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Zirkuspfarrer Für die zwischen Himmel und Erde

Weil Zirkusleute mit einem hohen Risiko leben, glauben viele besonders an eine höhere Macht. Der unkonventionelle Alltag der Artisten führt dazu, dass der Gottesdienst in der Manege abgehalten werden muss.

© Stefan Nolte Mit Klarinette: Zirkuspfarrer Ernst Heller in Monte Carlo

Gott liebt den Zirkus. Er muss ihn einfach lieben, anders kann es für Ernst Heller gar nicht sein. Denn Zirkus, so sagt der katholische Pfarrer aus Luzern, ist ein Stück Himmel auf Erden. „Halleluja“ begrüßt Heller immer die Artisten und Zirkusleute, wenn er die Zirkusse in der Schweiz besucht, um Kinder zu taufen, den Tiger-Nachwuchs zu segnen oder im Zirkuszelt eine Messe zu feiern. „Halleluja“ nennen sie ihn deshalb hier beim Zirkusfestival in Monte Carlo, „Bonjour, Abbé Halleluja“ grüßt Prinzessin Stéphanie von Monaco, die Präsidentin des Festivals, den stets fröhlichen Gottesmann.

Hans Riebsamen Folgen:

Heller führt die drei Dutzend Geistlichen aus mindestens einem Dutzend Religionsgemeinschaften an, die an diesem Abend zum traditionellen ökumenischen Gottesdienst in die Manege des 4.200-Mann-Zeltes einziehen. Nicht, weil der Zirkuspfarrer aus der Schweiz in der Kirchenhierarchie ganz oben steht, sondern weil er so meisterlich die Klarinette bläst. In Hellers Spiel fallen die Musiker der Garde des Fürsten Albert II. ein. „Christus ist unsere Hoffnung“, singen die Chöre der Kathedrale von Nizza und Cannes. Die katholischen Pfarrer, evangelischen Pastoren und orthodoxen Popen richten Fürbitten gen Himmel, und die beiden ukrainischen Artisten Shcherbak & Popov, Gewinner des Goldenen Clowns, stehen nach einem waghalsigen Salto des Obermanns wieder wie zuvor Hand auf Hand.

Ja, Gott muss den Zirkus lieben, wenn er auf diesen Gottesdienst in der Festival-Manege blickt. Artisten wie der französische Löwendompteur Kid Bauer oder die Navas-Hochseilläufer aus Südamerika haben bei diesem Festival wie bei jedem ihrer Auftritte Kopf und Kragen riskiert. Wer im Zirkus auftritt, balanciert an der Grenze des Möglichen. Ein vierfacher Salto vom fliegenden Trapez, wie er in diesem Jahr einer nordkoreanischen Artistin des Pjöngjang-Zirkus gelang, bedeutet immer Lebensgefahr.

Zirkuspfarrer versorgen die Gläubigen ambulant

Weil Zirkusleute mit einem hohen Risiko leben, weil sie, wie Pfarrer Heller sagt, zwischen Himmel und Erde schweben, spüren sie oft stärker als andere, dass ihr Leben in der Hand einer höheren Macht liegt. Nicht selten hat der Zirkuspfarrer aus der Schweiz es denn auch erlebt, dass ein Artist eines der vom Papst gesegneten kleinen Kreuze, die er unter seinen Zirkus-Schäfchen immer verteilt, mit in die Manege nimmt.

Im Dezember sind Pfarrer Sascha Ellinghaus, der von Dortmund aus die Zirkusse in Westfalen betreut, und sein Münchener Kollege Pater Paul Schäfersküpper mit 10.000 Zirkusleuten und Schaustellern aus Europa und Amerika auf Einladung von Papst Benedikt XVI. nach Rom gekommen. Mit ihnen fuhr Sonja Probst vom deutschen Zirkus Probst. Mit sieben Jahren ist sie zum ersten Mal auf dem Vertikalseil aufgetreten. Ihr Traum, eine Trapez-Künstlerin zu werden, wurde zunichte, als sie 15 war: Eine Fußschleife riss, und sie stürzte aus neun Metern in die Tiefe. Vier Wochen lag sie im Koma, 23 Operationen folgten. Sie tritt nun, schwerbehindert, als Clown „Lolli“ auf. „Ohne meinen Glauben würde ich heute nicht hier stehen“, sagte sie dem Papst.

Ins Raster der Amtskirchen passt das fahrende Volk nicht besonders gut, denn Zirkusleute, die heute hier und morgen dort sind, bilden keine Gemeinde, der Sonntag ist für sie ein Arbeitstag. Die Zirkuspfarrer bringen das Evangelium ambulant zu den Artisten. Ellinghaus hat hinten in seinem Kombi einen Tisch und zwei Stühle eingebaut, damit er bei seinen Besuchen eines Tournee-Zirkus ungestört die Beichte abnehmen oder ein Kommunionsgespräch führen kann. Privatheit ist rar, wenn man wie die Zirkusleute im Wohnwagen lebt. Heller fährt mit einem Wohnmobil durch die Lande, um die zwei Dutzend Zirkusse in der Schweiz am jeweiligen Vorstellungsort aufsuchen zu können.

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Ellinghaus hat im Hauptberuf fünf Gemeinden in Dortmund zu betreuen. 20 Prozent seiner Zeit, so ist es mit seinem Bischof verabredet, verwendet er auf die Zirkusse. Viel ist das nicht, aber im Zeitalter des Priestermangels muss er froh sein, dass die katholische Kirche in Deutschland überhaupt noch Zirkuspfarrer einsetzt. Und auch in der Schweiz sieht es nicht besser aus. Heller macht zwar nichts anderes, als Zirkusse und die Schausteller und Artisten im Europapark Rust geistlich zu betreuen. Aber eigentlich müsste er schon im Ruhestand sein. Ob es für ihn noch einen Nachfolger geben wird?

Einmal im Jahr, im Hochsommer, hält Heller in Luzern im Zelt vom Zirkus Knie einen öffentlichen Gottesdienst. Vor einem Jahr hat er dabei die Tochter von Geraldine Knie getauft. Das Patenamt hat Prinzessin Stéphanie übernommen. Auch Pfarrer Ellinghaus und Pater Paul haben schon viele Kinder in der Manege getauft oder sie zur Erstkommunion geführt. Vor kurzem kam der Raubtierdompteur Martin Lacey, Gewinner des Monte-Carlo-Festivals von 2010, zu Pater Paul und bat ihn, einen Wurf Löwenjunge zu taufen. Der Pater erklärte ihm, dass das bei Tieren nicht gehe, und segnete dann den Löwen-Nachwuchs.

Für den monegassischen Pfarrer Patrick Keppel, der den Gottesdienst im Festival-Zelt von Monte Carlo erfunden hat, gibt es eine tiefe innere Verbindung zischen Kirche und Zirkus. Beide, sagt er, verbinden Menschen aller Nationen. Blickt Gott wohlgefällig auf die Zirkusse herab? Pfarrer Keppels Antwort fällt nur eine Nuance anders aus als die des Schweizers Heller: „Gott liebt die Menschen im Zirkus.“

Quelle: F.A.Z.

 
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