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Menschliche Natur Wie hältst Du's mit dem Sex?

17.12.2004 ·  87 Kalorien verbraucht ein Mann, wenn er einen BH mit dem Mund öffnet: Umfragen, nicht nur über die schönste Nebensache der Welt, verraten aber viel mehr, als nur den Kalorienverbrauch.

Von Michael Fritzen
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Deutsche essen auch im Winter gerne Eis. Geschenkekauf zu Weihnachten geht der Mehrheit auf die Nerven. Bei 78 Prozent der Deutschen erzeugen Renovierungsarbeiten ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Für die meisten Deutschen ist der Urlaub ein wahrer Jungbrunnen. Im vergangenen Jahr kauften 26 Prozent der Männer ihre Geschenke erst in der Woche vor dem Fest. Frauen wollen im Urlaub vor allem billig in der Sonne faulenzen. 72 Prozent der Deutschen ist es wichtig, die Wohnungseinrichtung gemeinsam auszusuchen. Café-Gäste trinken am liebsten Milchkaffee. Jede vierte Frau greift zu Schokolade, wenn sie sich für etwas belohnen will.

Das alles und viel, viel mehr wissen wir aus Umfragen. Wer Umfragen eine Zeitlang aufmerksam verfolgt und fleißig sammelt, erhält Antworten auf unzählige Fragen, sogar auf solche, die er sich niemals stellte. Und er verfügt schnell über einen unvergleichlichen Wissensschatz, aus dem er stets schöpfen kann, will er sich nun über das geistige Klima seiner Epoche und die Befindlichkeit seiner Mitmenschen klarwerden, in Gespräch und Small talk interessante Details beisteuern oder einfach sein Wissen vervollständigen.

27 Kalorien gegen BH-Öffnung

Gewiß, manche Leute fragen dennoch: „Cui bono?“ Sie halten bestimmte Umfragen für einen Fluch, wenigstens aber für Quark und Quatsch, die wesentlich dazu beitragen, den Informationsschrott unserer Tage zu vermehren. Wer so denkt, bedenkt aber nicht den Segen vieler auf den ersten Blick unerheblicher Erhebungen vor allem hinsichtlich der Sexualität, des neben dem Handy zweifellos wichtigsten Lebensinhalts.

Hier sind Umfragen fraglos unersetzlich. Zwar erfahren wir auch ohne sie eine Menge: Nehmen wir doch bei unseren täglichen Lektüren und Fernsehsitzungen auf, was Zuständige über diesen geheimnisvollen, schier unerschöpflichen Komplex Förderliches herausgefunden haben. Etwa daß Sex gesund und der allerbeste Streßkiller ist, eine Extraportion Hormone ausschüttet, das Bindegewebe stärkt, also straff und schön macht, daß er lebensverlängernd wirkt und vor allem verschlankt (so verbraucht der Mann stattliche 87 Kalorien, wenn er den BH der Partnerin mit dem Mund öffnet, und 26 Minuten Sex mit Orgasmus entsprechen einer halben Pizza).

Mehr in die Liebe investieren

Wir lernen, daß Sex gegen Einsamkeit, Frust und Verzweiflung wirkt und man aus all diesen Gründen mehr in die Liebe investieren sollte. Und wir sind selbstverständlich dankbar für all solche nützlichen, unermüdlich präsentierten Auskünfte und Tips, wie für den, daß man zärtliche Geständnisse nicht ins rechte, sondern ins linke Ohr flüstern sollte, weil sie dann besser im Gedächtnis haften und nicht zuletzt für den durchaus auch moralisch zu interpretierenden Hinweis, daß bei außerehelichem Sex die Gefahr eines Herzinfarkts größer ist als sonst.

Aber erst, was da mittels Umfragen zutage kommt, ist ja richtig aus dem Leben gegriffen. Nur das kann man unter den Gesichtspunkten existentieller Orientierungshilfe, tragfähiger Daseinsmuster, positiver Verhaltenssteuerung, Sinngebung und Anregung betrachten. Die folgenden, bunt gewürfelten und lose aneinandergereihten, aufs Wesentliche reduzierten Beispiele aus unserer Sammlung - aus der ansehnlichen Fülle sind nur die signifikantesten ausgewählt - sprechen für sich.

BMW-Fahrer haben öfter Sex

Vorangestellt sei dieses grundlegende und alles Weitere zusammenfassende Umfrageergebnis: Sexualität bleibt lebenslang ein wichtiges Thema. Doch nun endlich zu einigen Details: Männer entspannen beim Sex, Frauen lesen zum Relaxen lieber ein Buch. Eine Nacht mit einem Fremden kann das ganze Leben aus den Angeln heben. BMW-Fahrer haben öfter Sex als Fahrer aller anderen Automarken. Die Mehrheit der Männer und Frauen zwischen zwanzig und vierzig hatte bislang einen bis fünf Sexpartner. Fast jeder zweite hat schon einmal Sex in der Öffentlichkeit gehabt (Auto, Zug, Flugzeug, Strand, Aufzug, Park).

