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Wilhelm Schmid : Die innige Liebe zu jedem einzelnen Wort

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Das Leben ist zu kurz, um dicke Bücher zu schreiben: Wilhelm Schmid in seiner Wohnung in Berlin-Charlottenburg. Welch ein Glück, dass es in der Gegend - wie er sagt - den besten Kaffee und den besten Espresso der Stadt gibt. Bild: Matthias Lüdecke

Er spricht mit Taxifahrern über Sex und mit Kranken über den Tod. Seine Bücher über das Glück oder die Gelassenheit sind allesamt Bestseller. Ein Besuch bei Wilhelm Schmid.

          Wilhelm Schmid lacht. Nein, sein neues Buch „Sexout“ entspringe keinem Kalkül, keinem eiskalten Verlagsmarketing, also wirklich nicht. Obwohl man es vermuten könnte. Die Titel seiner Bücher lauten nämlich einprägsam und schnittig „Gelassenheit“, „Liebe“, „Glück“, „Dem Leben Sinn geben“, „Vom Glück der Freundschaft“. Insgesamt bringt Wilhelm Schmid es auf eine Auflage von mehr als einer Million, „Gelassenheit“ steht seit März 2014 auf der Bestsellerliste und hat sich bisher 450.000 Mal verkauft. Und da läge es doch nahe, dass der Suhrkamp-Verlag seinem Erfolgsautor empfehlen würde, sich jetzt einmal dem stets verkaufsträchtigen Thema Sex zuzuwenden.

          Nein, sagt Schmid entschieden, jedes seiner Bücher sei ganz allein auf seinem eigenen Ideenbeet gewachsen, Suhrkamp nehme keinerlei Einfluss: „Der Verlag folgt dankenswerterweise den Wünschen und Interessen der Autoren, nicht umgekehrt.“ Aber der Titel „Sexout“, der so sehr nach Forcieren des Marktes klingt? Ebenfalls ganz allein seine eigene Erfindung, sagt der Philosoph. Der Vater von vier Kindern (40, 33, 23, 18) fügt hinzu, dass er sich auch als Privatmensch sehr für Sex interessiere, „theoretisch wie praktisch“.

          Auf das Thema kam er, als er eine Weile in einem Krankenhaus in Affoltern bei Zürich als ein philosophischer Seelsorger arbeitete. Viele Patienten kamen von sich aus auf ihre Sexualität zu sprechen, die nicht selten einer Leidensgeschichte glich. Damit war die Idee zu einem Buch geboren, doch vor dem Schreiben folgten noch viele Gespräche. Wenn Schmid einen Taxifahrer mutig fragte: „Und wie geht’s mit dem Sex?“, reagierte der meist nur kurzfristig befremdet - „danach sprudelte es nur so aus ihm heraus“.

          Format ungewöhnlich winzig

          Schmid lacht. Was er häufig tut, selbst wenn der Anlass nicht übermäßig komisch erscheint. Er ist bürgerlich, doch ohne Ehrgeiz gekleidet und empfängt in Berlin-Charlottenburg in seinem Arbeitszimmer mit dem kleinen Schreibtisch und den vielen Büchern. Es ist einer jener gemütlichen Räume ohne gestalterischen Willen, in denen auch ein Student leben könnte, das Sofa hat schon bessere Jahre gesehen. Es ist das Zimmer eines Mannes, der es nicht nötig hat, seinen schlichten Namen Wilhelm Schmid durch ein Initial aufzupeppen.

          Schmids philosophische Lebenshilfe-Bücher bei Suhrkamp sind ungewöhnlich schmale Werke. Schon das Format ist mit 10,8 mal 15,4 Zentimeter ungewöhnlich winzig. „Gelassenheit“ bringt es auf 118 Seiten, „Liebe“ (200.000 Mal verkauft) gar nur auf 92. Vielleicht ist die Kürze Teil des Erfolgs. Man merkt den Texten an, dass ihr Verfasser um die beste Formulierung ringt. Vieles ist gut gesagt in diesen Büchern, beispielsweise diese Passage aus „Glück“: „Beglückend wirkt die Erfahrung des Berührens und Berührtwerdens und wird dennoch viel zu wenig gewährt und genutzt. Stattdessen wird der innere Sinn, das Spüren des eigenen Körpers, manchmal bis zur Hypochondrie getrieben, um diesen Sinn bis zum Überdruss auszureizen. Sinnstiftend kann hingegen schon das bloße Singen sein, das den ganzen Körper, auch die Seele, in Schwingungen versetzt.“

          Und wer die Bücher liest, an denen ihr Autor meist mehrere Jahre gedanklich und ein halbes Jahr konzentriert schreibend gearbeitet hat, bemerkt rasch, dass die Sätze Destillate seines Wissens sind, komprimierte Erkenntnisse. Und dass der Autor sich auf jeder Seite, bei jedem zweiten Satz zurückhalten muss, um nicht in vielen Einschüben und Relativsätzen das Füllhorn seines philosophischen Wissens auszuschütten.

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