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Ein Vater, eine Mutter - Familien sehen heute häufiger anders aus

„Co-Parenting“: Neue Familienbande

Ein Vater, eine Mutter, Kinder – so sahen Familien lange Zeit aus. Heute werden oft bewusst andere Konstellationen ausprobiert. Wie funktionieren sie?

Text und Protokolle: CAROLIN WIEDEMANN
Fotos: WOLFGANG STAHR

Die bürgerliche Kleinfamilie ist schon lange passé. Heute sind Frauen Vorstandsvorsitzende und Bundeskanzlerinnen, Scheidungen normal, Patchwork-Familien auch, und wer es mag, liebt viele. Und seit Homosexuelle Kinder adoptieren dürfen und die Möglichkeiten der künstlichen Befruchtung entwickelt wurden, gibt es auch Regenbogen- und Inseminationsfamilien, wie es in der Familienforschung heißt.

Eine Geschichte aus „Frankfurter Allgemeine Quarterly“, dem neuen Magazin der F.A.Z.

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Neu ist ein Begriff, der ganze Internetseiten füllt: Co-Parenting. Manche nutzen ihn, wenn Mann und Frau sich zusammentun, um ein Kind zu bekommen, ohne dass sie sich lieben oder Sex miteinander haben wollen. Andere meinen damit, dass mehr Menschen für die Kinder verantwortlich sind als nur die beiden leiblichen Eltern. Es ist ein Oberbegriff für alle möglichen Arten, Kinder zu haben – jenseits der Kleinfamilie, jenseits von Vater, Mutter, Kind.

In der Wissenschaft wurde Co-Parenting in den Vereinigten Staaten schon in den späten sechziger Jahren verwendet, um die Unabhängigkeit der Elternschaft von der Ehe zu beschreiben. Wikipedia versteht darunter heute eine postmoderne Art, Kinder zu bekommen. Die Postmoderne war auch immer das Versprechen auf die Befreiung von allen Begrenzungen, gesellschaftlich und biologisch. Dass die Menschen den Begriff nun wählen für das, was sie ohnehin schon machen, und das mal Patchwork hieß, mal Regenbogenfamilie, zeigt die neue Lust auf diese Formen. Co-Parenting steht für ein neues Selbstverständnis: Die alternativen Familienmodelle gelten nicht mehr als Notlösung, sondern als selbstbestimmte, aus Überzeugung gewählte und gewünschte Lebensmodelle. Auch die Politik passt sich an: In den Niederlanden, wo sich Menschen mit Kinderwunsch seit ein paar Jahren auf Co-Parenting-Seiten im Internet treffen, sollen bald bis zu vier Menschen für ein Kind juristisch verantwortlich sein können, auch vier Männer etwa.

Diese Entwicklung macht manchen Angst. Konservative Kommentatoren sehen Co-Parenting als Ausdruck des allgemeinen Niedergangs, als das Ende der Familie. Familie heißt für die Forschung aber nur, dass eine Generationenbeziehung besteht, die ein besonderes Verbundenheitsgefühl umfasst: Der Nachwuchs braucht nicht das gleiche Genmaterial wie die Eltern zu haben, und die müssen kein Liebespaar sein und nicht Mann und Frau, um Kindern Geborgenheit und Vertrauen zu bieten und sie zu sozialen Wesen zu erziehen – Eltern müssen dafür wohl einfach selbst glücklich sein.

In den nächsten Kaptieln porträtieren wir Familien, die zeigen, wie der Zusammenhalt jenseits der bürgerlichen Ordnung funktioniert: Kinder, die zwei Mamas und zwei Papas haben, wie Nell und Mia, oder Mama und Papa, die Sex nicht miteinander, sondern mit anderen haben, wie Milla, eine ganze Müttergruppe, wie Tobias, oder eine Neuner-WG, wie Elsa.

Im Buch „Familienbande“ der Schweizer Soziologin Christina Caprez finden sich weitere Porträts. Verlag Limmat, Schweiz.


Nächstes Kapitel:

Heidi, Gaby und ...


Von links: Jeanne, ihr Sohn Martin, Heidi (sitzend), Gaby (stehend), Sohn Tobias (sitzend) und Lorenz

Heidi, Gaby und sieben mehr

Heidi Ensner wollte ihre Tochter anders großziehen, als es die patriarchale Gesellschaft in der Schweiz vorsah: In einer Müttergruppe.

