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Veröffentlicht: 08.08.2008, 16:21 Uhr

Wiedersehen nach langer Trennung Eine Liebe zwischen Jena und Nordkorea

Nahezu fünf Jahrzehnte waren sie unfreiwillig getrennt, nun gab es ein Wiedersehen für Renate Hong aus Jena und ihren in Nordkorea lebenden Ehemann. Eine Wiedervereinigung wird es nicht geben, schon der Briefkontakt bleibt schwer.

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© dpa Ein Familienfoto vom März 1961

Für Renate Hong ging ein Traum in Erfüllung. Gemeinsam mit ihren Söhnen Peter und Uwe konnte sie ihren Mann Hong Ok-guen in Nordkorea besuchen, der 1961 von ihr getrennt wurde und zu dem sie über Jahrzehnte keinen Kontakt hatte. Nun ist sie von einer zehntägigen Reise durch Nordkorea nach Deutschland zurückgekehrt.

Renate Kleinle, die spätere Frau Hong, wollte ihr Leben leben wie Millionen anderer junger Mädchen, doch die Weltpolitik bemächtigte sich ihrer. Renate Hong wurde ein Leben lang zum Opfer der Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Doch ihre Liebe ließ sich politisch nicht bezwingen, und ihre Hoffnung trug sie bis zuletzt.

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Renate Kleinle kam 1937 in Marburg an der Lahn zur Welt. Die Familie lebte in Wetzlar 40 Kilometer lahnabwärts. Die Alliierten bombardierten die Stadt mit ihren bedeutenden Industriebetrieben wie Buderus und Leitz. In der Hoffnung, den Angriffen zu entkommen, zogen die Kleinles nach Osten. Die Familie folgte dem Vater nach Jena.

Jena Renate Hong traf Ehemann nach 47 Jahren wieder © dpa Vergrößern Renate Hong und ihr Sohn Peter

Annäherung auf dem Immatrikulationsball

Auch beruflich folgte Renate ihrem Vater. Sie wurde Lehrerin. 1955 begann sie ihr Studium der Chemie und Biologie in Jena. In der Chemievorlesung traf sie auf die koreanischen Studenten, die im „sozialistischen Bruderland“ die Chance hatten, Naturwissenschaften an einer deutschen Hochschule zu studieren. Auf dem Immatrikulationsball kam Renate einem der Studenten, Hong Ok-guen, näher. Wenn sie sich heute erinnert, ist die vergangene Zeit wieder in ihr wach.

Es war eine schöne Zeit und für sie wohl die schönste Zeit in ihrem Leben. Ein Traum war Wirklichkeit. Die jungen Leute tanzten Walzer, Tango und Foxtrott, die Herren trugen Anzüge und die Damen Ballkleider. Ihr Kleid hatte ihr die Mutter genäht, sagt Frau Hong. Sie habe geholfen. Auch Renate und Ok-guen halfen einander. Sie unterstützte ihn im Deutschen. Er aber war vor allem in Mathematik und Physik begabt. Die beiden gingen zusammen spazieren, spürten die Blicke der anderen Passanten, hörten ihr Tuscheln, denn eine Deutsche und ein Koreaner waren in Jena ein fremder Anblick. Das brachte sie noch näher zusammen.

1960 Hochzeit in Jena

Renate wurde schwanger. Im Februar 1960 heirateten die beiden. Der Standesbeamte in Jena wollte das Paar nicht trauen, denn es fehlten Papiere aus Korea. Der Kollege in Weimar war großzügiger: Ehen unter DDR-Bürgern und Nordkoreanern seien prinzipiell erlaubt. Frau Hong schloss im März ihr Studium ab und begann als Lehrerin zu unterrichten. Mitte des Jahres kam Peter zur Welt. Er hatte die deutsche Staatsbürgerschaft. Auch der Ehemann beendete sein Studium und fand eine Anstellung in einem Chemiefaserwerk.