Immer nur Sex im Bett finden die meisten langweilig, es dürfe ruhig auch mal der Küchentisch sein. Franzosen haben mehr Sex als die Einwohner von vierzig anderen Ländern. Jeder dritte Autofahrer hat Sexphantasien, wenn er im Stau steht. Je besser die Wirtschaftslage, desto größer ist die Lust auf Sex. Die Mehrheit der Deutschen hat Frust mit der Lust. 44 Prozent der Männer täten es gerne mal auf einem Boot. Jugendliche Handynutzer haben mehr Sex als Handyabstinenzler. Jeder dritte Mann bis Vierzig möchte am liebsten öfter als dreimal pro Woche Sex mit seiner Partnerin.

Bayerisch der erotischste Dialekt

Wir sind noch nicht am Ende: Die durchschnittliche Vorspieldauer liegt weltweit bei 19,7 Minuten. Eine beträchtliche Anzahl von Männern liebt Fußball mehr als Sex. Der erste Kuß sagt alles über die Qualitäten als Liebhaber (nasse Erstküsse deuten auf einen unerfahrenen, übereifrigen Mann hin). Die meisten Frauen sagen nein zum Sex mit dem Ex. Jeder vierte hat nach dem Urlaub besseren Sex. Männer wechseln häufiger ihre Freundin, bevor sie sich auf eine feste Partnerin festlegen. Der Beruf des Piloten hat am meisten Sex-Appeal.

Für die Mehrheit der Deutschen ist Bayerisch der erotischste Dialekt. Die meisten wollen im Bett nicht zu viele Worte verlieren. Frauen stören an ihren Partnern vor allem ungepflegte Füße, aber auch Haare auf dem Rücken finden sie nicht animierend. Weitere Lustkiller sind für sie umherliegende schmutzige Unterwäsche, Pin-up-Poster und Mutters Foto am Bett. Wenn sich Frauen zwischen Einkaufen und Sex entscheiden müssen, wählen die meisten das entspannte Shopping. Und schließlich: Zwischen Ost- und Westdeutschen gibt es kaum Sex.

Fakten zur Kenntnis nehmen

Derartige Frage-und-Antwort-Spiele seien großenteils banal, schwachsinnig und überflüssig, sie seien eine Landplage, die nie versiegende, ja anschwellende Flut sexueller Binsenwahrheiten und nichtsnutziger Informationen sei nur dazu da, seichte Unterhaltungsbedürfnisse zu befriedigen. Oft gar würden diese erst erzeugt, um sie dann zu stillen. So schimpfen manche Leute.

Sie sollten sich aber einmal unvoreingenommen zwingen, die Fakten zur Kenntnis zu nehmen, sie auch mal untereinander in Beziehung zu setzen und sie vor allem unter den schon erwähnten Gesichtspunkten „Orientierungshilfe“, „Daseinsmuster“, „Sinngebung“, „Anregung“, aber durchaus auch als Anstoß zum Handeln zu betrachten, statt folgenlos Anstoß zu nehmen.

Ernsthafte Auseinandersetzung nötig

Wieviel vom Genannten könnte man in so manche befriedigende Tat umsetzen und an wie vielen Mißständen - wir haben sie nicht verschwiegen - wäre noch ernsthaft zu arbeiten. Auch sollten die Kritiker einmal probeweise eines der obengenannten prickelnden Details im Gespräch einfließen lassen. Das bewundernd gehauchte „ach, echt?“ vornehmlich der Zuhörerinnen brächte sie schnell von ihrer rigorosen Linie ab. Man muß das nur mal erlebt haben. Und zum Vorwurf der anschwellenden Flut ist zu bemerken, daß viele Auskünfte von gestern vielleicht schon heute nicht mehr stimmen, der Mensch steht stets im Wandel der Zeiten. Da muß man doch am Ball bleiben.

Umfragen der beschriebenen Art und deren Ergebnisse enthüllen ihren Sinn und Nutzen nicht immer unmittelbar, dazu muß man sich ernsthaft mit ihnen auseinandersetzen. Dann aber wird schnell deutlich - und das ist nun wirklich der Gipfel -, daß sie heute unbedingt zu einer das Wesentlichste nicht auslassenden Allgemeinbildung gehören. Und Basiswissen, entnehmen wir einer ganz aktuellen Umfrage, wird von der Mehrheit der Deutschen bewertet als - „sexy“. So schließt sich irgendwie der Kreis.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.12.2004, Nr. 295 / Seite 7
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