Bern stellt man sich ganz idyllisch vor, doch im Sommer 1980 muss es ausgesehen haben wie Hamburg dieses Jahr: Barrikaden brannten, Schaufenster zerbarsten, während Polizisten Menschen niederknüppelten und mit Tränengas und Wasserwerfern in die Menge schossen. Offiziell forderten die Demonstranten nur ein eigenes Jugendzentrum, doch eigentlich ging es um viel mehr. Um Atomkraft und Asylpolitik, um die Revolutionen in Lateinamerika und um die Ablehnung der bürgerlichen Gesellschaft und damit auch um deren Keimzelle: die patriarchale Kleinfamilie, die Frauen als Mütter ganz in den Dienst von Mann und Kindern stellte.

BERN · Heidi Ensner, 65, Krankenschwester und Naturheilpraktikerin, schloss sich in den achtziger Jahren mit acht Frauen zusammen, um die Kinder gemeinsam aufzuziehen – ohne Ehemänner.

„Wir Frauen waren so schlecht gestellt. Wir mussten auf die Barrikaden“, sagt Heidi Ensner. Die 65-jährige Bernerin gründete Anfang der achtziger Jahre die erste Müttergruppe der Stadt, eine Gruppe, in der Frauen sich zusammenschlossen, um gemeinsam Kinder zu erziehen – ohne Männer.

Das Patriarchat machte auch vor linken Kreisen nicht halt: Der durchschnittliche Kapitalismuskritiker sah keinen Widerspruch zwischen dem Kampf gegen Ausbeutung und dem Wunsch nach einer Frau, die ihm das Essen serviert. Auf solche Männer wollten Ensner und ihre Freundinnen verzichten, auf Kinder dagegen nicht. Manche hatten schon welche, andere waren gerade schwanger. Aber keine wollte weiter mit dem Vater zusammenleben. Geheiratet hatte ohnehin keine. Sie diskutierten im Berner Autonomen Zentrum, wie sie Kinder und politischen Aktivismus vereinbaren konnten. „Es gab keine Vorbilder für Mütter, die ihre Kinder nicht an die erste Stelle setzen wollten“, sagt Ensner, deren Tochter Julia 1982 auf die Welt kam. Sie hängte ein Flugblatt aus: „Alleinerziehende Mütter wollen sich treffen“, stand darauf. Neun Frauen gründeten schließlich die Müttergruppe.


„Es gab keine Vorbilder für Mütter, die ihre Kinder nicht an die erste Stelle setzen wollten.“
Heidi Esner

Sie organisierten einen Kindergarten und eine Rechtsberatung für alleinerziehende Frauen. „Und vor allem wollten wir zusammenziehen. Von der städtischen Liegenschaftsverwaltung forderten wir ein Haus, damit wir zusammen wohnen konnten“, erzählt Ensner. Es war das erste Mal, dass alleinerziehende Mütter in Bern überhaupt Anspruch auf Unterstützung der Behörden stellten. Als ihr Antrag abgelehnt wurde, besetzten sie zum Protest immer wieder die Büros der Stadt und hängten ein Transparent aus mit der Aufschrift: „Traumhäuser statt Traumprinzen“. Sie bekamen schließlich vier Wohnungen, die nahe beieinanderlagen, und zogen jeweils zu zweit zusammen. „So konnten wir die Kinder hin und her schieben“, sagt Ensner. Die Kinder hätten es genossen, jeweils acht Quasi-Geschwister, vier Zuhause zum Spielen und die Zuneigung und Fürsorge von neun Erwachsenen zu haben. Außerdem seien sie selbst entspannter gewesen. Ohne die Unterstützung der Gruppe hätten die Frauen es sich nie erlaubt, ohne Kinder in die Ferien zu fahren oder eine Weiterbildung anzufangen. Alle waren berufstätig, als Pflegefachfrau, Lehrerin, Naturheilpraktikerin oder Psychologin. Ohne die Gruppe wären sie gegen die skeptischen Blicke im Viertel weniger immun gewesen. Heidi Ensner war mit Gaby und deren Sohn Tobias zusammengezogen. Jeden Sonntagabend trafen sich die neun Frauen, um zu besprechen, wer in der Folgewoche wann die Kinder betreute. Sie organisierten einen Mittagstisch und gründeten später den ersten privaten Kinderhort im Quartier.

