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Willem Dafoe im Gespräch : „Manche Dinge nagen an uns“

  • Aktualisiert am

Charaktergesicht: Der Hollywood-Star Willem Dafoe spielt in seinem neuen Film einen Bankier in moralischen Zwickmühlen Bild: Reuters

Der amerikanische Schauspieler Willem Dafoe über den Drehort Hamburg, moralische Zwickmühlen, Geheimnisse und Geheimdienste - und über die Schwierigkeit, einen schwachen Menschen zu spielen.

          Willem Dafoe kann man nicht entkommen. Zuletzt fasste der amerikanische Schauspieler mit den markanten Wangenknochen, der zum ersten Mal in Oliver Stones „Platoon“ auffiel und seither beispielsweise in „Mississippi Burning“ und „Die letzte Versuchung Christi“, aber auch in drei „Spider Man“- Filmen spielte, das deutsche Publikum als Auftragskiller in Wes Andersons „The Grand Budapest Hotel“ ins eiskalte Auge. Verwachsen mit seinem Motorrad, brauchte er zur Erledigung seiner Tötungsgeschäfte nur den kleinen Finger zu rühren: Er drehte auf und hielt drauf. Der Zuschauer ging in Deckung und sah ihn davonbrettern in die Abgründe einer phantastischen Geschichtslandschaft, der katholischen, barocken Hälfte eines deutschsprachigen Mitteleuropa.

          Dafoes neuer Film hat wieder einen deutschen Schauplatz. Diesmal agiert er auf protestantischem Terrain, in Hamburg, einer Stadt des Handels und der Händel, der Gewissenhaftigkeit und der Gewissensnot. Anton Corbijn hat John le Carrés Roman „A Most Wanted Man“ verfilmt. Der Gesuchte des Titels ist ein junger Tschetschene, der in Hamburg mit dem Schlüssel zu einem Banksafe auftaucht. Dafoe ist der Bankier: Tommy Brue, ein Engländer, der die Privatbank von seinem undurchsichtigen Vater geerbt hat. Der deutsche Geheimdienstler Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman in seiner letzten Rolle) erpresst Brue, weil er mit dem Geld des Tschetschenen dem „Doktor“ eine Falle stellen will, einem muslimischen Prediger im Maßanzug, der im Verdacht steht, den Terrorismus zu finanzieren.

          Im Gespräch in der Bar eines New Yorker Künstlerclubs interpretiert Dafoe, Jahrgang 1955, seine Arbeit bereitwillig und eingehend, präzise zurückfragend, hartnäckig lächelnd, fast unheimlich höflich.

          War es wichtig, „A Most Wanted Man“ in Hamburg zu drehen?

          Es ist ein sehr hamburgischer Film. Die Geschichte wurde für Hamburg geschrieben. John le Carré kennt die Stadt sehr gut. Die Originalschauplätze haben immer ihre eigene Autorität. Sie helfen einem dabei, etwas vorzuspiegeln, das man nicht ist. Hamburg ist eine sehr wichtige Figur in der Geschichte.

          Wie brachte die Stadt ihre Autorität zur Geltung? Durch das Wetter?

          Auch durch das Wetter. Ich spiele einen Engländer, einen weltweit tätigen Privatbankier, und mir fallen auf der Welt nicht viele andere Orte ein, wo dieser Berufsstand zum Stadtbild gehört. Auch ästhetisch ist der englische Einfluss stark. Die Anzüge, die ich trage, sind eine Mischung aus deutschem und sehr englischem Stil. Diesen Stil sieht man nicht in Berlin und nicht in Frankfurt. Hamburg ist eine Hafenstadt, eine sehr wohlhabende Stadt, die viel früher einen hohen Anteil von Einwanderern unter ihren Einwohnern hatte als das übrige Deutschland. Die im Film vorgeführte Selbstverständlichkeit, mit der im Milieu dieser Neu-Hamburger nach dem 11. September 2001 ein illegaler Einwanderer aus Tschetschenien aufgenommen wird, spricht Bände. Das wäre anderswo anders.

          Angst vor dem Terror, Furchtlosigkeit nach dem Terror: Liegt der Verarbeitung dieser Thematik eine hamburgische Dramaturgie zugrunde?

          Bedeutsam für die Stimmung des Films ist das Motiv der Schifffahrt, ein Lebensgefühl des Kommens und Gehens. Hier ist alles flüssig, alles im Fluss: Geld, Menschen, Ideen. Dieser Hintergrund macht das Denken gefährlicher. Wenn man sich in einer Umwelt, die in ständiger Bewegung ist, einen terroristischen Akt ausmalt, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass wirklich etwas in die Luft gejagt wird.

          In Aktion: Willem Dafoe in „A Most Wanted Man“
          In Aktion: Willem Dafoe in „A Most Wanted Man“ : Bild: dpa

          Wie passt Mr. Brue zum Charakter seiner Wahlheimatstadt?

          Der Film erzählt von einer Verschwörung der Antiterrorspezialisten. In diesem Plot gibt es eine Reihe von unfreiwilligen Mitspielern. Ihnen werden alte Rechnungen präsentiert. Die Frage ist immer: Wer hat damit angefangen? Und die Antwort ist: Die Geschichte hat damit angefangen. Brue ist ein Mann, der mit seinem Leben zufrieden sein kann, auch wenn er nicht glücklich ist. Endlich tut er einmal das Richtige, und prompt wird er rekrutiert für diese Operation. Wegen seines Charakters, seines Lebensstils, seiner Geschichte steckt er in moralischen Zwickmühlen, und seine Lage wird verteufelt ungemütlich, sobald er sich mit diesen Leuten vom Geheimdienst einlässt. Man kennt das: Es gibt Dinge, die an uns nagen, aber latent bleiben, sozusagen nicht aktiv werden, und plötzlich geschieht etwas, das sie in den Vordergrund holt, so dass man es nun mit Problemen zu tun hat, die einem tätig zusetzen. So ergeht es vielen Figuren in dieser Geschichte.

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