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Veröffentlicht: 06.06.2017, 09:42 Uhr

Social Media-Stars Lelis Traum von La La Land

Dank des Internets sind die schwäbischen Zwillingsschwestern Lisa und Lena, fast fünfzehn, in ihrer Altersgruppe weltberühmt geworden. Wie aber geht es nun weiter?

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© Patrick Slesiona Lisa (links) und Lena in Zahlen: Fast 15 Jahre alt, 11,1 Millionen Follower bei Instagram, 20 Millionen bei Musical.ly

Fünfzehn Minuten. So lange, sagte einst Andy Warhol, werde künftig jeder von uns weltberühmt sein. Nach Ablauf dieser Zeit, so die implizite Botschaft, wird sich die Menschheit schon wieder neuen, ähnlich kurzlebigen Phänomenen zugewandt haben. Es war 1968, als die Prognose, die ursprünglich vom Medientheoretiker Marshall McLuhan stammte, dank Warhol ihrerseits berühmt wurde. Es gab keine Hunderte Fernsehkanäle, kein Internet und keine Smartphones. Knapp fünfzig Jahre später sind es der Ablenkungen so viele, dass der Ruhm in noch kleinerer Währung zu haben ist. Manchen reichen dafür heute fünfzehn Sekunden.

Jörg Thomann Folgen:

Zu den beliebtesten Apps, die die Zehn- bis Vierzehnjährigen an ihre Smartphones fesseln, zählt seit einiger Zeit Musical.ly. Damit kann man seine eigenen Playback-Performances zu kurzen Ausschnitten bekannter Songs filmen, schneiden, visuell verfremden und mit seinen Freunden oder auch mit allen anderen teilen. Seither kennt die Internetwelt neben dem User und dem Poser, den man vor allem auf Instagram antrifft, auch den „Muser“. Die Dauer der Filmchen, welche die Muser produzieren und ins Netz stellen, liegt bei maximal fünfzehn Sekunden.

GUYS!Thank you so much for 20 Million Followers on musically !! Thank you so much for your support and your friendship!Wly♥️

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Ein solches Limit hat den angenehmen Nebeneffekt, dass sich nicht nur die Vorführung dieser Videos in überschaubarer Länge hält, sondern auch ein Filmwettbewerb, wie ihn an diesem späten Nachmittag die Oberschule Wathlingen als Höhepunkt einer Feier präsentiert. Sämtliche fünften bis zehnten Klassen der Schule aus dem Landkreis Celle treten im Musical.ly-Battle gegeneinander an, und zwar mit Variationen ein und desselben Songs: „Galway Girl“ von Ed Sheeran.

Auf der Leinwand in der vollbesetzten Aula laufen jetzt also siebenundzwanzig Mal fünfzehn Sekunden Ed Sheeran, was auch nicht schlimmer ist als die tagtägliche Dauerrotation des Briten im Radio – und sogar deutlich unterhaltsamer: Fröhliche Mädchen üben sich im Formationstanz, schlaksige Jungs hüpfen ungelenkt durchs Bild, eine Klasse zündet eine Konfettikanone. Die Schüler der 5b ziehen mit Ed-Sheeran-Masken an der Kamera vorbei.

46824543 © Patrick Slesiona Vergrößern Musical.ly for the masses: Smartphone-Videodreh in der Aula der Oberschule Wathlingen mit den Schülern als Statisten

Dass die beiden Überraschungsgäste, die eine junge Lehrerin in verschwörerischem Tonfall angekündigt hat, am heutigen Nachmittag lediglich die Sieger küren, statt selbst zum Wettkampf anzutreten, ist ein Glück für die Wathlinger Schüler, die ansonsten chancenlos wären. Zwar sind die Gäste ebenfalls Neuntklässlerinnen an einer ganz normalen Schule, doch in ihrem „Galway Girl“-Video taucht Sheeran nicht als Pappkamerad auf, sondern leibhaftig: Plötzlich reckt er grinsend seinen roten Schopf ins Bild.

Was für normale Muser unvorstellbar wäre, ist für Lisa und Lena fast schon Alltag. Die Zwillingsschwestern aus einer Stadt bei Stuttgart, die in zwei Wochen ihren fünfzehnten Geburtstag feiern, sind bei Musical.ly die größten Stars überhaupt. Dass sie, was von den Schülern noch keiner weiß, gleich die Sieger des Wathlinger Wettbewerbs ehren werden, ist ein bisschen so, als überreichte Mesut Özil den Pokal beim Turnier der örtlichen D-Jugend.

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