Doch auch die Väter hatten Teil am Leben der Kinder. Grundsätzlich hätten auch sie schließlich Familienformen kritisiert, in denen die Frauen sich allein um die Kinder kümmern müssen, erzählt Ensner. Und doch war es ungewohnt für die Männer, Freiraum und Entscheidungsmacht abzugeben. Mit der Gruppe im Rücken sei es leichter gewesen, sie dazu zu bewegen, sagt Ensner. Diejenigen, die in Bern waren, schlossen sich schließlich zusammen, um jeden Montagabend auf alle Kinder aufzupassen.

Liebesbeziehungen hatten Ensner und die anderen Mütter alle parallel zu ihrer Wahlfamilie. Ensner verliebte sich bald nach der Gründung der Gruppe in Frauen. Als Jugendliche hatte sie das nicht zugelassen, hatte nicht einmal gewusst, dass es das gibt: Frauen, die Frauen lieben. Die Müttergruppe, in der sie so viele gesellschaftliche Normen in Frage stellten, gab ihr den Mut, sich nicht mehr anzupassen. Fortan hatte sie Liebesbeziehungen mit Frauen, Gaby mit Männern. Und doch kam es für beide nie in Frage, auseinanderzuziehen. Seit über 30 Jahren wohnen sie zusammen und treffen sich noch regelmäßig mit den anderen Frauen, die mittlerweile alle Enkel haben. Tobias und Julia stellen sich heute noch als Geschwister vor, und Tobias nennt Heidi Ensner seine zweite Mutter. „Und für seine Kinder bin ich die dritte Oma.“


Nächstes Kapitel:

Melanie, Joß, Lilli ...


Von links: Lilli, Roger, Martyna, Melanie, Krudi, Joß mit Elsa, Dani

Melanie, Joß, Lilli, Roger, Kurdi, Dani, Martyna, Sven und Peter

„Wir haben eine selbstgewählte Großfamilie.“ Melanie und Joß leben mit ihrer zweijährigen Tochter in einer neunköpfigen Wohngemeinschaft.

Melanie: Joß und ich hatten eine schöne Wohnung zusammen, aber wir waren dort nicht glücklich. Wir haben nicht nur verschiedene Vorstellungen von Ordnung und Sauberkeit, sondern auch unterschiedliche Rhythmen: Er steht als Zimmermann sehr früh auf, um auf Baustellen zu arbeiten, ich gehe erst später an die Uni oder arbeite von zu Hause aus. Dafür habe ich dann wiederum viele Abendtermine. Beide sind wir oft beruflich unterwegs, und das überschneidet sich leider selten. Einer war also immer wieder allein in der Wohnung. Wir liebten uns, merkten aber, dass wir so nicht leben wollten – erst recht nicht mit Kindern. Von Peter, den wir damals schon kannten, erfuhren wir, dass er und seine Neuner-WG zwei neue Mitbewohner suchten, weil zwei Frauen mit kleinen Kindern auszogen. Und dass sie sich über neue Kinder in der WG freuen würden. Uns war klar, dass das unsere Chance auf ein besseres Leben ist. Und das haben wir jetzt: Wir haben eine selbstgewählte Großfamilie. Die beste Voraussetzung, um Kinder zu bekommen.

Berlin · Melanie Stilz, 37, Beraterin und Forscherin im Bereich Informatik und Entwicklungszusammenarbeit, und ihr Freund Joß bekommen bald ein zweites Kind. Wie ihre erste Tochter Elsa soll es in der Neuner-WG aufwachsen.

Elsa war in den ersten Monaten noch stark auf Joß und mich bezogen. Spätestens mit einem halben Jahr änderte sich das, fortan ließ sie sich auch von den anderen ins Bett bringen oder füttern. Es findet sich auch immer jemand aus der WG, der sie aus der Kita abholt, wenn wir nicht können. Jeden Freitag machen das Lilli und Roger: Sie gehen mit ihr auf den Spielplatz oder unternehmen etwas anderes. Elsa hat viel Abwechslung: Dani, der Produktdesign studiert, baut mit ihr neue Welten auf, und Kurdi singt mit ihr. Joß und ich sind als Eltern trotzdem hauptverantwortlich, das würden wir auch nicht anders wollen. Doch mir bietet dieses Zusammenleben viel mehr Freiheiten, als andere Mütter sie meist haben. Als Elsa neun Monate alt war, bin ich nach Südafrika geflogen und wusste, dass sie gut versorgt ist – durch ihren Vater, aber eben mit Unterstützung der WG. Und jetzt war Elsa für vier Wochen in Süddeutschland bei ihren Großeltern. Joß hat dort in der Nähe gearbeitet und sie jedes Wochenende besucht. Unter der Woche war sie allein bei Oma und Opa. Das klappt so gut, weil sie es gewohnt ist, nicht nur Mama und Papa als Bezugspersonen zu haben.


