen wurden, brachte die First Lady ihnen vor einer Schar von Fotografen und Kamerateams gleich etwas über organische Anbauweisen und gesunde Ernährung bei. Jetzt erwartet Michelle Obama eine Art erzieherischen Schneeballeffekt. „Ich hoffe, dass die Kinder die neuen Erfahrungen in ihre Familien tragen, die sie dann in ihren Gemeinden verbreiten“, meldete die Präsidentengattin, die mittlerweile neben ihren durchtrainierten Oberarmen auch für ihren grünen Daumen gelobt wird.
Während Michelle Obama sich mit ihrem sozialpolitischen Einsatz noch etwas schwertut, hat sie bei ihren repräsentativen Verpflichtungen fast ausnahmslos brilliert. Zu den Höhepunkten ihres ersten Jahres zählt sicherlich der Besuch im Buckingham Palace im Frühjahr, bei dem sie sich entgegen des strengen britischen Protokolls plötzlich Arm in Arm mit der Queen wiederfand. Wer wem zuerst näher gekommen ist, wird auch Monate später noch heftig diskutiert. In den Vereinigten Staaten hat die Begegnung mit Königin Elizabeth Obama aber trotz des zeremoniellen Fauxpas nur Pluspunkte beschert, da sie die eher spröde Monarchin ganz offensichtlich mit ihrer Herzlichkeit anstecken konnte.
Dass die First Lady während der ersten zwölf Monate im East Wing zu einer weltberühmten Celebrity avanciert ist, zeigte auch der Besuch einer Londoner Schule für Mädchen aus einkommensschwachen Familien. Vor dem Gebäude hatten sich Hunderte junger Schülerinnen versammelt, die Michelle Obama mit Freudentränen in den Augen begrüßten und vor Begeisterung die eigens aufgestellten Barrikaden niedertrampelten. Keine Boygroup hätte mehr Herzen höher schlagen lassen können.
Enge Partnerschaft und Konkurrenz
Gerade bei jungen Mädchen gilt die First Lady, die an diesem Sonntag ihren 46. Geburtstag feiert, als respektiertes Vorbild. In einfachsten Verhältnissen im ärmlichen Süden von Chicago aufgewachsen, schaffte sie als Schwarze den Sprung an die „weiße“ Eliteuniversität Princeton und schließlich an die juristische Fakultät von Harvard. Nach Abschluss des Studiums fand sie eine Stelle bei einer renommierten Kanzlei in Chicago, bei der ihr im Sommer 1989 ein ehrgeiziger Hospitant aus Hawaii anvertraut wurde. Als Barack Obama sie mit einem trockenen „Ich glaube, wir sollten zusammen ausgehen“ zu einer Gemeindesitzung im Keller einer Kirche einlud, war die 25 Jahre alte Michelle fasziniert. Heute pflegen die Obamas in ihrer Ehe eine enge Partnerschaft wie auch eine gewisse Konkurrenz. Wie Michelle Obama in einem Interview erzählte, habe sie ihre kräftigen Oberarme genau genommen Barack zu verdanken. Als er nach der Geburt von Tochter Malia weiterhin mehrmals in der Woche ins Fitnessstudio ging, während Michelle Obama mit dem Baby zu Hause saß, überließ sie ihm schließlich das Füttern der Kleinen und begann zu trainieren.
Mit ihrer unkomplizierten Art eckt sie aber auch immer wieder an, besonders wenn es um den Präsidenten geht. Als Michelle Obama nicht ganz diplomatisch von verstreuten Socken und morgendlichem Mundgeruch ihres Mannes erzählte, wurde sie in den amerikanischen Medien zerrissen. Es scheint, als bevorzugten die Amerikaner bei ihrem First Couple auch heute noch ein eher traditionelles Rollenverhältnis, das keine Kritik erlaubt. Diese Vorliebe hat wohl kein Ereignis des ersten Amtsjahres so eindrucksvoll gezeigt wie das „White House Christmas Special“ mit der Obama-Vertrauten Oprah Winfrey. Kaum hatte der Präsident vom Wirtschaftsaufschwung sowie von den Kriegen im Irak und in Afghanistan berichtet, durfte Michelle Obama etwas über ihren Hund Bo und das 350 Pfund schwere Lebkuchenhaus der Familie beitragen.
Mehr als Küchengarten und Kinder
Wie Meinungsumfragen zeigen, scheinen die Wähler ein zurückhaltendes Auftreten ihrer First Lady aber durchaus zu honorieren. Nach ihren umstrittenen Statements zu Gesundheitswesen und Kinderbetreuung während des Wahlkampfs zeigten sich nur 44 Prozent mit Michelle Obama zufrieden. Ihre bewusste Zurückhaltung bei brisanten Fragen hat ihr in den vergangenen Monaten dagegen überraschend die Zustimmung von bis zu 75 Prozent der befragten Amerikaner beschert. Trotz der berühmtesten Oberarme des Landes wird sich die First Lady aber auf Dauer kaum auf Küchengarten, Kinder und ihre Garderobe beschränken können. Vielleicht wollte ihr Talkmasterin Barbara Walters, die Michelle Obama gerade zur „Faszinierendsten Persönlichkeit 2009“ gekürt hat, mit der Begründung für den Preis schon einen Wink in diese Richtung geben: „Für ihre Arme und weil sie sich gerade anstrengt, ein bisschen mehr zu sein als die Summe ihrer Körperteile.“