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Wirtschaftskrise in Spanien : Am Beispiel meiner Freunde

  • -Aktualisiert am

Zaida, 27: „Ich bin froh, ausgebeutet zu werden.“ Bild: Samantha Franson

In Spanien steht eine Generation still, darunter: die Freunde unserer Autorin. Vor sechs Jahren, als sie mit ihnen studierte, lebten sie unbeschwert in León. Doch in der Krise ist nichts mehr, wie es war.

          Er ist der Letzte. Jorge Rodríguez, 34 Jahre alt, Agraringenieur, hat León 2013, im sechsten Jahr der Krise, noch nicht verlassen. Ich kannte ihn einmal gut, aber nun erkenne ich ihn kaum wieder. Den Jorge von früher, den kindlich sorglosen, gibt es nicht mehr. Seine Haare sind vor der Zeit ergraut. Mit Frau und zwei Kindern lebt er auf 80 Quadratmetern Eigentumswohnung, ein zementierter Neubau, vier Zimmer auf zwei Stockwerken. Die ersten eigenen Wände. Sie sind auch Jorges Gefängnis. Denn mit ihnen fingen die Probleme an.

          Der Nordwesten Spaniens, Region Castilla y León. 130 000 Menschen leben hier in der Stadt León. Einst, in den guten Zeiten, gehörten meine vier Freunde dazu: Jorge, Ana, Zaida und David. Und Anfang 2007, für sechs Monate als Gaststudentin, auch ich. Am Ende jenes Jahres platzte Spaniens Immobilienblase, da war ich schon fort.

          Sechs Jahre später sitze ich Jorge gegenüber und frage ihn, wo die anderen sind. „Ana ist nach Deutschland gegangen. Zaida lebt mit David in Madrid. Sie jobbt. Er sucht Arbeit, egal wo.“ Jorge hat seine Freunde lange nicht mehr gesehen.

          Halbfertige Wohnträume: Viele Immobilienfirmen sind pleite gegangen.

          Eine Generation verkümmert in der Warteschleife. Die Geschichte meiner Freunde bündelt die Krise der spanischen Jugend. In den ersten Jahren der Demokratie geboren, im spanischen Wirtschaftswunder groß geworden, als Erwachsene aus dem vermeintlich sicheren Nest gestoßen. Die am besten ausgebildete Jugend, die Spanien je besaß. Ihre Bewerbungsmappen sind bestückt mit Universitätsdiplomen, sie sprechen mehrere Fremdsprachen, haben Europa bereist. Und dennoch finden sie keine Arbeit, die ihrem Studium entspricht, oder kriegen am Ende des Monats Beträge auf ihr Konto überwiesen, die ein Überleben nicht garantieren. Sie sind die Elite, die Spanien irgendwann herausholen könnte aus dieser Krise, die sich durch das Land frisst wie die Raupe Nimmersatt - das Tier aus ihren Kinderbüchern. Sie sind seine wichtigste Ressource, aber Spanien verliert sie.

          Einheimische und Einwanderer lebten den spanischen Traum

          León kannte 2007 niemand so gut wie Ana, 24 Jahre alt, hier geboren und groß geworden. Sie wusste, wo sonntags Kinofilme umsonst gezeigt wurden, wo man an einem Samstag bei freiem Eintritt ins Theater gehen konnte. Eine aufrechte junge Frau, die ihre Stadt vehement gegenüber dem zwei Autostunden entfernten Valladolid verteidigte. Das hatte beim Wiederaufbau nach der Franco-Diktatur alle Industrie abgekriegt, während León leer ausgegangen war. Touristen pilgerten den Jakobsweg entlang, der quer durch den Norden des Landes führt. Wir pilgerten ins „feuchte Viertel“, in dem sich auf wenig Fläche mehr als 100 Lokale konzentrierten. Zehn Bars an einem Abend, am Ende landeten wir fast immer im Korova - eine Hommage an die Milchbar aus dem Film „Clockwork Orange“. Hier lief Musik, die man in anderen Clubs nicht hörte. Nichts fehlte damals. Alles war, wie es sein sollte.

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