„Außerdem muss ich nichts organisieren, um mein Sozialleben weiter aufrechtzuerhalten. In einem der Wohnzimmer sitzen immer Menschen, mit denen man sich unterhalten kann.“
MELANIE STILZ

Als berufstätige Eltern hat man ohnehin schon sehr viel zu tun. Da ist es erleichternd, dass hier der Kühlschrank voll ist, wenn ich nach Hause komme, und ein tolles Essen auf dem Tisch steht. Jeden Tag ist jemand anderes in der WG zuständig, einkaufen zu gehen und auch zu kochen. Wenn Joß und ich dran sind, kümmert sich natürlich jemand anderes um Elsa. Außerdem muss ich nichts organisieren, um mein Sozialleben weiter aufrechtzuerhalten. In einem der Wohnzimmer sitzen immer Menschen, mit denen man sich unterhalten kann. Ein Mitbewohner ist Kameramann und bringt tolle neue Filme mit. Der andere macht im Sommer Grillfeste auf der Dachterrasse. Weil alles so gut funktioniert, haben wir uns für ein zweites Kind entschieden. Auf dessen Geburt kann ich mich jetzt in Ruhe vorbereiten, denn Elsa fährt eine Woche in den Urlaub mit Lilli und Roger. Das liebt sie: Bei denen steht sie permanent im Mittelpunkt.


Nächstes Kapitel:

Christine und Gianni


Christine, Gianni und Milla

Christine und Gianni

Christine Wagner und Gianni Bettucci sind beide homosexuell und wollten beide ein Kind. Jetzt haben sie Milla.

Gianni: Seit meinem Coming-out mit 22 war mir klar, dass ich irgendwann ein Kind will. Ich sagte Frauen, mit denen ich befreundet war, schon damals: Falls ihr euren Traummann nicht trefft, stehe ich als Vater zur Verfügung. Mit 35 wusste ich, dass ich aktiver werden muss, damit es klappt. Ich wollte eine lesbische Frau finden, die gar nicht auf den Traumprinzen wartet. Auf Facebook sah ich eine Anzeige für ein Portal, das genau das macht: Menschen zusammenbringen, die Kinder wollen und dazu noch jemanden brauchen. Das war „Familyship“, das Portal von Christine.

Ich war damals Single. Die Frage, ob ich Kinder will, stellte sich für mich unabhängig von meinem Beziehungsstatus. Viele homosexuelle Paare wollen Kinder nach einem Modell, das dem romantischen Ideal der Familie entspricht. Das respektiere ich. Mir persönlich ist die Idee, ein Kind sei Frucht der Liebe, zu heteronormativ. Mir gefällt der pragmatische Zugang besser: Das Kind ist Frucht der Begegnung von Mann und Frau. Ich wollte eine neue Art von Familie gründen, die meiner Lebenssituation entspricht.

Berlin · Gianni Bettucci, 43, Manager einer Theatergruppe, und Christine Wagner, 35, Ärztin, haben sich über die Co-Parenting-Plattform „Familyship“ gefunden, die Wagner gegründet hat.

Die Anzeige von Christine und ihrer damaligen Freundin auf „Familyship“ sprach mich gleich an. Ich schrieb ihnen. Wir trafen uns zu dritt und waren uns sofort sympathisch. Christine und ich bauten dann ein Jahr lang eine Freundschaft auf, gingen zusammen aus, ins Kino, zum Essen, auf Partys. Nach einem Jahr war klar: Es passt zwischen uns, wir vertrauen einander. Also versuchten wir es zu Hause mit künstlicher Befruchtung – erfolgreich. Vor dreieinhalb Jahren kam unsere Tochter auf die Welt, die jetzt natürlich doch eine Frucht der Liebe ist, weil wir sie so sehr lieben.