Die Familie hoffte, dass der Vater noch eine Weile in der DDR bleiben durfte. Später wollten sie nach Korea übersiedeln. Sie waren doch eine Familie, zumal eine, die abermals Nachwuchs erwartete. Dann aber, im April 1961, wurde Hong Ok-guen „über Nacht“ aufgefordert, in seine Heimat zurückzukehren. Renate brachte ihn an den Saalbahnhof in Jena. Schwanger mit Uwe stand sie am Bahnsteig, den zehn Monate alten Peter auf dem Arm, als der Zug mit ihrem Mann und dem Vater ihrer Kinder gen Osten zu stampfen begann.

1963 bracht der Kontakt ab

Durch Russland und China reiste Ok-guen allein zurück nach Nordkorea. Noch im Zug begann er, Briefe an seine geliebte Familie zu schreiben. Aber der Kontakt brach 1963 ab. „Liebe Renate! Wie geht es Dir und den beiden Kindern? Seid ihr alle gesund? Ich kann Dir nicht viel schreiben. Hoffentlich bekommst Du alle Briefe. Ich kann Dir heute nur ein Lebenszeichen geben.“ Das war der letzte Brief ihres Mannes, der Frau Hong erreichte.

Frau Hong absolvierte ein Ingenieurstudium und arbeitete bei Jenapharm. Mit ihren Kindern war sie unzertrennlich: „Einer ist links gegangen, einer rechts und die Mutti in der Mitte.“ Alle Versuche, mit ihrem Mann in der stalinistisch geprägten Diktatur am anderen Ende der Welt in Kontakt zu kommen, scheiterten. Neue Hoffnung kam 1989 auf. Frau Hong traf zwei koreanische Freunde aus der schönen Zeit in den fünfziger Jahren. Frau Hong erfuhr, dass ihr Mann noch immer als Wissenschaftler in Hamhung lebte. Sie schöpfte neuen Mut.

Diskrete Hilfe vom Deutschen Roten Kreuz

Nach den Bildern von der ersten Familienzusammenführung zwischen Nord- und Südkoreanern gelangte Frau Hong über südkoreanische Studenten in Kontakt zum Deutschlandkorrespondenten der koreanischen Zeitung „Joong Ang Daily“. Sie hoffte, wenn er ihr Schicksal schilderte, könnte sich das Regime in Pjöngjang erweichen lassen. Doch nichts geschah.

Nun endlich trug ihre Hoffnung Frucht. Frau Hong konnte die Söhne, einen Meister in einem Lebensmittelunternehmen und einen promovierten Chemiker, dem Vater vorstellen. Wie es dazu kam? „Das Geheimnis des Erfolges ist Diskretion“, sagt die Sprecherin des Deutschen Roten Kreuzes. Sie sage nichts zu den Umständen, wie das Wiedersehen, die erste deutsch-nordkoreanische Familienzusammenführung, zustande gekommen sei, denn die Nordkoreaner reagierten auf solche Nachrichten „sehr empfindlich“.

Beim Wiedersehen viel gelacht

Ihr größter Wunsch, sagt Frau Hong, sei es, Briefkontakt zu halten. Aber selbst dies wird auch nach dem Treffen schwierig bleiben. Offen ist auch, ob der Vater seine deutsche Familie einmal wird besuchen dürfen. Hong Ok-guen heiratete in Korea ein zweites Mal, ist dort Vater dreier Kinder.

Während der Reise hat Familie Hong viel gelacht. Das erinnerte Frau Hong an früher. Ihr Ok-guen habe noch immer so einen „netten Humor“. Ok-guen ist heute 74 Jahre alt, Renate 71. Die zierliche Frau hatte Offerten genug, aber nie mehr die Kraft, sich noch einmal zu verlieben. Sie mied es stets, von ihrem Ehemann zu sprechen, nannte Ok-guen lieber den Vater ihrer Kinder, denn dass er allein geblieben sei, habe sie doch nicht erwarten können.

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