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Obdachlosigkeit in Deutschland : „Die meisten leben nicht auf der Straße“

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Manchmal ist Wohnungslosigkeit unübersehbar. Doch die allermeisten der Menschen, die kein Zuhause haben, sind notdürftig irgendwo untergekommen, im Straßenbild fallen sie nicht auf. Bild: dpa

860.000 Menschen in Deutschland haben neuesten Schätzungen zufolge kein Zuhause. Thomas Specht, Geschäftsführer der Wohnungslosenhilfe, über Ursachen, Überforderung – und die Frage, welchem Bettler man was geben sollte.

          Herr Specht, am vergangenen Dienstag haben Sie als Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe die neuen Obdachlosenzahlen präsentiert. Demnach leben in Deutschland etwa 52.000 Menschen auf der Straße. Wann haben Sie das letzte Mal einem Bettler Geld gegeben?

          Vor zwei Wochen. Ein Mann saß hier in Berlin vor einem Einkaufszentrum, vor ihm lag eine Mütze mit ein paar Münzen drin. Da habe ich zwei Euro reingelegt.

          Haben Sie sich danach besser gefühlt?

          Ja, aber das ist je nach Tagesform unterschiedlich. Bei jungen Menschen empfinde ich oft Mitgefühl, insgesamt ist es eine bunte Mischung zwischen Abwehr und Hilfsbereitschaft. Da unterscheide ich mich nicht von anderen: Wenn ich von der Arbeit nach Hause fahre, bin ich müde, vielleicht gestresst von überfüllten Bahnen – und dann wird man noch angesprochen. Manchmal nervt mich das, und oft gebe ich auch nichts.

          In deutschen Innenstädten wird man sehr oft angebettelt. Wem soll man da etwas geben? Ist es moralisch geboten, Frauen und Kindern zu helfen – oder landet das Geld am Ende sowieso bei der Bettel-Mafia?

          Es ist schwierig, allgemeine Empfehlungen zu geben. Niemand kann ständig helfen, aber man sollte sich auch nicht ganz verschließen. Ich persönlich handele wie wahrscheinlich die meisten aus dem Bauchgefühl. Bei bettelnden Frauen und Kindern ist es so, dass sie in der Regel versorgt werden, falls sie auf der Straße landen. Es ist recht wahrscheinlich, dass dies eine Form des organisierten Bettelns ist, wo den Frauen und Kindern das Geld wieder abgenommen wird. Aber da kann man sich im Einzelfall täuschen. Generell ist es so, dass Bettler das Geld oft für ihre Selbstversorgung brauchen und sich davon Essen kaufen.

          Ist es nicht auch legitim, wenn sich Obdachlose vom erbettelten Geld ein paar Bier leisten, um sich das harte Leben auf der Straße etwas erträglicher zu machen?

          Ja, natürlich, aber es ist eben auch legitim, gemischte Gefühle dazu zu haben. Dennoch möchte ich meine Almosen nicht an Bedingungen knüpfen. Es gibt diese Logik zwischen Bettler und Almosengeber, dass dieser den Bettler nicht verhört, ob er wirklich arm ist und was er mit dem Geld vorhat.

          Thomas Specht arbeitet seit 40 Jahren bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, seit 
2003 als Geschäftsführer. Er geht zum Jahresende in Ruhestand.
          Thomas Specht arbeitet seit 40 Jahren bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, seit 2003 als Geschäftsführer. Er geht zum Jahresende in Ruhestand. : Bild: Andreas Pein

          Trotz der vielen Bettler und der schlimmen Einzelschicksale – in Deutschland ist weit weniger als ein Promille der Bevölkerung von Obdachlosigkeit betroffen. Sie sprechen dennoch von einem „Skandal“. Ist das nicht übertriebener Alarmismus?

          Die Größenordnung sagt nicht unbedingt etwas über die Relevanz aus. Obdachlose, die auf der Straße leben, sind von extremer Armut und Lebensrisiken gekennzeichnet bis hin zu Gewalterfahrungen und dem Kältetod. Seit 1990 sind 300 Obdachlose erfroren. Und insgesamt gibt es ja 860.000 Wohnungslose, also Menschen, die ohne Mietvertrag in teils unwürdigen Notunterkünften, in Wohnheimen oder bei Freunden leben. Da sind auch die rund 440.000 wohnungslosen Flüchtlinge miteingerechnet, die Anspruch auf eine Wohnung hätten, aber in Massenunterkünften leben.

          In der Bundesrepublik gibt es ein engmaschiges soziales Netz, von Schuldnerberatungen und Sozialämtern bis zu Bahnhofsmissionen. Sind Menschen, die auf der Straße landen, da nicht irgendwie selbst schuld?

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