Christine und ich stehen uns auch sehr nahe, wir sind eine Familie. Durch die Trennung von sexuellen Liebesbeziehungen und unserer Elternschaft ist vieles unkomplizierter: Unsere jeweiligen Erwartungen sind nicht alle auf eine Person konzentriert, wie es im romantischen Modell der Fall ist, in dem etwa der Mann toller Vater und Liebhaber zugleich sein muss.

Seit Milla auf der Welt ist, teilen wir uns ihre Betreuung 50/50 auf. Ich hatte schon 2009 zwei Wohnungen nebeneinander gekauft, um sie später potentiell zusammenzulegen. Ich wollte nicht so leben, wie es geschiedene Eltern tun: in zwei Wohnungen, und das Kind wird hin- und hergereicht. Aber es gibt bislang kaum Wohnungen oder Häuser, die neue Familienmodelle zulassen. Ein Freund, der Architekt ist, half mir, das zu realisieren: Christine und ich haben jetzt jeweils ein eigenes Reich, teilen aber in der Mitte eine große Küche und das Esszimmer, in dem Milla meistens spielt.

Es gibt so wenig Erzählungen von Familien jenseits der Vater-Mutter-Kind-Norm. Ich habe eine schwule Daddy-Gruppe gegründet, die sich einmal im Monat trifft, um Erfahrungen auszutauschen und jungen Männern, die Vater werden wollen, Mut zu machen.


„Ich wollte nicht so leben, wie es geschiedene Eltern tun: in zwei Wohnungen, und das Kind wird hin- und hergereicht.“
MAX MUSTERMENSCH

Milla kennt von Anfang an ganz verschiedene Konstellationen, die für sie alle gleich normal sind: Ihre beste Freundin hat Eltern, die sich küssen, Milla hat einen Papa, der andere Männer küsst. Sie weiß, dass Papa Männer liebt und Mama Frauen, aber das interessiert sie nicht. Kinder möchten sowieso nicht wissen, dass Eltern Sex haben. Für sie ist wichtig, dass wir zusammen in den Urlaub fahren und viel Zeit miteinander verbringen.

Christine: In meiner letzten langjährigen Beziehung entwickelten meine Freundin Miriam und ich beide einen Kinderwunsch. Ein anonymer Samenspender kam uns aber komisch vor, wir wollten gern einen aktiven sozialen Vater, am besten einen schwulen Mann, der auch mit uns exklusiv eine Familie gründet. In Gruppen für homosexuelle Menschen mit Kinderwunsch saßen aber viel mehr Frauen als Männer, und im Internet fanden wir nur Samenspender, die schrieben, wie hoch ihr IQ ist. Es hat uns gewundert, dass es noch kein Portal für solche wie uns gab. In den Vereinigten Staaten war das bereits anders: Da hieß das, wonach wir suchten, Co-Parenting. Deshalb bauten wir die erste deutschsprachige Website dazu, ähnlich wie ein schwarzes Brett für alle, die jemanden zum Kinderkriegen brauchen und keine Kleinfamilie wollen.

Auf unsere eigene Anzeige meldete sich Gianni, den wir gleich mochten. Aber darauf kann man ja nicht vertrauen, wir mussten erst herausfinden, ob unsere Werte und Moralvorstellungen zusammenpassen. Mein ursprünglicher Wunsch war, ein Kind mit meiner Partnerin zu haben. Doch Miriam und ich trennten uns ein paar Monate später. Erst da kam für mich die Frage auf: Können Partnerschaft und Elternschaft nicht ganz entkoppelt sein?

Allein juristisch hat es Vorteile, dass Gianni und ich beide als Single das Kind bekommen haben, weil das deutsche Gesetz bislang nur zwei Menschen als Eltern anerkennt. Gianni und ich haben mehr Freiheiten als andere Eltern. Für unsere Tochter stellen Liebesbeziehung keine Gefahr dar, an der Kernfamilie ändern sie nichts. Neue Partnerschaften können auch Teil der Familie werden, doch erst, wenn sich da wirklich etwas Ernstes entwickelt. Andauernd wechselnde Familienmitglieder will ich meiner Tochter nicht zumuten.


Nächstes Kapitel:

Sylvia, Markus, Johannes ...


Von links: Markus, Sylvia, Mia, Nell und Johannes

Sylvia, Markus, Johannes, Mia und Nell

Erst waren Sylvia und Markus ein Paar, dann Markus und Johannes. Und Mia und Nell haben mindestens drei Eltern.

