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Wolfgang Niedecken : Mit klarem Blick und ruhiger Seele

Nicht nur ein Menschenfreund, sondern auch einer der Tiere und Pflanzen: Wolfgang Niedecken beim Spaziergang im Frankfurter Palmengarten Bild: Frank Röth

Wolfgang Niedecken, Sänger, Herz und Hirn der Rockband BAP, weiß nicht erst seit seinem Schlaganfall vor zwei Jahren den Wert des Lebens zu schätzen.

          Es ist ein Herbsttag in Frankfurt, schon recht kühl, aber sonnendurchflutet. Wir treffen uns im geräumigen Café am Palmengarten. Viele Leute schauen auf, scheinen es irgendwie nicht zu glauben, manche lächeln hin zu uns, Wolfgang Niedecken erwidert ihre Freundlichkeit. Er ist ein Rockstar in Deutschland, und nicht nur die, die mit ihm älter geworden sind, haben die Musik im Ohr, die er seit gut dreißig Jahren macht, zusammen mit BAP, aber auch solo als Sänger. Dabei ist er so vielseitig wie kaum ein anderer, mit großem Orchester hinter sich wie der WDR Big Band oder, gerade jetzt, mit amerikanischen Musikerfreunden, in einer Begegnung der sehr speziellen, feinen Art.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Wir reden über viele Dinge, sagen wir: über die Dinge des Lebens, nur wenige Sätze über den Schlaganfall, der ihn im November 2011, gut ein halbes Jahr nach seinem sechzigsten Geburtstag, kalt erwischte. Nicht weil ein wildes Rocker-Leben seinen Tribut gefordert hätte, sondern weil ein übler Erkältungshusten ihm ein Blutgerinnsel ins Gehirn trieb. Seine Frau war zufällig in der Nähe, als ihm die Sinne schwanden, und handelte genau richtig. Am eindrücklichsten hat er selbst diese Erfahrung und die Zeit der Rehabilitation in seinem Buch „Zugabe. Die Geschichte einer Rückkehr“ geschildert, dem zweiten Teil der Beschreibung seines bisherigen Lebens: klug, humorvoll, mit optimistischer Demut. Für eine Autobiographie als winterliche Spätlese ist er wirklich nicht reif, Herbst des Lebens hin oder her.

          Begnadeter Erzähler ohne Eitelkeiten

          Wolfgang Niedecken hat bestimmt Engelsgeduld bei Fragen, die er schon zigmal gestellt bekam, das gehört schließlich zu seinem Geschäft. Doch er hat eine noch viel schönere Eigenschaft: Er muss nicht dauernd über sich selbst sprechen. Im Gegenteil, er ist ein begnadeter Erzähler, ohne Eitelkeiten. Der Frontmann der, wahrscheinlich, erfolgreichsten deutschen Rockband ist das Gegenteil eines habituellen Selbstbespieglers. Auf diese Weise gibt es ein paar Geschichten, zum Beispiel eine zu Bob Dylan, über den er sagt, dass sein ganzes Leben durch ihn in eine andere Bahn gekommen ist. Daraus hat er wirklich nie einen Hehl gemacht.

          Da ist aber auch eine Begebenheit, über die er inzwischen sprechen könne, sie kommt von Larry Campbell, einem der Musiker, mit denen er sein aktuelles Album „Zosamme alt“ eingespielt hat. Campbell war acht Jahre lang mit Dylan auf dessen „Never Ending Tour“ unterwegs, ehe er ausstieg. Einmal hat Dylan mit George Harrison als Gast einen ganzen Nachmittag lang „Yesterday“ geprobt. Aber dann hat er Harrison beim Auftritt einfach hinter der Bühne versauern lassen und fuhr nach dem Konzert mit dem Bus weg. Niedecken - der Dylan selbst zweimal begegnet ist und ihn als freundlich und zugewandt erlebte - findet eine solche Missachtung eines Kollegen unverzeihlich. Damit sagt er, gewissermaßen beiläufig, eine Menge über sich selbst und seine eigenen Vorstellungen davon, was er im Umgang mit anderen Menschen für unzulässig hält.

          Ohne ihn gäbe es kein BAP: Niedecken im August in Köln
          Ohne ihn gäbe es kein BAP: Niedecken im August in Köln : Bild: dpa

          Eines hat Wolfgang Niedecken mit Bob Dylan gemein, es ließe sich das Hinübergleiten ins Lautmalerische nennen in seinen Songs, alles eben auf Kölsch, anders macht er das nicht. Auf seinem aktuellen Solo-Album kommt das wie eine Überredung daher, sanfter als früher, wenn er mit BAP die deutschen Stadien gerockt hat, hart auch in der Botschaft. Wer kennt nicht „Verdamp lang her“ oder „Kristallnaach“? Den Sinn dieser Lieder hat wirklich jeder in unserem Land verstanden. Und zu seinen Anliegen, für die er immer wieder auch mit seiner Musik eingetreten ist, steht er unverrückbar.

          Ohne ihn gäbe es kein BAP

          Dazu gehört sein Einsatz gegen Kindesmissbrauch. In Kongo engagiert er sich für das „Rebound“-Projekt, das sich um Kindersoldaten und Kinderprostituierte in dem kampfzerfetzten afrikanischen Land kümmert. Mehrfach war er dort, und er wird auch wieder hinfahren. Nachdem wir über „Rebound“ gesprochen haben, muss ich Wolfgang Niedecken unbedingt fragen, ob er auch bei den Gorillas im Hochland war? Er war. Und er erzählt großartig davon, was für ein ergreifendes Gefühl das war, als der Silverback sich ganz nah neben ihm niederließ, um an seinem Bambus zu kauen. Auch so etwas gehört zu den Dingen seines Lebens.

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