Markus und Sylvia waren 13, als sie sich ineinander verliebten. Sie gingen auf dieselbe Schule, in der Nähe von Düsseldorf. Sie machten ihre ersten sexuellen Erfahrungen miteinander, wurden beste Freunde für einander und die große Liebe gleichzeitig. Zehn Jahre lang blieben sie ein Paar. Bis Sylvia sich trennte, weil sie sich neu verliebt hatte, in eine Frau. Für Markus war das erst schrecklich. Bis er sich traute, dazu zu stehen, dass auch er sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlte. Bald nach Sylvia hatte Markus sein Coming-out und erste schwule Affären, er zog nach Berlin, und der Groll war verflogen. Was beide wussten: dass sie einander verbunden bleiben und dass sie Kinder wollten.

Düsseldorf, Berlin · Sylvia, 53, Krankenschwester, und ihre Tochter Nell, 21, wohnen in Düsseldorf. Mia, 25, lebt in Berlin, wie die Väter Markus, 53, Kommunikationsberater, und Johannes, 51, Psychologe.

Das war damals in der schwulen Szene noch eine Ausnahme und in der lesbischen sowieso. Sollen sie denken, was sie wollen, fand Sylvia. Genauso selbstbewusst hatte sie auch die Trennung von Markus und ihre Liebe zu Frauen ihren Freunden und Eltern verkündet. Sylvia reiste also nach Berlin zu Markus, die beiden trafen sich und zeugten Mia. Sie hatten all die Jahre über auch eine erotische Beziehung gehabt; noch einmal Sex miteinander zu haben, war kein Problem. Sylvia reiste schwanger wieder ab und Markus lernte in einer Bar Johannes kennen. Er sagte ihm gleich, dass er Vater werden würde. Als Johannes später verstand, dass Markus nicht nur seinen Samen gespendet hatte, sondern selbst ein Kind aufziehen wollte, war er erschrocken, aber bereits zu verliebt, um sich zu trennen.

Mia kam in Düsseldorf auf die Welt und war von Anfang an die Hälfte der Zeit bei ihrem Vater in Berlin. Bei ihren Vätern, wie sie sagt. „Mein Papa ist schwul“, verkündete sie stolz, wann immer sich die Gelegenheit ergab. Und auch Johannes schloss Mia, entgegen seiner Befürchtungen, schnell ins Herz.

Ihre Mutter Sylvia hatte sich in der Zwischenzeit von ihrer ersten Freundin getrennt und war mit Mia in Düsseldorf allein. Sie wollte noch ein zweites Kind. Markus und Johannes fanden das eine gute Idee, Mia sowieso. Sylvia reiste wieder nach Berlin. Johannes ging mit Mia in den Zoo, und als sie zurückkamen, fragte Mia ihre Eltern, wo das Geschwisterchen sei. Das wurde dann per künstlicher Befruchtung gezeugt.


„Mein Papa ist schwul“, verkündete Mia stolz, wann immer sich die Gelegenheit ergab.
MAX MUSTERMENSCH

Während Sylvia mit der zweiten Tochter, Nell, schwanger war, verliebte sie sich in Susanne, die ebenfalls Lust auf Familie hatte. Mia war glücklich: Endlich war auch ihre Mama nicht mehr allein. Für Nell war Susanne von Geburt an eine zweite Mutter. Anders als ihre ältere Schwester wollte sie nicht nach Berlin – sie war ein Mutterkind, wie sie sagt. Doch je älter sie wurde, desto enger wurde ihr Verhältnis zu ihren Vätern. Als sie neun war, trennten sich ihre Mutter und Susanne voneinander. Der Verlust belastete alle, Susanne war schließlich Teil der Familie. Als sich Sylvia bald darauf wieder verliebte, war das vor allem für Nell schwierig, so wie es eben schwierig ist für Zwölfjährige, neue Partnerschaften der Eltern zu akzeptieren.

Mia zog ein paar Jahre später nach Berlin, um dort die Schule zu beenden und einmal ganz bei den Vätern zu wohnen. Doch sie ist weiterhin regelmäßig in Düsseldorf, weil sie sonst Mutter und Schwester zu sehr vermisst. Alle fahren gemeinsam in den Urlaub. Das letzte Mal waren Johannes, Markus und Sylvia mit Sylvias Eltern verreist, jetzt sollen die Töchter mit, aber ohne deren Freunde – das wünschen sich die drei Eltern.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly

Veröffentlicht: 28.09.2017 14:56 Uhr